Neugestaltung

Platz der Alten Synagoge: Gemeinderat für Weiterbauen

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Mi, 16. November 2016 um 08:06 Uhr

Freiburg

Das Thema hat Erregungspotenzial: Am Platz der Alten Synagoge gibt es keinen Baustopp. Das hat der Freiburger Gemeinderat nach langer Debatte entschieden. Wie geht es nun weiter?

Gegen einen Baustopp am Platz der Alten Synagoge hat sich der Gemeinderat mehrheitlich am Dienstag entschieden. Nun wird im Sinne der Verwaltung und in Übereinstimmung mit dem Vorschlag des Landesdenkmalamts die Neugestaltung des Platzes wie geplant vorangetrieben, auf dem kürzlich Fundamentsteine der zerstörten Synagoge gefunden worden waren. Von denen hatte die Stadt bereits drei Reihen bergen lassen, über deren Verwendung nun nachgedacht werden soll. Die im Boden verbliebenen Mauerreste werden mit Geotextil abgedeckt und zugeschüttet (Kommentar).

Die jüdischen Gemeinden hatten gegen beides protestiert – und Unterstützung bei einigen Stadträten gefunden. Im Rat aber reichte es nicht für eine Mehrheit für das von den Unabhängigen Listen (UL) beantragte Innehalten und Prüfen von Alternativen – de facto wäre das ein Baustopp gewesen. Für den machten sich in anderthalbstündiger engagierter Debatte etliche Redner stark. Allen voran Michael Moos, der den UL-Antrag begründete. Man fordere von der Verwaltung eine detaillierte, schriftliche und nachvollziehbare Beschreibung über Befunde, aber auch über mögliche Alternativen und drohende Mehrkosten.

Moos betonte, es gehe nicht um die formale Frage, ob Synagogensteine heilig seien oder nicht. Zu dieser Frage waren etliche Rabbiner befragt worden und hatten sie verneint. Auch Rami Suliman, Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, hatte diese Einschätzung eingebracht. Es gehe aber, so Moos, um die historische und emotionale Bedeutung dieser "tatsächlich sehr rudimentären Reste". Zeitdruck werde der aktuellen Situation nicht gerecht und "der Rat ist es diesem Thema schuldig, alle Aspekte sehr gut zu prüfen."Er erwähnte auch eine bislang nicht thematisierte Vorbehaltsklausel der jüdischen Gemeinde gegen eine Neugestaltung des Platzes.

"Wir haben da alle geschlafen, von der Logik her war klar, dass da Steine sein würden." Simon Waldenspuhl
Simon Waldenspuhl (JPG) plädierte in einer regelrechten Wutrede für einen Baustopp. Er kritisierte das Vorgehen der Stadt und Versäumnisse im Verlauf des gesamten Verfahrens: "Wir haben da alle geschlafen, von der Logik her war klar, dass da Steine sein würden." Wie die gefundenen Steine dann am 2. und 3. November teilweise aus den Mauerresten geschlagen und zwecks sicherer Lagerung weggebracht worden seien, bemängelte auch Wolf-Dieter Winkler (Freiburg Lebenswert): Egal, wie oft wiederholt werde, dass hier Fachleute am Werk gewesen seien, sprächen die Videoaufnahmen eine andere Sprache.

"Als Nachgeborener voll Schuldgefühl und Scham." OB Dieter Salomon
Die vollbesetzte Besucher-Empore bedachte dieses und die Reden von Moos und Waldenspuhl mit Applaus. Dass Maria Viethen (Die Grünen), Renate Buchen (SPD), Graf Kageneck (CDU), Johannes Gröger (Freie Wähler) und Patrik Evers (FDP) – wie schlussendlich auch Wolf-Dieter Winkler – für ein Festhalten an der eingeschlagenen Linie argumentierten, wurde im Saal sehr ruhig zur Kenntnis genommen. Wiederholt lobten die Redner das sensible Vorgehen und die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema, das für etliche der Nachfahren mit unsagbarem Schmerz behaftet sei.

So groß sei dieser Schmerz, sagte Maria Viethen, dass in einigen Schreiben geradezu "schrille Töne" zu hören gewesen seien. Verständlich, so Viethen, denn das Thema habe erhebliches Erregungspotenzial. Renate Buchen berichtete von Mails aus aller Welt, die "eher in Gestalt einer Anklage auftraten, denn als Aufforderung zum Gespräch". Schon im Hauptausschuss vor einer Woche hatte sie beklagt, dass sie – und andere Stadträte – in Schreiben als "Vollstrecker der Endlösung" angeprangert worden seien. Ein Unding, darin waren sich fast alle einig. Lediglich Simon Waldenspuhl zeigte für diese "unzulässige Übertreibung irgendwie auch Verständnis." Das war der einzige Moment, in dem die ansonsten bei aller Leidenschaft ausgesprochen faire Debatte kurz aufschäumte.

Dieter Salomon betonte in seinem Schlusswort, die jüdische Gemeinde sei im gesamten Planungs- und Bauprozess immer eingebunden gewesen. Nachdenklich fügte er hinzu, dass man als Nachgeborener der Tätergenerationen immer "voll Schuldgefühl und Scham" sei. Eben darum habe man vor mehr als einem Jahrzehnt beschlossen, hier einen Ort des Erinnerns zu schaffen. Über die zurückliegenden Wochen urteilte der OB: "Nicht alles, was in den letzten Wochen lief, habe ich als sehr glücklich empfunden."

Da nach der Ablehnung des Antrags der Unabhängigen Listen nun weitergebaut wird, werde künftig mit dem Wasserbecken in Form der Alten Synagoge ein ehrwürdiges Andenken ermöglicht und eine mahnende Erinnerung an die Verbrechen der Nazis.

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