Selbsthilfe

Phänomen Brummton raubt Betroffenen den Schlaf

Beate Beule

Von Beate Beule

Mo, 18. Januar 2010 um 18:31 Uhr

Freiburg

Eine Interessensgemeinschaft will der wachsenden Zahl an "Brummtonhörern" helfen. Die Ursache für den Ton ist nach wie vor unklar. Sind die Brummtonhörer nur hellhöriger als andere Menschen?

Als sie das Brummen zum ersten Mal hörte, dachte sie, es sei die Waschmaschine. Aber nachts um 2 Uhr? Das kam Annette Kunze (Name geändert) dann doch komisch vor. Inzwischen raubt ihr der tiefe Ton fast jede Nacht den Schlaf. Unter einem Tinnitus leidet die 40-Jährige jedoch nicht. Vielmehr gehört sie zu der wachsenden Zahl der Menschen, die sich als "Brummtonhörer" bezeichnen. Sie nehmen Töne wahr, die andere nicht hören. Woher das Brummen stammt, wissen sie nicht. In Freiburg versucht eine Interessensgemeinschaft, die Ursache herauszufinden.

Spinner oder psychisch Kranke: Mit diesen Vorurteilen werden die Brummtonhörer häufig konfrontiert. "Wenn ich davon erzähle, dass ich einen Brummton höre, ernte ich meist nur Kopfschütteln", sagt Gerhard Matern, der Koordinator der Freiburger Interessensgemeinschaft. Auch Ärzte nehmen das Phänomen nicht immer ernst. Dabei können die monotonen Geräusche für die Betroffenen zu einem echten Problem werden und ihnen das Leben schwer machen.

Knapp ein Dutzend Männer und Frauen sitzt beim jüngsten Treffen der Interessengemeinschaft um den Tisch im Freiburger Selbsthilfebüro herum. Sie alle berichten von Schlafstörungen, Herzrasen, einem Druck im Brustkorb, von Unruhe und Nervosität. Manche hören das Brummen immer, andere nur an bestimmten Orten oder zu bestimmten Zeiten.

ANDERS ALS BEIM TINNITUS ENTSTEHT DAS GERÄUSCH NICHT IM OHR

"Immer wenn ich am Theater vorbei gehe, ist es ganz schlimm", sagt eine ältere Dame: "Was ist da nur?" Zwei Frauen, die sich vorher nicht kannten, stellen fest, dass sie in zwei nebeneinander liegenden Häusern im Stadtteil St. Georgen leben. "Das habe ich schon häufiger gehört, dass der Brummton in diesem Teil der Stadt besonders gut zu hören ist", sagt Gerhard Matern.

Er geht davon aus, dass es allein im Raum Freiburg rund 100 Brummtonhörer gibt, quer durch alle Alters- und Berufsschichten. Aber das Problem ist auch deutschland- und sogar weltweit bekannt. Anders als beim Tinnitus entstehen die Geräusche nicht im Ohr selbst. Denn wenn sich die Betroffenen die Ohren zuhalten, ist der Ton weg. Allein, was fehlt, ist die Ursache für den Brummton.

Im Jahr 2001 machte sich sogar das baden-württembergische Umweltministerium mit Spezialgeräten auf die Suche nach den Geräuschen, nachdem mehr als 200 Betroffene Anzeige gegen Unbekannt erstattet hatten. Zu einem konkreten Ergebnis kam es jedoch nicht.

Theorien gibt es indes viele. Brummtonhörer scheinen die Fähigkeit zu haben, Geräusche in einem Frequenzbereich zu hören, die andere Menschen nicht mehr wahrnehmen. Die Töne könnten vom zunehmenden Auto- und Flugverkehr stammen, aber auch Radiosender, Mobilfunkanlagen oder Windräder sind im Gespräch.

Esoteriker denken gar, dass die Brummtonhörer Schwingungen wahrnehmen, die mit dem Jahr 2012 zusammenhängen. Dann endet der Langzeitkalender der Maya, damit sollen tiefgreifende Veränderungen in der Zivilisation verbunden sein.

"BRUMMTONHÖRER SIND NUR HELLHÖRIGER ALS ANDERE MENSCHEN"

"Woher das Brummen kommt, ist mir eigentlich egal", sagt Manfred Wolter (Name geändert): "Ich möchte nur, dass ich es endlich nicht mehr höre." Ihn begleitet der Brummton inzwischen seit mehr als fünf Jahren, "und manchmal ist es so schlimm, dass mein ganzer Körper zu vibrieren scheint", sagt der 52-Jährige. Gerhard Matern ist fest davon überzeugt, dass die Ursache für die Geräusche irgendwann gefunden wird. "Wir Brummtonhörer spinnen nicht", sagt er: "Wir sind nur hellhöriger als andere Menschen."
  • Kontakt zu den Brummtonhörern über das Selbsthilfebüro Freiburg, 0761 / 2168735 oder per Mail selbsthilfe@kur.org