Schicksale greifbar machen

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Mi, 18. März 2009

Freiburg

Der "Zug der Erinnerung" hält vom 29. März bis 1. April auf Gleis 8 am Hauptbahnhof Freiburg.

Als Renate Citron-Lais 14 Jahre alt war, musste sie einen unvorstellbar schweren Gang gehen. Am 22. Oktober 1940 begleitete sie ihre 77-jährige Großmutter Fanny Grötzinger zum Juden-Sammelplatz auf dem Annaplatz. Ein Polizist und ein Gestapo-Mann hatten sie in der Wohnung der Familie am Goetheplatz abgeholt. Fanny Grötzinger wurde mit 350 anderen Freiburger Juden über eine weitere Sammelstelle zum Hauptbahnhof gebracht – und von dort per Zug in das französische Internierungslager Gurs verschleppt. Nun kommt als rollende Ausstellung ein Zug nach Freiburg, der das Erinnern an solche Schicksale greifbar machen soll.

Wenn am Sonntag, 29. März, um 11 Uhr der "Zug der Erinnerung" im Freiburger Hauptbahnhof auf Gleis 8 einrollt, wird die heute 82-jährige Renate Citron-Lais als Beitrag zur Ausstellungseröffnung einen Brief ihres Vaters vorlesen, in dem er sehr präzise von der Verschleppung seiner Schwiegermutter berichtet. Der Vater, Studienrat und leidenschaftlicher Demokrat, hatte Fanny Grötzingers Tochter geheiratet, eine Jüdin auch sie – und wurde deshalb vom Schuldienst suspendiert. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, dass die junge Renate als Lieblingsenkelin die Großmutter begleiten sollte. Schulhausmeister Köbele von der Hindenburgschule – heute Goethe-Gymnasium – holte die 14-Jährige aus dem Unterricht: "Du sollst sofort nach Hause kommen!" Der Abschied von der Großmutter am Annaplatz war ein Abschied für immer. Vater und Mutter besuchten die alte Dame zweimal vor der Abfahrt des Deportationszuges am Bahnhof. Und genau dort wird Renate Citron-Lais des Vaters Bericht verlesen. "Indem er mich damals mit der Großmutter mitgehen hieß", sagt Renate Citron-Lais, "wollte er nicht nur, dass ich Abschied nehme, sondern dass ich auch sehr genau begreife, was Diktatur heißt."

Lehrreich ist auch die Wanderausstellung. Statt entsetzlicher Bilder zeigt der "Zug der Erinnerung" Fotos, die aus unseren Familienalben stammen könnten, Briefe. Recherchiert und möglich gemacht hat diese bemerkenswerte Ausstellung ein eigens gegründeter Verein "Zug der Erinnerung e.V.", dessen Zweck die Pflege der Erinnerung an mehrere hunderttausend Kinder aus Deutschland und dem übrigen Europa ist, "die von den deutschen Besatzungsbehörden verschleppt und auf dem Schienennetz in die Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes geschleust wurden, weil sie Juden waren oder anderen verfolgten Bevölkerungsteilen angehörten."

Bahnchef Mehdorn zeigte sich vom Ausstellungsunterfangen wenig begeistert. So lässt sich denn die Bahn die Nutzung ihrer Gleise für den "Zug der Erinnerung" bezahlen, auch die Standgebühren an den Bahnhöfen kosten. Möglich wird der viertägige Standort Hauptbahnhof Freiburg dank einer beachtlichen Unterstützergruppe, Spenden sind nach wie vor dringend erwünscht. Schulklassen sollen bis zum 20. März angemeldet sein (Mail an: ingrid.geiss@stadt.freiburg.de).

Der Zug der Erinnerung ist von Sonntag, 29. März bis Mittwoch, 1. April von 8.30 bis 19 Uhr zugänglich (Infos: http://www.zug-der-erinnerung.de