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09. Januar 2013

Günterstal

Unbekannter eröffnet öffentliches Bücherregal an Tramhaltestelle

Stöbern, anschauen, mitnehmen: Öffentliche Bücherschränke gibt es schon seit den 90er-Jahren in etlichen deutschen Städten – außer in Freiburg. Zu hoch die bürokratischen Hürden, zu groß die Angst vor Vandalismus. In Günterstal hat eine Privatperson nun Tatsachen geschaffen und ein eigenes Regal aufgestellt. Bleibt die Frage: Wer steckt dahinter?

  1. Schmökern ohne Formalitäten: In Günterstal geht das seit November bei der Tram-Haltestelle „Klosterplatz“. Foto: Thomas Kunz

Direkt neben der Straßenbahnhaltestelle "Klosterplatz" steht an der Schauinslandstraße seit November ein unscheinbares Regal, das von einem Pappschild geschmückt wird. "Öffentlicher Bücherschrank" ist darauf zu lesen – und die drei Etagen des Regals sind randvoll mit Büchern gefüllt. Ein Zettel daneben erläutert das Prinzip: "Man darf jederzeit Bücher entnehmen; ob man sie zurückbringt, behält, tauscht oder nicht, entscheidet jeder Nutzer selbst."

Beim ersten Durchstöbern fällt auf: Schund liegt hier nicht. Jede Menge Roman waren gestern Nachmittag im Angebot, "Der Pferdeflüsterer" von Nicholas Evans sogar noch in Original-Folienverpackung – vielleicht ein nicht ganz so passgenaues Weihnachtsgeschenk, das nun wenigstens andere erfreuen soll. Daneben Georg Büchners "Dichtungen", das Kinderbuch "Zwick der Zwerg", ein Stephen-King-Roman auf Italienisch ("La Sfera del Buio") und Werke anderer Autoren auf Englisch und Französisch.

In Städten wie Darmstadt, Hannover, Bonn haben die "Freiluft-Bibliotheken", in denen jeder kostenlos, anonym und unbürokratisch Bücher ausleihen oder tauschen kann, längst Tradition. Gepflegt werden sie meist von Vereinen, Stiftungen oder bibliophilen Privatpersonen. Auf einem Hinweisschild outet sich der Günterstäler Initiator (oder die Initiatorin) lediglich als "Mensch, der gerne Bücher liest". Wer dahinterstecken könnte? Eine Schülerin, die auf dem Weg zur Straßenbahn nach einem neuen Buch stöbert, weiß es schon mal nicht. "Keine Ahnung", sagt sie, "aber die Idee ist klasse."

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So sieht es auch Gerd Nostadt, Vorsitzender des Günterstäler Ortsvereins. "Ich habe von meiner Wohnung aus einen guten Blick dorthin", sagt Nostadt. "Da ist immer was los, vor allem weil viele Leute auf dem Weg zur Straßenbahn am Regal stehen bleiben." Dabei greifen die Nutzer nicht nur zu, sondern legen auch selbst allerlei Bücher im Regal ab. "Sonst wäre es ja längst leer." Von wem die Holz-Konstruktion stammt, weiß auch Nostadt nicht: "Ich war’s nicht, und ich habe bisher auch nicht gehört, dass sich jemand gemeldet hätte."

Selbst beim Pfarramt Liebfrauen wundert man sich über das Regal, das plötzlich unangekündigt auftauchte – die Arkaden, unter denen es wettergeschützt steht, gehören zum katholischen Gemeindehaus. "Abgesprochen wurde das mit uns jedenfalls nicht", erklärt Pfarrsekretärin Jutta Deger.

Ein Kühlschrank für "coole Bücher"

Mit seinem geheimnisvollen Bücherregal ist Freiburgs kleinster Stadtteil Günterstal (1700 Einwohner) den anderen Freiburger Quartieren auf jeden Fall meilenweit voraus. Über die Planungsphase für "öffentliche Bücherschränke" ist man bisher nirgends hinausgekommen.

So wollte der Stadtteiltreff Brühl-Beurbarung schon Anfang 2011 ein offenes Bücherregal am Tennenbacher Platz aufstellen. Die Idee kam von der Kinderbuchautorin Andrea Hensgen; mit der Oberle-Stiftung hatte sich ein potenter Sponsor gefunden. "Leider ist daraus noch immer nichts geworden", sagt Christian Himmelsbach vom Stadtteiltreff: "Die Angst vor Vandalismus ist in Freiburg groß. Da möchte die Stadt lieber auf Nummer sicher gehen." In langwierigen Diskussionen mit dem Garten- und Tiefbauamt habe man sich schließlich auf eine neue Version geeinigt. Ein Künstler solle nun zwei alte Kühlschränke so umgestalten, dass sie zum Hingucker werden. "Das sind dann im wahrsten Sinne des Wortes coole Bücher", freut sich Himmelsbach. Wann es so weit sein wird, weiß aber auch er noch nicht so genau: "Im Frühjahr, wenn alles klappt."

Auch CDU-Stadtrat Daniel Sander hatte vor rund einem Jahr schon einmal angeregt, Bücher zum Mitnehmen auch in Freiburg zu etablieren, und nach eigenen Angaben bereits namhafte Sponsoren an der Hand.

Doch diese Idee besteht weiterhin nur auf dem Papier: "Wir warten noch immer auf eine Antwort seitens der Stadt", sagt CDU-Geschäftsführer Klaus Vosberg. Allein das Garten- und Tiefbauamt könne geeignete Standorte nennen, die sowohl gut frequentiert als barrierefrei zugänglich seien.

BOOKCROSSING

Die Idee des "Bookcrossing" kommt ursprünglich sogar ohne Schränke und Regale aus. Der US-Amerikaner Ron Hornbaker stellte 2001 die Homepage http://www.bookcrossing.com ins Netz. Auf ihr kann man Bücher registrieren und danach an einem x-beliebigen Ort auslegen – Bookcrosser sprechen von "freilassen". Findet jemand das Buch und tippt die Registriernummer ein, lässt sich dessen Weg nachvollziehen. Weltweit sind derzeit rund 9,5 Millionen Bücher auf diese Weise im Umlauf – die meisten davon in den USA, dicht gefolgt von Deutschland.  

Autor: prz

Autor: Steve Przybilla