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08. November 2011

Vom 9. November bis zu Babij Yar

Die Jüdische Gemeinde erinnert am Gedenktag der Pogromnacht auch an das Massaker bei Kiew.

Die Erinnerung an die Pogromnacht im Jahr 1938 hat am 9. November ihren festen Platz in Freiburg – wie immer organisiert ein breites Bündnis vom Deutschen Gewerkschaftsbund bis zu den christlichen Kirchen um 17.30 Uhr ein Gedenken am Platz der alten Synagoge. Die Jüdische Gemeinde sorgt dafür, dass am 9. November diesmal auch eines der nationalsozialistischen Verbrechen ins Zentrum rückt, das bisher eher unbekannt blieb: Das Massaker von Babij Yar, der Schlucht beim ukrainischen Kiew, wo vor 70 Jahren 33 771 Menschen ermordet wurden.

Babij Yar ist weit weg und doch eng verknüpft mit Freiburg, verdeutlichen Thomas Becker und Irina Katz von der Israelitischen Gemeinde: Mehr als 90 Prozent der Mitglieder stammen aus Osteuropa, viele aus der Ukraine, einige haben Angehörige oder Freunde durch Babij Yar verloren. Am 29. und 30. September 1941 wurden innerhalb von 36 Stunden 33771 Jüdinnen und Juden in der Schlucht systematisch von Wehrmacht- und SS-Angehörigen erschossen.

Viel darüber geredet wurde nie – weder im weit entfernten Westen noch im nahe gelegenen Osten, wo vertuscht wurde, dass auch Ukrainer bei dem Verbrechen mitgeholfen haben, sagt Irina Katz. Sie stammt aus Kiew und hat sich viel mit Babij Yar beschäftigt. Erst gegen Ende der 1960er Jahre und in den 1970ern hätten Schriftsteller das Thema dort in die Öffentlichkeit gebracht, unter anderem ein später von Dmitri Schokastowitsch vertontes Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko. Nach 70 Jahren sollen nun auch in Freiburg endlich diejenigen Aufmerksamkeit bekommen, die hier zwar leben, von deren Geschichte bisher aber die wenigsten etwas wissen. Darum hat die Jüdische Gemeinde zum 9. November ein breit angelegtes Programm organisiert, das – wenn auch bisher nur ideell – von den Bündnispartnern des traditionellen Gedenkens mitgetragen wird. Es beginnt am Mittwoch um 14 Uhr mit einem "Gedenken an die Massaker von Babij Yar" am Jüdischen Friedhof in der Elsässerstraße 35. Dort sprechen Irina Katz, der Rabbiner Avraham Yitzhak Radbil und Luksina Vyshnyakova, die aus Kiew stammt, jetzt in Freiburg lebt, und auch kritische Aspekte im Umgang mit dem Mahnmal bei Babij Yar ansprechen wird. Um 16.15 Uhr beginnt der Wissenschaftler Pavel Polian, der in Moskau und Freiburg lebt, seinen Vortrag "Nicht nur am 9. November … Der Massenmord in Babij Yar vor 70 Jahren" (Raum 2004 im Kollegiengebäude II der Universität). Daran schließt sich um 17.30 Uhr das Gedenken am Mahnmal der alten Synagoge an.

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Um 19.30 Uhr lädt das Jüdische Gemeindezentrum in die Nussmannstraße 14 ein: Die Professoren Pavel Polian und Erhard Roy Wiehn aus Konstanz moderieren ein Gespräch mit Zeitzeugen – zu Gast sind Vassili Mykhaylovsky aus Kiew, der das Massaker von Babij Yar überlebt hat, und Borys Zabarko, der als Kind dem Ghetto Schargorod bei Kiew entkam und Historiker und Präsident der "Ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischer Konzentrationslager" ist.

Autor: Anja Bochtler