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09. Februar 2011

Warum Pazifisten Söldnerhefte lesen

Das Freiburger Rüstungsinformationsbüro beforscht Waffenexporte und Militärtechnik – und die friedlichen Experten sind begehrt.

  1. Jürgen Grässlin (links) und Stephan Möhrle mit symbolisch zerbrochener Waffe – vor Archivregalen. Foto: Kunz

Friedensbewegung? Das war die Zeit von kilometerlangen Menschenketten, das waren einige Dutzend nimmermüde Mutlangen-Blockierer, aber auch Hunderttausende, die gegen die Pershing-Stationierung demonstrierten, die Kriege anprangerten und die "Schwerter zu Pflugscharen" auf ihren Transparenten forderten. Einige hatten einen langen Atem. Das Freiburger Rüstungsinformationsbüro e. V., zum Beispiel, bringt nun – zwei Jahrzehnte später – die Bundesregierung in die Bredouille, indem es die legalen Waffenlieferungen nach Ägypten anprangert. Die Lieferungen wurden jetzt gestoppt.

Fernsehauftritte zur besten Sendezeit hatte Jürgen Grässlin in den vergangenen Tagen und Wochen reichlich. Als "Anti-Rüstungsexperte" wird der Freiburger immer wieder in "Seite 3"-Geschichten in den großen bundesweiten Zeitungen zitiert, aber auch international ist er bei den Medien gefragt. Nicht unbedingt er, sondern vielmehr das Expertentum der Initiative, die Grässlin 1991 in Freiburg mitbegründete. Damals nahm das Rüstungsinformationsbüro hier seine Arbeit auf, heute ist das Rib, wie es kurz genannt wird, wichtige Informationsquelle nicht nur für Journalisten, sondern auch für Politiker. Zum Beispiel in Sachen Waffenlieferungen nach Ägypten.

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In zwanzig Jahren Anti-Rüstungsarbeit hat sich viel getan, Webseite und Online-Recherchen gehören natürlich längst zu den Basics. Etwa ein Dutzend Aktive und insgesamt 120 Mitglieder halten die beständige Friedensarbeit auf einem Sektor am Leben, der zunächst innerhalb der Friedensbewegung durchaus untypisch war: Das Erkunden der militärtechnischen Ebene der Waffenproduktion und die beständige, akribische Recherche von Waffenlieferungen – "legalen" und illegalen – ist ein aufwendiger Zugang.

Ein wertvoller Fundus ist da allerdings schon in der Vorzeit der elektronischen Datenverarbeitung entstanden: Drei große Papierarchive dokumentieren in den drei Räumen des Büros, was es seit den 80er Jahren weltweit an Waffen und an Rüstungsexporten und -importen gegeben hat.

Viel Arbeit für ehrenamtliche Helfer

Zum Rib-Archiv gesellten sich die Archivbestände des Bremer Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen und der Kampagne gegen Rüstungsexport "Ohne Rüstung leben". Und noch immer werden täglich ein Dutzend relevante Zeitungen im Rib ausgewertet und archiviert. Von ehrenamtlichen Helfern. Nur ein 400-Euro-Jobber ist unter den vielen, die hier forschen und formulieren. Dass auch der einzige Honorarempfänger viel, viel mehr arbeitet, versteht sich von selbst. "Nach der Erwerbsarbeit beginnt hier fast täglich unser zweites Leben", erklärt Jürgen Grässlin, "denn wer sich der Friedens- und Gerechtigkeitsidee verschrieben hat, steckt da ganz viel Zeit und Lebensenergie rein."

So auch der Rib-Nachwuchs. Der mit 16 Jahren jüngste Aktivist arbeitet an einem neuerlichen Verbot des Söldner-Magazins "Soldier of Fortune". Vor vierzehn Jahren war das Söldnerheft in Deutschland auf Rib-Initiative indiziert und vom Markt verschwunden, nun ist es wieder da. "Wir lesen das", sagt Stephan Möhrle, "denn auch das ist eine wichtige Quelle für uns." Eine weitere Quelle für den 20-jährigen Jurastudenten sind kriegerische Computerspiele. Die lehrreiche Projekteinheit "Krieg in Kinderköpfen" wurde von ihm entwickelt: Friedensarbeit heute findet unter Umständen nicht vor der Kaserne, sondern vor der Spielekonsole statt. Und während vieles sich weiterentwickelt hat, ist etliches gleich geblieben. Zum Beispiel dieses: "98 Prozent aller Waffenexporte aus Deutschland sind legal – natürlich auch Exporte in Länder mit Unrechtsregimen wie Ägypten", betont Grässlin, "und die Oberndorfer Kleinwaffenschmiede Heckler & Koch ist nach wie vor Europameister." 73 Prozent aller Kriegstoten sind Opfer von Kleinwaffen, Grund genug, den zunehmend erfolgreichen Kampf gegen das Kämpfen fortzusetzen – als Nächstes ab März mit vielen anderen Initiativen in der Kampagne "Aktion Aufschrei – stoppt den Waffenhandel!"

Unterstützerinnen und Unterstützer sind beim Rib richtig: http://www.rib-ev.de

Autor: Julia Littmann