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19. Juni 2010

"Vorurteile machen Angst"

LEUTE IN DER STADT: Pädagogin Annie Sauerland und Ärztin Gabi Weber etablieren Palästina Café.

  1. Aufklären für Palästina: Annie Sauerland (links), Gabi Weber Foto: Schneider

Der Überfall der israelischen Armee auf die sogenannte "Gaza-Flotte" vor kaum sechs Wochen hat die Weltöffentlichkeit verstört. Jedoch nur einen Moment lang, stellt die Freiburger Ärztin Gabi Weber fest. Und fühlt sich mit diesem Befund bestätigt, dass ihre Unternehmung "Café Palestine" eine wichtige Sache ist. Gemeinsam mit der Notfallpädagogin Annie Sauerland hatte sie die Veranstaltungsreihe vor einigen Wochen gestartet. Am Sonntag wird die Reihe im Café Art Jamming mit höchst sachkundigen Gästen fortgesetzt, die in Sachen Palästina sprechen werden.

Die jüdische Publizistin Evelyn Hecht-Galinski war ohnehin als Gast für diesen Termin gebucht, hinzu kommt der Frankfurter Arzt Matthias Jochheim. Er war als Mitglied der "Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkriegs e.V." an Bord eines der Schiffe der Gaza-Flotte, die Anfang Juni unterwegs waren in Richtung Gaza – nach eigenem Bekunden als schwimmender Hilfskonvoi für den Gazastreifen. Anders war die Einschätzung der israelischen Politiker und Militärs: Sie gingen den Schiffskonvoi in internationalen Gewässern mit Waffengewalt an, weil sie an Bord der Schiffe Terroristen und Waffen vermuteten.

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Die Obduktion der von israelischen Soldaten getöteten Zivilisten an Bord eines der Schiffe lege nahe, dass die Opfer des militärischen Überfalls "regelrecht liquidiert" wurden, so die Medizinerin Gabi Weber. Seit Jahren ist es ihr Anliegen, die Position der "völlig entrechteten Palästinenser" bekannt zu machen – und gegen die Missachtung internationaler Rechtsgrundsätze durch Israel zu protestieren. Ihre Einschätzung: "Der Mainstream der westlichen Welt folgt der israelischen Lesart dieses Konflikts." Immer wieder werde ihr Hamas-Sympathie vorgeworfen, wenn sie bei Aktionen antritt, mit denen sie zu solidarischem Handeln aufruft gegen die Besatzungspolitik Israels, gegen die Mauer zu den besetzten Gebieten hin oder gegen die Blockade des Gazastreifens.

Das seien Vorurteile, die mit den zunehmenden Ressentiments gegen den Islam zu tun hätten, glaubt Annie Sauerland und gesteht: "Vorurteile machen mir Angst – sie schalten logisches Denken aus und verhindern offenen Dialog." Die 27-Jährige hat nach ihrer Ausbildung zur Notfallpädagogin mit traumatisierten Kindern in Gaza gearbeitet. Anschließend lebte und arbeitete sie im Libanon in einem palästinensischen Flüchtlingslager. "Andere sind damals zu Reisen nach Australien oder Asien aufgebrochen", sagt sie, "aber mich hat dieses Palästina beschäftigt, von dem letzten Endes kaum einer fundiert was weiß." Weitere ausführliche Stationen waren Ramallah und Amman, zur pädagogischen Arbeit kam das Fotografieren – und der stete Einsatz für die Beachtung der Menschenrechte auch für die palästinensische Bevölkerung im Nahen Osten.

Gabi Weber kam mit dem Thema Palästina durch ihren Mann in Berührung, der aus Gaza stammt. Den Eindruck von Gaza bei den spärlichen Besuchen nennt sie – obschon "relativ informiert" – einen unglaublichen Kulturschock. Unfreiheit und Armut und eine "unfassbare Doppelmoral in der Bewertung beider Seiten des Konflikts" ließen die rührige dreifache Mutter nicht in Ruhe. Zunächst machte sie bilaterale Kulturarbeit, nun, findet sie muss noch deutlicher Aufklärung her. Die Idee fürs Café Palestine "importierten" die beiden Freiburgerinnen aus Zürich – ein Forum für echten Austausch soll die Veranstaltungsreihe sein. Und ein Mittel, um Vorurteile zu überwinden.

"Die Free Gaza Flotille und die Medien" – am Sonntag, 20. Juni um 18 Uhr im Cafe Art Jamming, Günterstalstraße 41

Autor: Julia Littmann