Podiumsdiskussion zur Inklusion in Freiburg

Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach verspricht einen hauptamtlichen Behindertenbeauftragten

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 03. Juli 2015

Freiburg

Podiumsdiskussion im Bürgerhaus am Seepark beim "Stadtforum Inklusion": Wie steht es derzeit um die Inklusion in Freiburg?.

Ist das Ziel Inklusion bei allen angekommen? Anke Dallmann, Stadträtin der Freien Wähler, ist skeptisch. "Die meisten glauben: Inklusion, das ist irgendwas mit Behinderten. Das ist es aber eben nicht!" Über erste Schritte zur Teilhabe für alle diskutierten am Mittwochabend fünf Podiumsgäste beim "Stadtforum Inklusion" im Bürgerhaus am Seepark. Zumindest beim Thema Behinderung wird bald jemand professionell die Inklusion vorantreiben: Es soll eine hauptamtliche Behindertenbeauftragten-Stelle entstehen.

Wann ist Inklusion erreicht? Wenn es nicht mehr darum geht, alle an eine vermeintliche "Normalität" anzupassen, sagt Anke Dallmann. Behinderung werde immer noch mit Krankheit gleichgesetzt. Ähnliches gilt für andere Gruppen, die vom "Aktionsplan Inklusives Freiburg" künftig in den Blick genommen werden sollen. Bis Mitte 2016 geht’s zunächst um Handicaps, später könnten Flüchtlinge oder Langzeitarbeitslose dran sein, sagt Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Zwar sei der Weg zum Inklusionsziel lang und frühestens in Jahrzehnten erreichbar – doch aus seiner Sicht hat sich viel getan: "Inklusion ist in aller Munde." Statt auf die große Inklusionsvision müsse man auf "inklusive Momente" setzen, rät Ursula Frenz von der Kommunalen Beratungsstelle Inklusion beim Städtetag Baden-Württemberg.

Woran hakt es konkret für Menschen mit Handicaps? Anke Dallmann und Sarah Baumgart, die stellvertretende Behindertenbeauftragte, erzählen von ihren Erfahrungen: Zum Beispiel gebe es außer dem Bürgerhaus am Seepark kein barrierefreies Bürgerhaus und kaum Veranstaltungsräume, sagt Sarah Baumgart, auch barrierefreie Bäder und andere Freizeiteinrichtungen seien Ausnahmen. Die Arztwahl sei eingeschränkt, weil viele Fachärzte nicht barrierefrei zugänglich seien. Sogar beim Eingang der neuen Unibibliothek gebe es wahrscheinlich Probleme, sagt Anke Dallmann – unter anderem mit einer Drehtür. Genau weiß niemand auf dem Podium, wie die Lage dort definitiv ist. Mit Architekten und anderen Gestaltern sei es aber generell schwierig, weil das selbstverständliche Mitdenken von Barrierefreiheit immer noch fehle.

Für Kinder im Rieselfeld gehören Rollstühle zum Alltag

Positiv sticht für Anke Dallmann und Sarah Baumgart der Stadtteil hervor, in dem sie leben : Das Rieselfeld – nicht nur wegen der baulichen Gestaltung. Für Kinder, die dort aufwachsen, gehören Rollstühle einfach zum Alltag, erzählt Sarah Baumgart: "Da geht’s dann nur noch um die Frage, welches Modell oder welche Farbe ein Rollstuhl hat, das interessiert viele." Dass Inklusion verschieden aufgefasst werden kann, zeigen die Einschätzungen zu Spezialeinrichtungen für Menschen mit Behinderung wie den Werkstätten: "Ist es das Ziel, dass es irgendwann keine Werkstätten mehr gibt?" fragt die Journalistin Ulrike Schnellbach, die auf dem Podium moderiert.

Nein, sagt Rainer Gantert, der stellvertretende Vorstand des Caritasverbands: "Sie werden an Bedeutung verlieren und nur ein Element unter vielen sein, aber nicht verschwinden." Dieser Prozess habe längst begonnen, unter anderem würden Integrationsunternehmen und Training für den Arbeitsmarkt immer wichtiger. Trotz aller Veränderungen auch innerhalb der Werkstätten betont Anke Dallmann: "Eine Werkstätte ist kein inklusiver Arbeitsplatz."

Auf positive Resonanz stößt die Neuigkeit, dass Freiburg eine hauptamtliche Behindertenbeauftragten-Stelle bekommen soll. Die ehrenamtliche Behindertenbeauftragte Esther Grunemann hatte das seit langem gefordert. Der Gemeinderat muss noch zustimmen, doch Ulrich von Kirchbach hält das für wahrscheinlich.