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04. Mai 2015

Projekt "Völkerwanderung"

Theater auf der Straße - menschliche Schicksale im Mittelpunkt

Völkerwanderung in den Köpfen: Theaterprojekt bringt aktiven Zuschauern menschliche Schicksale näher.

  1. Lebendiges Theater in Bewegung: Publikum und Darsteller auf dem Weg zur Flüchtlingsunterkunft an der Hammerschmiedstraße. Foto: Fotos. Rita Eggstein

  2. Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (rechts) hört sich eine Flüchtlingsgeschichte an. Foto: Rita Eggstein

Menschen, die durcheinanderrennen, vertrieben, getrieben, suchend. Dann erstarren sie, werden zu "lebenden Bildern". Wer an sie herantritt, hört eine Geschichte, die Teil der Littenweiler Migrationsgeschichte ist: Am Samstagabend wurde das "Lebendige Archiv für Geschichten vom Kommen, Gehen und Bleiben" eröffnet, bei der Premiere des Projekts "Völkerwanderung". Es entstand in einer Kooperation des Theaterkollektivs Turbo Pascal, des Vereins zur Förderung der Jugendkultur Element 3 und des Freiburger Theaters.

Woher kommst du? Die Frau, die in der Seniorenwohnanlage Laubenhof lebt, hatte darauf nie eine einfache Antwort. Sie wurde in Pommern geboren, ist aus Schlesien geflüchtet, ihre Eltern stammten aus Westfalen. Sie lebte nach ihrer Flucht in Hannover, zog irgendwann nach Donaueschingen, wo sie sich wie eine Ausländerin fühlte, weil sie Hochdeutsch spricht. Inzwischen ist sie in Freiburg gestrandet, in Littenweiler.

Genau wie die junge Frau aus dem Kosovo, die in Italien aufwuchs, ein Gemisch aus Deutsch, Italienisch und Albanisch spricht und demnächst ein italienisches Restaurant eröffnen möchte. Und wie der 19-jährige Zahnmedizin-Student aus Syrien, der seinen Eltern daheim, um die er sich sorgt, nichts von seiner Depression erzählt. Sie hängt mit seiner Verlorenheit im fremden Deutschland zusammen, mit der bitteren Erkenntnis, dass er sich hier alleine durchkämpfen muss, ohne den Beistand, den er sich erträumt hatte.

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Drei von 147 Beispielen aus dem "Lebendigen Archiv für Geschichten vom Kommen, Gehen und Bleiben", von denen alle Gäste nur einige erzählt bekommen. Welche und wie viele, entscheiden sie selbst während der drei Zwischenstopps auf dem gemeinsamen Weg von der Haltestelle Hasemannstraße zur Flüchtlingsunterkunft an der Hammerschmiedstraße. Zwischendrin gibt’s viel Musik vom "Heim- und Flucht-Orchester" unter der Leitung von Ru Kuijpers.

Je nachdem, an wen sie geraten, wird den Gästen mehr oder weniger schnell klar: Niemand hier erzählt die eigene Geschichte. Sonst könnte die neun Jahre alte Lena Becker nicht in die Rolle einer in der Nachkriegszeit aufgewachsenen Frau schlüpfen, die ihr Heimatdorf verlassen musste, um aufs Gymnasium gehen zu können. 1954 kam sie nach Freiburg und studierte Sozialarbeit. Genau wie Lena Becker, die über ihre Mutter zum "Völkerwanderungs"-Projekt kam, sind alle Darsteller "Datenträger", die weitergeben, was Menschen in Littenweiler den Theatermachern erzählten.

So kommt es, dass Uyen-Thao Le (19), die als Studentin in der Thomas-Morus-Burse lebt, die alte, aus Schlesien geflohene Frau repräsentiert, und die 16-jährige Schülerin Bilerona Shabani die junge Kosovarin. Dass Bilerona Shabani selbst auch aus dem Kosovo stammt, ist Zufall. Genauso zufällig ist Wassim Mhianna (34) an die Geschichte des jungen syrischen Zahnmedizin-Studenten geraten, der wie er geflüchtet ist. Wassim Mhianna hat in Syrien als Informatiker gearbeitet und lebt zurzeit in der Flüchtlingsunterkunft an der Hammerschmiedstraße.

Dort endet die Aufführung. Zwischen den Baracken im Gras laden Bänke, Tische und Lichterketten zum Feiern mit den Bewohnerinnen und Bewohnern ein, die Leckeres für ihre Gäste gebacken haben. Doch mittendrin hat es zu regnen begonnen, darum muss alles unter die Fußgängerbrücke getragen werden. Das "Heim- und Flucht-Orchester" spielt weiter, alle bleiben gelassen, genau wie während der Aufführung, als sich die Gäste mit Schirmen und Regenjacken schützen konnten, während die Darsteller tapfer in ihren Posen verharrten.

"Völkerwanderung": Freitag, 8. Mai, bis Sonntag, 10. Mai, täglich um 19 Uhr, Beginn an der Straßenbahn-Haltestelle Hasemannstraße.

Autor: Anja Bochtler