Freiburg

Rätselhaft: Orgel im Augustinermuseum spielt von selbst

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 18. November 2016 um 11:03 Uhr

Freiburg

Experten stehen vor einem Rätsel – die Orgel im Augustinermuseum verselbständigt sich. Konzerte müssen abgebrochen werden, weil das Instrument wilde hohe Töne von sich gibt.

"Es ist ein Mysterium", sagt Tilmann von Stockhausen, Leitender Direktor der städtischen Museen. Und Gerhard Dangel, Museumskurator für Musikinstrumente, gibt zu: "Wir stehen vor einem Rätsel." Schon drei Mal mussten Konzerte auf der Welte-Orgel im Augustinermuseum abgebrochen werden, weil sich das Instrument verselbständigte und wilde hohe Töne von sich gab. Das Instrument fing sogar schon an zu spielen, ohne dass überhaupt ein Organist eine Taste drückte. Im Museum steht man vor einem Rätsel. Alle Konzerte wurden bis auf Weiteres abgesagt.

Wilde Cluster

Im Juli tauchte das Problem erstmals auf. Drei Organisten mussten ihre Konzerte abbrechen, weil die Welte-Orgel plötzlich ohne Zutun des Musikers wilde Cluster spielte, zuletzt Domorganist Matthias Maierhofer am 5. November. "Für ihn war das furchtbar", bedauert von Stockhausen. Und Dangel sagt: "Die Organisten sind alle mit großen Augen vor dem Instrument gestanden." Die Zuschauer bekamen das Eintrittsgeld zurück. "Das hatte mit Musik nichts zu tun. Die Orgel machte völlig verrücktes Zeug", sagt Dangel über die disharmonischen Klänge. Der 65-jährige Instrumentenspezialist hat so etwas noch nie erlebt.

Zwischendurch glaubte man, das Problem los zu sein. Doch dann tauchte es plötzlich wieder auf. Dass sich die Orgel verselbständigt, passierte auch, als gar niemand am Spieltisch saß. "Sie spielt einfach munter weiter", sagt Maierhofer. Mit der selbstspielenden Automatik hat die Störung nichts zu tun, denn sie trat auch auf, als diese abgeschaltet war.

Es genügt, dass die Orgel angeschaltet ist – wobei der Zeitpunkt für die Ausraster willkürlich ist: "Für den Spieler ist das völlig unvorhersehbar", sagt Organist und Musikhochschulprofessor Maierhofer. Es kann tagelang Ruhe sein, dann tauchen "die Heuler" (Dangel) plötzlich drei Mal an einem Tag auf – und zwar so laut, dass an ein Weiterspielen nicht zu denken ist, berichtet Maierhofer. Um herauszufinden, wann mit der Orgel der Gaul durchgeht, werden Protokolle verfasst: Die Aufsichten achten nun nicht mehr nur auf Besucher, sondern auch auf Töne.

Orgel ist angeblich in Ordnung

Gerhard Dangel klappt ein Seitenteil des zwölf Meter hohen Orgelprospekts (so nennt man die Fassade) auf und steigt im Innern eine Treppe hoch. "Die Orgel ist in Ordnung", erklärt er. Der Waldkircher Orgelbauer Wolfgang Brommer, der die denkmalgeschützte Orgel vor der Wiedereröffnung des Museums 2010 restauriert hatte, hat das Instrument überprüft. Die Orgel ist tipptopp.

Insgesamt 600 000 Euro kostete die Instandsetzung 2009/2010. Und in der Tat gab es seitdem nie mehr Probleme. Brommer schwärmt: "Das ist ein sehr gutes, hochinteressantes Instrument – ein klangliches Dokument seiner Zeit." Bislang konnte die Ursache für die seltsamen Ausfälle nicht gefunden werden. Klar ist, dass es ein elektronisches Problem sein muss. Netzteil und Module wurden ersetzt; eine Geothermiepumpe im angrenzenden Museumsneubau an der Salzstraße wurde extra testweise abgestellt, weil man darin das Problem vermutete. Doch es blieb. Die Ursache könnte dennoch in der Technik des neuen Hauses liegen, das just im Juli in Betrieb ging. Oder in einer Störung im Telekommunikationsnetz. Spezialisten messen nun das Stromnetz.

Museumsleiter von Stockhausen gibt sich verhalten optimistisch. An einen Orgelgeist glaube er nicht, sagt er mit Galgenhumor. "Es kann ja nicht sein, dass wir das Problem nicht finden."
Die Museumsorgel

Der Orgelprospekt stammt von 1732/33. Bis 1896 stand die barocke Orgel in der Abteikirche in Gengenbach. Danach zerlegte man den Prospekt, die Pfeifen wurden vermutlich eingeschmolzen. 1904 kaufte die Stadt den Prospekt, aufgestellt wurde er jedoch erst 1923 zur Eröffnung des Augustinermuseums. Die Welte-Orgel wurde 1935 eingebaut. Bis 1990 war sie spielbar, seitdem war sie reparationsbedürftig. 2005 wurden der Prospekt und das mit 1300 Pfeifen ausgestattete Instrument eingelagert. Nach umfangreicher Restaurierung gibt es seit 2010 wieder regelmäßig Konzerte.

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