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09. Juni 2011
Ratlosigkeit und Tatendrang nach Experten-Anhörung
Gemeinderat: Bisheriges Papier zum Thema Kulturhauptstadt trägt nicht / Grüne starten Prozess, Kulturliste gründet Initiative.
Todesstoß oder Auftrieb? Weit auseinander liegen die Rückschlüsse, die Stadträte aus der Anhörung externer Experten zu einer Bewerbung Freiburgs als Kulturhauptstadt ziehen. Nun soll eine Gesprächsrunde mit Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) und Vertretern der Fraktionen im Gemeinderat nach einer Linie und einer Mehrheit suchen. Denn in der Sitzung am Dienstagabend herrschte große Ratlosigkeit. Einig waren sich alle, dass das bisherige Papier für eine Leitidee nicht trägt.
Das Hearing Ende Mai hat klar gemacht, dass Freiburg eine zugespitzte, originelle und wegweisende Fragestellung samt Lösung braucht. Der bisherige Entwurf einer Leitidee, den eine Konzeptgruppe unter Federführung von Kulturamtsleiter Achim Könneke zwei Jahre lang erarbeitet hat, erfülle diese Anforderung nicht, meinten die sieben Fachleute in der nichtöffentlichen Diskussion mit Stadträten und Mitgliedern der Konzeptgruppe aus Ämtern und Kultureinrichtungen (die BZ berichtete am 3. Juni). Sie regten an, das Thema Nachhaltigkeit, für das Freiburg bekannt sei, in den Mittelpunkt zu rücken. Damit hätte Freiburg vielleicht Chancen, Kulturhauptstadt 2020 zu werden – vorausgesetzt, Deutschland ist an der Reihe, und die Europäische Union ändert die Modalitäten nicht.
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Mucksmäuschenstill war es am Dienstag im Sitzungssaal, als Salomon die Frage von Atai Keller (Unabhängige Listen) nach seiner persönlichen Haltung zur Kulturhauptstadt beantwortete. Ehrlich sein müsse der Gemeinderat, sagte der Rathauschef, und das bedeute: Das bisherige Papier sei ein Potpourri. "Wir müssten ganz von vorne anfangen." Eine Bewerbung von oben durchzusetzen, sei unrealistisch in einer Stadt, die für jeden Zebrastreifen einen Runden Tisch fordere. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie hatte in der Anhörung die Frage gestellt, ob die ganze Stadt für die Bewerbung brenne oder nur ein paar Triebtäter? Salomon wiederholte nun seine Antwort: "Ich habe den Eindruck, ein paar Triebtäter glauben, die ganze Stadt brenne."
Nun will der Oberbürgermeister erst einmal vom Gemeinderat geklärt haben, ob die nächsten Schritte zu einer Bewerbung tun will – und wenn ja, in welche Richtung. Das von den Experten aufgeworfene Spannungsverhältnis von Nachhaltigkeit, Klimaschutz und den daraus resultierenden Zumutungen für den Alltag, findet er durchaus interessant. Doch skeptisch ist er nach wie vor: "Der Gemeinderat kann viel beschließen – aber nicht, dass ich brenne."
Für allgemeine Erheiterung sorgte CDU-Stadträtin Ellen Breckwoldt mit ihrer Aussage, nicht jeder müsse für die Idee einer Kulturhauptstadt brennen, "aber vielleicht kann man die Leute anstecken." Sie stellte klar, dass ihre Fraktion keinesfalls die städtische Wirtschafts- und Tourismusförderung beauftragen wolle, eine Leitidee für eine Bewerbung zu entwickeln. Die "Freiburg, Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH" solle Finanzierung und Vermarktung stemmen.
Am Ende der Sitzung waren die Stadträtinnen und Stadträte ebenso uneins, wie nach dem nichtöffentlichen Hearing. Salomon habe das Thema Kulturhauptstadt endgültig erledigt, meinten die einen. Überhaupt nicht, fanden die anderen.
Tatsächlich entfaltete sich gestern eine neue Dynamik. Die Grünen, die einer Bewerbung eher ablehnend gegenüber standen, wollen eine Diskussion darüber anstoßen, was "gutes Leben" in Zeiten des Klimaschutzes heißt. Das könne nicht Sache des Kulturdezernates sein, vielmehr gelte es Akteure aus der Umweltpolitik einzubinden. Ob daraus eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt wird oder ein anderer Prozess, sei offen. Den Auftakt will die Fraktion in ihrer Diskussionsreihe "Grüner Salon" am Sonntag, 10. Juli, machen. Titel: Mission Impossible. Es diskutieren die Berliner Publizistin Adrienne Goehler sowie aus Freiburg Theaterintendantin Barbara Mundel und Forstwissenschaftler Gerhard Oesten.
UL-Stadtrat Atai Keller kündigte gestern die Gründung einer Bürgerinitiative "Pro Kulturhauptstadt" an, die am Dienstag, 5. Juli, ihre erste Versammlung im Morat-Institut. Arbeitstitel: "Vom Humanismus zum humanen Leben – Freiburgs Weg zur Kulturhauptstadtbewerbung!". Freiburg habe das Zeug für die Bewerbung, die Stärke liege in der Verbindung von Kulturregion, Kunst- und Bürgerstadt mit ökologischer Ausrichtung, teilte Keller mit. Sein "Forum Kulturhauptstadt 2020", das er mit UL-Stadtrat Michael Wiedemann vor eineinhalb Jahren ins Leben gerufen hatte und das monatlich Gäste in kleinem Rahmen einlud, werde die Tätigkeit einstellen.
Autor: Uwe Mauch
