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23. April 2010

Niederlagen mit Erfolgen ausgleichen

Reinhard Sprehes Bildungsarbeit hinter Mauern wird mit der Fliedner-Medaille anerkannt.

  1. Reinhard Sprehe Foto: Bamberger

"Manchmal muss man Mut haben", lächelt Reinhard Sprehe. Mehr als die Hälfte seines Lebens arbeitet der bald 65-Jährige in der Freiburger Justizvollzugsanstalt (JVA), zunächst von 1976 an als Sonderschullehrer, mittlerweile längst als Leiter einer in der Stadt einzigartigen Schule: Hinter den Mauern an der Hermann-Herder-Straße holen ständig an die 200 inhaftierte Männer nach, was sie "draußen" aus vielfältigen Gründen nicht geschafft haben – eine Schulbildung.

Wenn Reinhard Sprehe von Mut spricht, hat er im Blick, dass die JVA in Freiburg zum Beispiel als einzige in Deutschland den studierenden Inhaftierten einen Internet-Zugang ermöglicht. "Den brauchen sie, um Seminararbeiten schreiben zu können – und es läuft prima." Nicht nur bei denen, die von ihren Zellen aus an der Fernuniversität Hagen studieren, ihren Abschluss machen und selbst nach 25 Jahren hinter Gittern auf dem freien Arbeitsmarkt einen Arbeitsmarkt finden. Stolz ist der Schulleiter auch darauf, dass allein im vergangenen Schuljahr 110 Inhaftierte einen Abschluss schafften, mehr als 1800 Schulabschlüsse sind es seit 1973.

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Allerdings geht es dem 64-Jährigen weniger um die Zahlen als vielmehr um die Erfahrungen jedes Einzelnen. "Die Männer kommen mit vielen Niederlagen in die Vollzugsanstalt, die wollen wir mit Erfolgen ausgleichen." Und das ist für Reinhard Sprehe nicht nur Sache einer individuellen Entwicklung, sondern hat auch gesellschaftliche Auswirkungen. Denn als eine Ursache für kriminelles Verhalten betrachtet er die Diskrepanz zwischen Begabung und Ausbildungsstand. "Viele macht diese Diskrepanz unzufrieden, es geht ihnen schlecht damit – wenn sie diese Lücke schließen, geht es ihnen besser."

Also Bildung als Resozialisierung und Entwicklungsförderung. Dafür bietet das Bildungszentrum der JVA Freiburg Lernen in vielen Variationen an: von Alphabetisierungs- und Elementarkursen über Haupt- und Realschule bis zu Berufsoberschule und Fernstudium. "Dabei wollen wir keine Einzelkämpfer, die Wissen anhäufen, sondern es geht uns ums soziale Lernen." Und der Unterricht mit seinen Leistungsanforderungen in 14 Klassen bietet laut Reinhard Sprehe gute Voraussetzungen dafür. In Zusammenarbeit mit freien Bildungsträgern unterrichten zur Zeit elf hauptamtliche und 55 nebenamtliche Lehrer in der JVA. Und Lehrerinnen. "Die sind ganz wichtig, weil durch sie viele hier ein anderes Frauenbild bekommen und erst lernen, sich von einer Frau etwas sagen zu lassen."

Nach seinen langjährigen Erfahrungen jedenfalls ist Reinhard Sprehe überzeugt: "Bildung ist ganz wesentlich für die Vorbereitung auf die Entlassung." Das sehen offenbar auch viele Inhaftierte so: Obwohl es für die erwachsenen Männer keine Schulpflicht gibt, seien alle Kurse voll. Auch wenn das Lernen nicht immer leicht fällt. "Aber es geht ja nicht um Verwöhnen, sondern um Versöhnen – Männer, die voller Hass hier reinkommen, sollen versöhnt, auch mit sich selbst, rausgehen und selbstbewusst in der Gesellschaft Fuß fassen." Auch dazu braucht es viel Mut. Für seinen und das, was er damit erreicht hat, wird Reinhard Sprehe heute in Freiburg während einer Tagung zur Humanisierung des Strafvollzugs mit der Theodor- und Friederike-Fliedner-Medaille ausgezeichnet.

Autor: Gerhard M. Kirk