Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. September 2015

Spurensuche

Neuer Audioguide zur Freiburger Kolonialismus-Geschichte

Wo hat der Kolonialismus Spuren in Freiburg hinterlassen? Solche Fragen treiben den Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann (45) seit zehn Jahren um. Seitdem erforscht er die Freiburger Kolonialgeschichte und präsentiert sein Material online bei „Freiburg-postkolonial.de“. Jetzt können einige Ergebnisse bei einem Stadtrundgang angehört werden – mit dem Audioguide, den die Journalistin Martina Backes vom „Informationszentrum 3. Welt“ (IZ3W) entwickelt hat. Heute wird er vorgestellt, zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe.

  1. Martina Backes und Heiko Wegmann in der Ausstellung, die Teil der großen Kolonialismus-Reihe ist. Foto: th. kunz

  2. Das Alexander-Ecker-Denkmal beim Anatomischen Institut an der Albertstraße Foto: wegmann

Die Stimmen von einstigen Kolonialismus-Repräsentanten sind beim Audioguide nicht im Original zu hören – aber dafür viele Zitate von ihnen, die vorgelesen werden: Die meisten stammen aus der "Freiburger Zeitung", die bei Heiko Wegmanns Forschungen eine der wichtigsten Quellen war. Vielleicht ließen sich in Archiven auch noch O-Töne auftreiben, überlegt Heiko Wegmann.

Das aber würde nochmal eine zusätzliche von vielen mühsamen Recherchen erfordern, die ihn seit zehn Jahren auf Trab halten – zusätzlich zu seiner Politik-Promotion über Kolonialgeschichte und einem Buch über die SS in Freiburg und Südbaden. Und ein großer Mangel lässt sich nicht mal mit viel Aufwand ausgleichen: Von den Opfern des Kolonialismus gibt’s praktisch keine Äußerungen, bedauert Martina Backes. Um ihrer Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen, hat sie Zitate aus dem Buch "Wie Rassismus aus Wörtern spricht" von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard eingebaut. So werden die Äußerungen der Kolonialismus-Vertreter entlarvt, es entsteht Distanz zu damals gängigen Denkmustern und Begriffen – zum Beispiel, wenn von "Eingeborenen" die Rede ist.

Werbung


Klar ist: Der Audioguide ließe sich noch erheblich erweitern. Die derzeit acht Stationen – von denen bei der Einweihung vier präsentiert werden – sollen weiter ergänzt werden. Die bisherige Arbeit wurde unter anderem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Stiftung Zusammenarbeit und Entwicklung Baden-Württemberg gefördert. Zurzeit bereiten Martina Backes und ihre IZ3W-Kollegen noch einen Projekttag für Schulen vor, der für Jugendliche ab etwa 15 Jahren an allen Schularten geeignet ist.

Dass der Audioguide die Kolonialgeschichte akustisch nahebringt, ist umso wichtiger, weil es an den zentralen Orten fast nichts mehr zu sehen gibt: Die 1935 am Platz der Universität gepflanzte Kolonialeiche ist längst nicht mehr da, und am Stühlinger Kirchplatz oder im Stadtgarten erinnert nichts an die "Völkerschauen", die hier einst stattfanden, bei denen farbige Menschen wie Zootiere vorgeführt wurden. Immer noch präsent sind dagegen Straßennamen, die – bisher unkommentiert – an Kolonialismus-Vertreter erinnern. Für den Anatomie-Professor Alexander Ecker, nach dem die Schädelsammlung mit Schädeln ermordeter Herero und anderer Ethnien benannt wurde, wurde zudem ein Denkmal in der Albertstraße errichtet.

Heiko Wegmann wünscht sich, dass die Kolonialgeschichte stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt. Dazu soll die große Veranstaltungsreihe mit 15 Veranstaltungen bis zum 10. November beitragen. Höhepunkte sind unter anderem eine Vorpremiere des WDR-Films "Der Zahn des Häuptlings", zu der Anuschka Haak, die Urenkelin eines Offiziers, der den Zahn eines Sultans als Siegestrophäe hütete, nach Freiburg kommt (2. Oktober, 19.30 Uhr, Kommunales Kino, 6 Euro Eintritt). Außerdem wird Theodor Michael, der Sohn eines Kolonialmigranten, der selbst als Kind bei Völkerschauen als Statist auftrat, aus seiner Biografie lesen (12. Oktober, 20 Uhr, Wallgraben-Theater, 10 Euro Eintritt). Über den Umgang Freiburgs mit seiner Kolonialvergangenheit diskutiert Bernd Grewes, Historiker an der Pädagogischen Hochschule, am 13. Oktober um 20 Uhr im Kommunalen Kino.

Er wird laut der städtischen Pressesprecherin Eva Amann auch eine Arbeitsgruppe leiten, die erstmals im städtischen Auftrag für die Museen und das Kulturdezernat in Kooperation mit der PH die Kolonialgeschichte bis Ende 2016 erforschen soll. Ziel ist eine Studie: "Freiburg im Kolonialismus 1870 -1933".

Heute: Um 18 Uhr beginnt die Audioguide-Stadtführung "Kolonialgeschichte hörbar machen" in der Bertoldstraße 46 (Theater), Teilnahme kostenlos.20 Uhr Vernissage der Ausstellung "Freiburg und die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika 2.0", Kommunales Kino, Urachstraße 40. Mit einem Vortrag von Heiko Wegmann und der Performance-Künstlerin Jazzmin Tutum. Die Ausstellung ist bis Mittwoch, 7. Oktober während des Café-Betriebs im Kommunalen Kino zu sehen. Infos zum weiteren Veranstaltungsprogramm: http://www.freiburg-postkolonial.de

Autor: Anja Bochtler