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11. Dezember 2016 15:17 Uhr

Paralleluniversum

Rückblick auf den Medienansturm, den Freiburg erlebt hat

TV-Sender und Zeitungen konstruierten in der letzten Woche ein Freiburg, in dem sich niemand mehr abends auf die Straße traut und dessen Einwohner sich im Schockzustand befinden. Eine Übersicht, wie die Presse das Thema aufgriff.

  1. Die ARD war in Kritik geraten, weil sie den Mordfall der Studentin Maria L. nicht in der Tagesschau brachte Foto: dpa

ls Stefanie Werntgen, die Pressesprecherin von Oberbürgermeister Dieter Salomon, vergangenen Montagmorgen ihr Büro betrat, glühte dort der Anrufbeantworter. "Wir hatten bereits zu diesem Zeitpunkt 30 oder 40 Presseanfragen", erzählt sie.

Zwei Tage zuvor hatte die Polizei ihren Fahndungserfolg in einer Pressekonferenz publiziert: In akribischer und kreativer Arbeit hatten die Behörden einen jungen Mann ermittelt, bei dem viel dafür spricht, dass er der Mörder der 19-jährigen Studentin Maria L. ist, die am 16. Oktober an der Dreisam vergewaltigt und getötet wurde.

Was ist da los im Südwesten?

Ein Mord, der überregional kaum so viel Interesse geweckt hätte, wäre der Tatverdächtige nicht ein afghanischer Flüchtling gewesen. Doch für nicht wenige Zeitungen und Sender ergab sich auch die Frage, ob ein solcher Fall in einem angeblich vom linksliberalen Bürgertum dominierten Freiburg nicht zu einer Art Implosion führen müsste. Grund genug also, nachzufragen.

ARD, ZDF, RTL, N24, Die Welt, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung, DPA, FAZ, Stern, Report Mainz, Markus Lanz, Mona Lisa, Maybrit Illner und viele mehr wollten im Gespräch mit dem grünen Oberbürgermeister feststellen, was da eigentlich los ist im Südwesten. Die ersten drei Tage der Woche gab Dieter Salomon fast ausschließlich Interviews, und Otto Neideck, zweithöchster Mann hinter Salomon in der Rathaushierarchie, witzelte bald, er sei derzeit Oberbürgermeister in Vertretung.

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ARD mit Entrüstung überflutet

In der TV-Berichterstattung erregte vor allem die Tagesschau -Redaktion Aufsehen, weil sie über den ermittelten Tatverdächtigen nicht berichtete, so wenig wie sie es über den Mord selbst getan hatte. Nicht ungewöhnlich für Deutschlands Hauptnachrichtensendung, die nur selten einzelne Tötungsdelikte herausgreift. "Die Tagesschau berichtet über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse. Da zählt ein Mordfall nicht dazu", erklärte Chefredakteur Kai Gniffke kurze Zeit später, nachdem eine Flut der Entrüstung über Internetkanäle in die Redaktion geschwappt war.

Weil der Täter ein Asylbewerber sei, so die Argumentation, gebe es eben doch öffentliches Interesse. Oder, so die mittlerweile ja schnell parate Verschwörungstheorie, berichte man etwa genau deswegen nicht? Die Tagesschau jedenfalls gab erwähnte Erklärung ab, ließ nur Stunden später Angela Merkel einen Satz zum Fall Maria L. abgeben, um dann noch eine Weile später den Fall in den Tagesthemen zu platzieren. Jetzt, so die Argumentation, habe er politisches Gewicht.

Freiburger Ereignisse in den Talkshows

Die breite Diskussion behielten sich die Talkshows vor. Die Freiburger Ereignisse diskutierten unter anderem Wissenschaftsmoderator Ranga Yogeshwar, Sänger Günter Emmerlich, Tübingens OB Boris Palmer, Alice Weidel von der AfD, Renate Künast von den Grünen, Hannelore Kraft (SPD), Ministerpräsidentin Nordrhein-Westfalens, und Polizeigewerkschafter Rainer Wendt. Freiburg sandte BZ-Chefredakteur Thomas Fricker zu Markus Lanz, die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae zu "Zur Sache, Baden Württemberg" und Oberbürgermeister Dieter Salomon zu Maybrit Illner.

"Am Anfang des Jahres war Köln und die Silvesternacht, jetzt ist es Freiburg", erklärte die zu Beginn ihrer Show – auch die Breisgau-Metropole steht jetzt symbolisch für eine Zäsur in der Diskussion über Flüchtlinge. Auch ein Bild gibt es dafür: Den wahlweise mit Trauerbekundungen, wahlweise mit einem Polizeiabsperrband behängten Baum an der Dreisam – kaum ein Medium verzichtete auf das Agenturfoto.

Eine Stadt wird konstruiert

Wer versucht, alle im Zusammenhang mit dem Mord an der 19-jährigen Studentin erschienenen Zeitungsartikel über Freiburg zu lesen, der bekommt irgendwann den Verdacht, zuletzt in einer Art Paralleluniversum gelebt zu haben. TV-Sender und Zeitungen konstruieren eine Stadt, in der sich seit zwei, drei Jahren angesichts überbordender Straßenkriminalität niemand mehr abends auf die Straße traut, die Kinder nur noch mit dem Auto in die Schule gebracht werden und No-Go-Areas an allen Ecken wachsen.

Die Bewohner befinden sich seit der Vergewaltigung und Ermordung von Maria L. und von Carolin G. am nahen Kaiserstuhl in einem kollektiven Schockzustand. Dass auch nach ebendiesen Taten die Leute weiterhin tagsüber zur Arbeit gingen und abends ins Kino, die Kneipen weiterhin voll waren und der Weihnachtsmarkt brummt – ob das nun außerhalb Freiburgs noch jemand glaubt?

Freiburg – das lieblich-liberale Sonneneck?

Doch die Stadt lockte eben auch wegen des Kontrastes zur hässlichen Tat. Galt Freiburg im Südwesten nicht als lieblich-liberales Sonneneck ohne echte Probleme? Eine Kerbe, in die so gut wie alle Medien hineinschlugen. Folgt man der Erzählung, sind die Freiburger Bürger Idealisten, die bisher kaum ahnten, in welcher Welt sie tatsächlich lebten. "Freiburg, bekannt als Hort grün-liberalen Geistes wird auf eine harte Probe gestellt", schrieb die Süddeutsche Zeitung , "Risse im Idyll", machte der Spiegel aus: "Schneller als anderswo vergessen viele Menschen hier, dass es auch ein Leben abseits der Montessori-Schulen, veganen Frühstücksbuffets und Yogazentren gibt."

DPA verlinkte mit dem Titel "Die Idylle nach dem Mord an Maria von der Realität eingeholt". NTV holte aus: "Und schließlich findet die Tat ausgerechnet in Freiburg statt, dem schwarz-grünen Vorzeige-Idyll der Nation – einem Laborversuch für das, was Angela Merkel und Katrin Göring-Eckardt sich ab 2017 auch für ganz Deutschland gut vorstellen wollen."

Eine Chance zur Genesung

Wenigstens der Oberbürgermeister versuchte, sich der Sichtweise entgegenzustellen: "Freiburg hat kein besonderes Problem, wir sind schlicht nicht das süddeutsche Bullerbü, für das wir gerne gehalten werden", erzählte er Spiegel-Online im Interview. "Viel Sonnenschein, viele Fahrräder und ein lustiger grüner Bürgermeister, so sehen uns viele im Rest der Republik. Aber Freiburg ist eine deutsche Großstadt mit 230.000 Einwohnern und echten Problemen."

Mit Chance zur Genesung: "Wer am Tatort seinen Fuß auch nur einen Millimeter auf den Radweg setzt, wird von den üblichen Kampfradlern schon wieder mit Flüchen belegt", schrieb die Süddeutsche am Dienstag: "Ein ermutigendes Zeichen."
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 11. Dezember 2016 in der Wochenzeitung "Der Sonntag".

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Autor: Jens Kitzler (Der Sonntag)