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28. Juni 2010 20:48 Uhr

Sicherheit

Schauinsland: Motorradfahrer ignorieren Fahrverbot – Radler in Angst

Verbotsschilder sind für sie kein Hindernis: Am Wochenende heizen zahlreiche Motorradfahrer den Schausinland hinauf und hinab. Die Polizei macht mit Blitzern Jagd – und manch Radler spricht von einem regelrechten Krieg um die Straße.

  1. Verbotsschilder sind für sie kein Hindernis: Am Wochenende heizen zahlreiche Motorradfahrer den Schausinland hinauf und hinab. Foto: Brigitte Sasse

Die kurvenreiche Strecke auf den Schauinsland ist gleichermaßen reizvoll für Motorradfahrer wie für Fahrradfahrer. An Wochenenden und Feiertagen bleibt die Straße auf Freiburgs Hausberg aber aus Sicherheitsgründen für die motorisierten Zweiräder gesperrt. Ein Verbot, an das sich nicht alle halten. Vor allem Auswärtige übersehen oder ignorieren die Schilder. Viel ärgerlicher für viele Radler aber ist: Nun rasen die Motorradfahrer massenhaft am Freitagnachmittag hinauf. Das ist erlaubt.

Prävention gegen schwere Unfälle

Blaulicht blitzt zwischen dem tiefen Grün der Bäume hervor. Wieder hat die Polizeistreife einen Motorradfahrer am Schauinsland erwischt, der das Wochenendfahrverbot missachtete. Der Übeltäter war den Beamten am Samstagvormittag kurz unterhalb der Abzweigung zur Bergbahn entgegengekommen und nach links auf die verbotene Strecke abgebogen. Sofort nahmen die Polizisten die Verfolgung auf und stellten ihn mitten in einer Rechtskurve. Nun steht der Biker aus den Niederlanden hinter dem Streifenwagen – ein Bußgeld ist fällig.

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"Wir sind jetzt zum Sommeranfang sehr häufig präsent, als Prävention gegen die schweren Unfälle”, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid. Mit Video und Laserpistole für Tempomessungen sind Polizei-Motorräder unterwegs. "Das Verbot greift”, meint Schmid.

Die Verbotsschilder bis zum Pass genügen – meint die Stadtverwaltung

Der erwischte Motorradfahrer trägt zwar eine neongelbe Sicherheitsweste, doch die hilft seiner Sicherheit am Schauinsland wenig. Auf der kurvenreichen Strecke verunglückten Anfang der 80er Jahre so viele Motorradfahrer, dass die Strecke für sie seit 1984 im Sommer gesperrt ist.

Die meisten halten sich an das Verbot – doch sieht man an sonnigen Wochenenden mehrere Biker pro Stunde, die trotz dreier Verbotsschilder bis zum Pass die attraktive Strecke in Angriff nehmen. Ihre Kennzeichen verraten am vergangenen Samstag, dass sie aus ganz Süddeutschland, der Schweiz oder anderen Nachbarländern stammen. Noch mehr Schilder möchte die Stadtverwaltung aber nicht anbringen. Die Motorradfahrer wüssten alle von dem Verbot, sagt Sprecherin Petra Zinthäfner.

Training für den Schauinslandkönig

"In letzter Zeit mehren sich Anrufe von Radlern, die von Motorradfahrern überholt werden”, bestätigt Polizeisprecher Schmid. Da viele Radsportler derzeit für den Wettbewerb "Schauinslandkönig" trainierten, kontrolliere die Polizei verstärkt. Das reicht Grünen-Stadtrat Helmut Thoma nicht. Er möchte den Schauinsland zum "kraftfahrzeugfreien Gipfel erklären. "Die Straße verläuft immerhin durch ein Naturschutzgebiet”, sagt Thoma, der selbst oft auf dem Rennrad sitzt. Besonders stören ihn der Lärm und das "Affentempo” der Motorradfahrer. Viele rasten die Strecke mehrmals hoch und runter und haarscharf an ihm vorbei.

"Die Autos sind genauso fix unterwegs wie die Motorräder”, sagt Simon Steinberg, der am Samstag mit seinem Mountainbike den Schauinsland meistert. "Vorher sind hier ein paar Porsche langgebrettert – oh je. Und die Wahrscheinlichkeit, dass so ein breites Auto jemanden erwischt, ist größer als bei einem Motorradfahrer.” Außer den Zweiradfahrern tummeln sich viele am Berg: Wanderwege kreuzen die Straße mehrfach, und auch die Rollerstrecke führt immer wieder über die L 124.

Am Freitag herrscht Krieg auf der Straße

Sogar Longboarder heizen auf ihren langen Brettern in voller Schutzausrüstung die Strecke hinunter.

Trotzdem empfinden am Wochenende viele Radfahrer die Situation als relativ entspannt. "Wenn es überall so ruhig wäre wie hier, wär’s toll”, sagt ein älterer Schweizer Radler, der gerade mit einer ganzen Gruppe die Passhöhe erreicht.

Doch ist die Stimmung nicht immer so locker. "Am Freitag ist die Hölle los. Da ist Krieg auf der Straße”, erzählt der Freiburger Joachim Sontheimer. Zwei Mal pro Woche fahre er mit seinen Rennrad-Kollegen die Schauinslandstrecke. "30 bis 50 Motorradfahrer überholen uns freitags immer”, erzählt Sontheimer. "Mit 150 bis 200 Stundenkilometern rasen sie da an der Holzschlägermatte vorbei.” Mittlerweile radelt Sontheimer freitags nur noch im Wald. Ein weiterer Freiburger, der mit seiner Ehefrau unterwegs ist, empfindet ähnlich: "Ich bekomme eine Riesenangst, wenn sie in der Kurve liegen und auf mich zukommen”, sagt der 60-Jährige. Er schlägt vor, es solle ausgewiesene Wochentage für Radfahrer und andere für Motorradfahrer geben. "Die sollen ja auch ihren Spaß haben.”

INFO: FAHRVERBOT AM SCHAUINSLAND
Seit dem 4. August 1984 ist die Schauinsland-Strecke (L 124) jedes Jahr von Anfang April bis Ende Oktober an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen für Motorradfahrer gesperrt. Nicht betroffen von dem Fahrverbot sind Fahrräder mit Hilfsmotor sowie Kleinkrafträder mit nicht mehr als 50 Kubikzentimeter Hubraum und einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern.

Anfang der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatten sich die Motorradunfälle am Freiburger Hausberg gehäuft. Auf der Schauinsland-Rennstrecke verunglückten allein im Jahr vor der Sperrung zwei Motorradfahrer tödlich, acht wurden schwer und 15 leicht verletzt. Nach der Sperrung der Straße zwischen Friedrichshof und Passhöhe hat sich die Anzahl der Unfälle mehr als halbiert.

Ein Sonntagsfahrverbot für alle Kraftfahrzeuge, wie es 1987 von der SPD-Fraktion und den Grünen zum Schutz des Landschaftsschutzgebietes am Schauinsland gefordert wurde, setzte sich nicht durch. 1992 wurde eine Vollsperrung von Günterstal aus diskutiert. Die Freien Wähler befürworteten damals eine Nutzungsgebühr für die Strecke, scheiterten aber mit dem Vorschlag. 1995 traten erstmals die Fahrradfahrer auf den Plan: "Für autofreie Schwarzwaldgipfel" hieß ihre Fahrraddemonstration. 2002 wurde geprüft, ob die Schauinsland-Strecke mit einem Fahrradstreifen ausgestattet werden soll. Auch diese Idee wurde abgelehnt.

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Autor: Doreen Fiedler