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15. November 2016

Debatte

Vertreter dreier jüdischer Strömungen sprechen über die Fundamentfragmente der Alten Synagoge

Dass sich die Vorsitzenden der liberalen Chawura Gescher, Cornelia E. Krüger, und der traditionellen Einheitsgemeinde, Irina Katz, und der chassidische Chabad-Rabbiner Yakov Gitler um einen Tisch setzen, geschieht fast etwas zaghaft. Das virulente Gesprächsthema aber eint alle drei in ihrer Betroffenheit.

  1. Stehen für den Erhalt der Synagogen-Steine und für jüdische Vielfalt: Irina Katz, Cornelia E. Krüger, Rabbi Yakov Gitler (von links). Foto: Thomas Kunz

Auf dem Platz der Alten Synagoge wurden bei Bauarbeiten vor einigen Wochen Fundamentfragmente der von Nazis zerstörten Synagoge gefunden. Seither werden diese Funde und der Umgang mit ihnen in der Stadt diskutiert. Auch und erst recht unter Juden.

Am 2. und 3. November waren aus den Mauerresten einzelne gut erhaltene Steine geborgen und vorläufig ausgelagert worden. Zum Beispiel für den Bau eines Mahnmals, so die Überlegungen im Rathaus. Auf Vorschlag des Landesdenkmalamts und nach dem Willen der Verwaltung sollen in den nächsten Tagen die restlichen Steine und Mauerteile mit Geotextil abgedeckt und zugeschüttet werden. Am heutigen Dienstag soll der Gemeinderat darüber entscheiden. Die Vertreter der drei hier beheimateten jüdischen Glaubensrichtungen geben ein eindeutiges Votum ab: Die Steine sollen erhalten bleiben. Wie genau? Da gibt es unterschiedliche Varianten. Irina Katz berichtet von einem einstimmigen Votum in der Einheitsgemeinde: Etwa 80 der 700 Mitglieder hätten nach einem Gesprächstermin mit der Stadt noch in einer Versammlung abgestimmt. Alle wollten den sichtbaren Erhalt am Originalort.

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Auch die liberale Gemeinde vertritt nach einer Abstimmung den Vorschlag, die Steine sichtbar vor Ort zu erhalten; man könne aber auch die Fundsteine als Ausgangspunkt für einen Neubau einer liberalen Synagoge nehmen – eine solche nämlich war in der Pogromnacht am 9. November 1938 hier niedergebrannt worden. "Das wird schwierig, denn Freiburg hat ja eine Synagoge", kommentiert der orthodoxe Rabbiner Yakov Gitler. Cornelia E. Krüger kontert: "Wie viele Kirchen stehen in Freiburg?".

Rabbi Gitler will den Blick lieber nach vorne richten als zu sehr auf Vergangenem zu beharren. Ein Mahnmal aus den Steinen kommt ihm sinnvoll vor. Doch falls eine Bauverzögerung wegen der Steinfunde sehr kostspielig würde, plädiert er für Investitionen in die heutigen jüdischen Gemeinden. Die etwa 30 Chabad-Mitglieder – derzeit in einem Verein organisiert und meist im Hause der Rabbinerfamilie versammelt –, beschäftigt das Thema auch, erzählt Gitler, und zwar in einem breiten Spektrum von Meinungen.

Orthodoxer Rabbi hält die Steine nicht für heilig

Heilig seien die Steine nicht, sagt Rabbi Gitler und bestätigt damit, was andere Rabbiner auch schon zu Protokoll gaben, "aber es geht hier nicht darum, ob etwas heilig ist oder nicht, es geht um Sensibilität und Betroffenheit, denn diese Steine stehen für eine Gemeinde, für Menschen, die ermordet wurden – das muss bedacht werden." Das findet auch Cornelia E. Krüger. Hätte man vor zwölf Jahren die damals neu entstandene Gescher-Gemeinde befragt, hätte man nicht gehört, dass mögliche Fundsteine die Gemeinde nicht interessieren.

Genau das nämlich hatte vor zwölf Jahren Uschi Amitai als Vertreterin der Jüdischen Gemeinde in der Planungsgruppe für den Platz der Alten Synagoge gesagt. Das sei nicht bindend, so Katz: Nur die damalige Vorsitzende hätte das Recht gehabt, für die Gemeinde zu sprechen. Was ist davon zu halten, dass diese Gemeinde in etwa dieselbe Gemeinde ist wie heute, dass auch Irina Katz zu der Zeit informiertes Gemeindemitglied war? Entscheidend sei doch, springt Cornelia E. Krüger ein, dass erst jetzt an dieser Stelle diese Steine gefunden wurden: "Damit sind wir alle an einem anderen Punkt."

Irina Katz warnt von diesem Punkt aus auch: Ein Wiener Rabbiner habe gesagt, mit einem Wasserbecken werde der geplante Erinnerungsort entweiht, weil im Sommer nackte Kinder darin plantschen könnten. Rabbi Gitler hingegen nennt fließendes Wasser ein Symbol für die Lebendigkeit heutigen hiesigen Judentums – und mahnt: "Es ist schwierig, denn wir diskutieren das, was vor mehr als zehn Jahren gewissenhaft entschieden wurde." Und auch Cornelia E. Krüger befürchtet: "Wir kommen im Grunde zwölf Jahre zu spät." Alle drei hoffen auf den Erhalt der Steine – und stellen fest, dass durch die vielen Diskussionen in den vergangenen Wochen inzwischen Jüdischkeit in ihren vielen Facetten sehr sichtbar geworden sei – im Freiburg von heute.

Autor: Julia Littmann