Leute in der Stadt

Siama Krispino ist im südsudanesischen Bürgerkrieg aufgewachsen

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Sa, 13. Mai 2017

Freiburg

Sommerferien sind für die meisten Menschen hiesiger Breiten eine heitere Zeit ohne Stress. Für die 19-jährige Siama Krispino waren die vergangenen Sommerferien für etliche Wochen die Rückkehr in die heimatliche Umgebung – mit Straßenkampf und Sperrfeuer.

Siama Krispino stammt aus Südsudan, ihre Kindheit und Jugend war ein Aufwachsen im Bürgerkrieg. Seit anderthalb Jahren lernt sie dank eines Stipendiums am United World College in Freiburg.

"Manchmal macht mich das alles stumm", sagt Siama Krispino. Das alles, damit meint sie ein Leben im Bürgerkrieg und in beständiger Angst, und auch ihre Sommerferien in immerwährender Bedrohung, mit Schießereien und panischen Fluchten. Wie soll sie davon Menschen erzählen, die in Frieden und Sicherheit leben, fragt die junge Frau. Die Belagerung der Hauptstraße in Juba durch Rebellen, die alles unter Beschuss nehmen. Die Großfamilie, die sich in einem der hintersten Räume der Wohnung verschanzt, Frauen mit kleinen Kindern, Jugendliche. Kein Wasser, keine Lebensmittel, keine Nachrichten: Was geht an diesem verstörenden Tag da draußen auf der Straße vor? Zu hören und zu spüren sind über Stunden Panzer und Helikopter, aus denen scharf geschossen wird.

Als schließlich über Lautsprecher die Aufforderung kommt, die Häuser zu verlassen, flieht Siama Krispino mit ihren Schwestern, Cousinen, Tanten und den Kindern zum nahegelegenen Haus eines Onkels. Ihr eigentliches Ziel, einen UN-Hilfsstützpunkt am Rande der Stadt, erreichen sie nicht: Sie müssen wegen wieder beginnender Straßenkämpfe in einem Dickicht Schutz suchen. In der Nähe kommen sie schließlich für eine Woche in einer völlig mit Geflüchteten überfüllten Kirche unter, bis eine neuerliche Lautsprecheransage alle Einwohner auffordert, in ihre Häuser zurückzukehren. Ihres ist geplündert und verdreckt worden. Jetzt erst erfahren sie, dass der Flughafen unter Ausnahmezustand gestellt ist: Südsudanesen dürfen nicht mehr ausfliegen, und es verkehren ohnehin nur noch Linienflüge von Kenya Airways. "Ich hatte riesiges Glück, dass ich schließlich doch ausreisen durfte", erzählt Siama Krispino, "nur deshalb kann ich jetzt die College-Prüfungen machen."

In einer kinderreichen Familie war ausgerechnet sie diejenige, die unglaublichen schulischen Ehrgeiz entwickelte – und darin auch von ihren Eltern unterstützt wurde. Ihre Lieblingsfächer sind Mathe und die Naturwissenschaften. Mit einem kleinen Lachen quittiert sie die Frage: Ist das ungewöhnlich? "In einem Land, in dem die meisten Mädchen zwischen 15 und 19 verheiratet werden, ist es nicht üblich, dass Mädchen Abitur machen oder gar studieren", berichtet sie, "aber das verändert sich seit einigen Jahren ganz allmählich."

"Ich hatte riesiges

Glück, dass ich

schließlich doch

ausreisen durfte."

Siama Krispino, Schülerin
Siama Krispinos Mutter jedenfalls hatte diese Perspektiven noch nicht. Sie musste die Härten eines langjährigen Flüchtlingsschicksals erleiden. Christlich und zum Stamm der Acholi gehörend, einem Zweig der Equatorianer, war sie jahrzehntelang auf der Flucht, Kongo, Tschad, Uganda, bis sie Mitte der 90er Jahre wieder in ihre Heimat in Südsudan zurückkehrte. Frieden herrschte aber noch immer nicht: Bis heute bekämpfen sich Regierungstreue und Rebellen, Angehörige zweier verschiedener Stämme, Dinka und Nuer. "Nachdem die Konfliktherde mit Kolonialherren und mit dem dann herrschenden Sudan Vergangenheit waren", erklärt Siama Krispino resigniert, "blieb genügend Konfliktpotenzial, dass sich die Menschen in Südsudan gegenseitig bekämpften." Die Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzungen, die Razzien und Morde, seien allgegenwärtig – Transparenz darüber, wer mit welchen Anliegen wofür kämpft, so die junge Frau, bliebe für die Bevölkerung meist im Dunkeln: "Dann ist die Rede von einem Putsch und von Korruption – wirklich geklärt werden Verfolgungen und Kampfhandlungen meistens nicht."

Seit anderthalb Jahren lebt Siama Krispino in Freiburg als Studentin am Robert-Bosch-College des United World College. Nur selten redet sie über ihre Heimat und Kindheit. Nach den Abschlussprüfungen kann sie den Sommer über hier bleiben, dann geht sie mit einem Stipendium in die USA, um dort Biologie, Chemie, Informatik und Mathe zu studieren. "Ich will dann später Medizintechnik studieren", erklärt sie, "aber dafür muss ich wieder an eine andere Uni wechseln."

Gibt es für sie eine Zukunft in Südsudan? Siama Krispino nickt: "Eigentlich haben wir gute Voraussetzungen für eine positive Entwicklung. Wir haben Öl, unser Land ist nicht arm. Und wir sind unabhängig." Wie in all ihren 19 Lebensjahren aber ist trotz Verhandlungen und Friedensabkommen bis heute weder Frieden noch Entwicklung in Südsudan, betont sie, und man wage kaum, eine gute Zukunft zu träumen. Die Realität ist: Sie vermisst ihre Familie, die sie bedroht vom Bürgerkrieg weiß. Seit zwei Jahren hat sie ihre Eltern nicht gesehen. Telefonate trösten, aber schüren auch die Sehnsucht. Eines Tages will sie zurück. "Ich wünschte", sagt Siama Krispino, "die Menschen hier wären sich des Privilegs bewusst, ohne Krieg und Angst zu leben."