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06. November 2012 18:59 Uhr

Debatte

Stadt Freiburg prüft 1300 Straßennamen und diskutiert Umbenennungen

Hindenburg, Admiral Spee, Alban Stolz: Nach ihnen wurden in Freiburg Straßen benannt – doch sie sind umstritten. Jetzt kommen die Straßennamen der Stadt auf den Prüfstand, und zwar alle 1300.

  1. In Münster wurde der Hindenburgplatz unlängst umbenannt. Foto: Ingo Schneider

  2. Antikriegstag 2009: Das Friedensforum Freiburg benannte symbolisch die Sedanstraße um. Foto: Ingo Schneider

  3. Alle Straßennamen in Freiburg sind auf dem Prüfstand. Foto: Ingo Schneider

  4. Alle Straßennamen in Freiburg sind auf dem Prüfstand. Foto: Ingo Schneider

Ein Historiker soll im Rahmen eines Forschungsauftrags zwei Jahre lang recherchieren – vor allem natürlich zu Straßen mit Namen von Personen oder Orten, die mit Diktatur, Militarismus, Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus oder der Verfolgung von Minderheiten in Verbindung stehen. Eine Expertenkommission soll die Forschung begleiten und bewerten, bevor dann die politischen Gremien umstrittene Fälle debattieren.

Immer wieder gehen im Rathaus Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern wegen kontroverser Straßennamen ein. Dies hat die Verwaltung dazu bewogen, nun alle Straßennamen unter die Lupe zu nehmen. Das Konzept wird am morgigen Donnerstag im Kulturausschuss diskutiert. So soll ein Historiker in den kommenden zwei Jahren umstrittene Namen historisch aufarbeiten; zirka 50.000 Euro stellt die Verwaltung dafür bereit. Eine Kommission wird Bewertungskriterien festlegen und die Arbeit begleiten und analysieren.

Welche Namen sind untragbar geworden?

Ihr wird der emeritierte Geschichtsprofessor Bernd Martin als Vorsitzender angehören sowie PH-Geschichtsprofessor Bernd Grewe, Historiker Heinrich Schwendemann, Christoph Schmider, Leiter des Erzbischöflichen Archivs, sowie die stellvertretende Stadtarchivleiterin Christiane Pfanz-Sponagel.

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Bei der Aufarbeitung geht es um die Frage, inwieweit umstrittene Straßennamen Teil der wechselvollen Geschichte der Stadt oder im Rückblick doch eher untragbar geworden sind. Soll man an eine Schlacht erinnern oder nicht? Inwiefern darf man politische Korrektheit auf frühere Jahrhunderte übertragen? In welchen Fällen reicht eine Hinweistafel? Und wann muss eine Straße zwingend umbenannt werden? "So einfach ist das oft nicht zu beantworten", sagt Kulturamtsleiter Achim Könneke.

Warum wurde nach dem Krieg der Name des Generals Ludendorff gestrichen, während es eine Hindenburgstraße heute ebenso noch gibt wie die 1934 eingeweihte Admiral-von-Spee-Straße in einem Viertel, das viele noch heute "Heldenviertel" nennen? Was ist mit dem katholischen Theologen Alban Stolz, dem eine antisemitische Haltung nachgesagt wird? Und wie verfährt man mit Erzbischof Conrad Gröber, der, bevor er zum Nazi-Gegner wurde, als "brauner Conrad" galt? "Viele Namen sind zwiespältig, aber man sollte sich Umbenennungen genau überlegen", rät Kommissionsmitglied Schmider. In der Tat ist die Stadt mit Umbenennungen bislang vorsichtig umgegangen, bestätigt Könneke. Auch, weil damit Kosten und ein großer organisatorischer Aufwand für die Anwohner verbunden sind.

In Münster wurde der Hindenburgplatz umbenannt

PH-Professor Grewe, Spezialist für Kolonialgeschichte und Erinnerungskultur, befürwortet einen kritischen Umgang mit historischen Namen. Der 44-Jährige glaubt, dass es eine Reihe eindeutiger Fälle gibt, besonders interessant findet er jedoch die Grenzfälle. Bei der Sedanstraße müsse man darüber nachdenken, "wie wir unser Verhältnis zu Frankreich definieren". Trotz der antisemischen Äußerungen Karl von Rottecks plädiert er für den "Rotteckring", weil Rotteck "ein herausragender Liberaler des 19. Jahrhunderts" gewesen sei. So müsse man bei jeder Person ihre biografischen Brüche sehen und für was ihr Name heute steht: "Wir geben uns immer der biografischen Illusion hin, zu glauben, dass der Mensch sich ein Leben lang treu bleibt."

So plädierte Adenauer in den 1920er Jahren für den Erwerb neuer Kolonien, galt nach dem Krieg aber als Aushängeschild der demokratischen Bundesrepublik und der Westintegration. Den Namen des Generals und Reichspräsidenten Hindenburg findet Grewe indes nicht gut für eine Straße. In Münster wurde unlängst nach mehrmaliger Gemeinderatsabstimmung und Bürgerentscheid der Hindenburg- zum Schlossplatz.

Nach Kriegsende gab es zirka 30 Straßenumbenennungen. Übrig blieb eine Vielzahl umstrittener Namen. So wurde erst 1997 aus der Uhlenhut- die Thannhauserstraße, weil sich der Mediziner Paul Uhlenhut als Nazi-Anhänger entpuppte. Könneke erwartet auch manche Überraschung. Von einer radikalen Umbenennungswelle geht er aber nicht aus.

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Autor: fz