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17. Dezember 2011

Neues Netzwerk für Alleinerziehende

Harfe will zum Einzelfall passende Dienstleistungsketten entwickeln / Bertold Dietz: "Strukturelle Rücksichtslosigkeit".

Wer ein musikalisches Event erwartet, ist auf dem Holzweg: "Harfe" ist das "Hilfenetz für Alleinerziehende in Freiburg", das derzeit unter Federführung des Diakonievereins geknüpft wird. Angestoßen wurde es vom Bundesministerium für Arbeit: An bundesweit 105 Standorten sollen Alleinerziehenden mit solchen "Netzwerken wirksamer Hilfen" tragfähige Brücken in die Gesellschaft und auf den Arbeitsmarkt gebaut werden. Harfe stellte sich am Mittwoch bei einer feierlichen Auftaktveranstaltung im Historischen Kaufhaus der Öffentlichkeit vor.

Unter den 115 600 Haushalten in Freiburg listet das Statistische Jahrbuch für 2010 circa 20 000 Haushalte mit Kindern auf. Davon wiederum sind 27,6 Prozent solche, in denen nur ein Elternteil für die Kinder sorgt. In manchen Stadtteilen ist es fast die Hälfte. Die weitaus meisten Alleinerziehenden sind nach einer Trennung dazu geworden und 35 Jahre oder älter. Minderjährige Mütter machen nur einen Bruchteil aus. Es zählen zwar auch Väter dazu, die etwa nach dem Tod der Ehefrau die Kinder alleine erziehen. Birgit Söhne vom Amt für Kinder, Jugend und Familie hält aber fest: "Allein erziehen ist Frauensache." Mehr Alleinerziehende als Mütter in Paarfamilien arbeiteten Vollzeit, weil sie es müssten. Urlaub sei dennoch für viele nicht drin. Viele seien neben dem Einkommen auf Transferleistungen angewiesen. Und: Alleinerziehende bräuchten häufiger erzieherische Hilfen.

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Harfe wolle ihnen nicht zu mehr Geld verhelfen, sondern zum Einzelfall passende "Dienstleistungsketten entwickeln". Gerhard Wienands etwa fühlt sich "elementar angewiesen auf Kooperationen", wenn das von ihm geleitete Caritas-Bildungszentrum Teilzeitausbildungen für junge allein erziehende Frauen anbietet. Susanne Kaiser, Beauftragte für Chancengleichheit beim Jobcenter, erlebt immer wieder, dass Vermittlungen in Arbeit oder Ausbildung daran scheitern, dass keine passende Kinderbetreuung gefunden wird – vor allem in den Randzeiten, wenn alle Kitas geschlossen sind. Der Tagesmütterverein bietet sich an, gemeinsam mit anderen Projektpartnern nach Lösungen zu suchen. Diese sollen nicht nur praktischer Natur sein und Lücken jedweder Art stopfen: "Wir müssen den Blick von der Einzelbiografie auch auf die gesellschaftlichen Phänomene richten", mahnt Wienands. Bertold Dietz, Professor an der Evangelischen Hochschule und Moderator der Veranstaltung spricht von der "strukturellen Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft gegenüber Alleinerziehenden", die es zu überwinden gelte.

Dafür haben sich zehn Projektpartner unter der Leitung von Diakonie-Geschäftsführer Jochen Pfisterer und koordiniert von Sabine Burkhardt zusammen gefunden. In sechs Arbeitskreisen beackern sie Themenfelder vom Arbeitsmarkt über Kinderbetreuung und Gesundheit bis zu Lebensräumen und Wohnen. Bei Null anfangen müssen sie in Freiburg laut Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach nicht. In seinem Grußwort für die Stadt verweist er auf bestehende Netzwerke für Alleinerziehende, die im vergangenen Jahr Teil des Freiburger Bündnisses für Familien wurden. Sie sollen "in die Programmstruktur von Harfe integriert" und weiter gestärkt werden, verspricht Jochen Pfisterer.

HARFE

hat eine Laufzeit von zwei Jahren und ist dafür mit 250 000 Euro ausgestattet. 20 Prozent kommen von den Projektpartnern, der Rest sind Zuschüsse von Bundesarbeitsministerium und Europäischem Sozialfonds. Das Projekt wird wissenschaftlich ausgewertet. Projektträger ist der Freiburger Diakonieverein. Die Partner sind: Bündnis für Familie, Weiterbildungszentrum des Stadtcaritasverbands, Jobcenter, Pro Familia, Tagesmütterverein, Sozialdienst Katholischer Frauen, Amt für Kinder, Jugend und Familie sowie Kontaktstelle Frau und Beruf der Stadt.  

Autor: arü

Autor: Anita Rüffer