"Sand im Alltagsgetriebe"

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Sa, 21. Juni 2014

Freiburg

DREI FRAGEN AN den schwerhörigen Autor Alexander Görsdorf.

Seit seiner Kindheit ist Alexander Görsdorf schwerhörig, von Jahr zu Jahr hörte er schlechter. Über seine Erlebnisse hat der Berliner ein Buch geschrieben, aus dem er bei einem Workshop zum Thema Prothetik der Universität Freiburg lesen wird. Denn der Autor hat sich ein sogenanntes Cochlea-Implantat einsetzen lassen. BZ-Redakteurin Sina Gesell hat mit Görsdorf darüber gesprochen, was diese Entscheidung für sein Leben bedeutet.

BZ: Herr Görsdorf, wie unterscheidet sich Ihr Leben von dem der "Flotthörigen", wie Sie sie nennen?
Görsdorf: Vom Augenschein her unterscheidet sich erst mal nichts. Wenn man dann aber schaut, was dahintersteckt, gibt es massive Unterschiede: Ich stehe ganz normal in der Gruppe oder sitze am Tisch, bin scheinbar dabei, aber meilenweit entfernt, weil ich akustisch nichts mitbekomme. Jeder hat schon mal "Wie bitte?" gefragt, aber wenn man das ständig macht und mehr Lücke als Text versteht, dann ist das nicht nur anstrengend, sondern wirkt wie Demenz oder – wenn man angesprochen wird und nicht reagiert – wie Arroganz. Wenn man etwas länger braucht, um zu antworten, scheint man nicht ganz helle zu sein.
BZ: Haben Sie sich auch deshalb ein Cochlea-Implantat einsetzen lassen?
Görsdorf: Zwar muss man zum Glücklichsein nicht unbedingt hören, dennoch war es die beste Entscheidung meines Lebens. Früher hätte ich mich nur mit Ihnen alleine in einem Raum treffen können, auch nicht in einem Café, weil da immer ein Hintergrundgeräusch gewesen wäre. Nur bei Ihnen zu Hause oder bei mir – das wäre gleich wieder zweideutig. Wegen meiner Schwerhörigkeit bin ich fast schon mal verprügelt worden, weil ich zum Verstehen immer das Lippenlesen dazunehme. Dass ich der Frau ständig auf die Lippen geschaut habe, hat deren Freund als Anmache interpretiert. Das fand er gar nicht witzig.
BZ: Waren diese Missverständnisse Antrieb für Sie, das Buch zu schreiben?
Görsdorf: Die Leute wissen zu wenig darüber, was es bedeutet, schwerhörig zu sein. Anfangs dachte ich, Schwerhörigkeit ist ein dröges Thema, das interessiert keinen. Aber am Ende kommt man immer dahin, dass die Schwerhörigkeit nicht den behindert, der sie hat, sondern zwischen den Leuten steht. Sie ist wie der Sand im Alltagsgetriebe.

Alexander Görsdorf (38) ist Soziologe und lebt in Berlin und Bonn. Aus seinem Buch "Taube Nuss" liest Görsdorf am Montag, 23. Juni, 20 Uhr, auf dem Historischen Peterhof, Niemensstraße 10. Eintritt frei, Anmeldung bis 22. Juni an info@anthropofakte.de. Infos auf dem Blog des Autors: http://www.notquitelikebeethoven.wordpress.com
Die Lesung findet statt als Teil des Workshops "Superabled? Technisches Enhancement durch Prothetik" der Universität Freiburg am Montag, 23., und Dienstag, 24. Juni. Weitere Infos: http://www.pr.uni-freiburg.de