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15. November 2017

Vereint im Verein

Im Heim- und Fluchtorchester spielen unterschiedlichste Menschen unterschiedlichste Musik

Es ist kaum zu glauben, wie viele hier reinpassen: Jeden Mittwochabend wird es eng im kleinen Musikstudio des Percussionisten und Komponisten Ro Kuijpers an der Oltmannsstraße, denn da proben die Musikerinnen und Musiker des Heim- und Fluchtorchesters.

  1. Das Heim- und Fluchtorchester probt in Ro Kuijpers Musikstudio. Foto: Ingo Schneider

WIEHRE. In den vergangenen fünf Jahren sind sie durch ihre mitreißenden Auftritte so beliebt geworden, dass sie inzwischen auf etliche Anfragen absagen müssen. Jetzt sind sie auch in einem Film zu sehen: Am Freitag wurde er im Werkraum des Theaters gezeigt.

Nach und nach kommen sie: Fljurim Eljsani (32) setzt sich ans Keyboard, so, wie er das zum ersten Mal als Zwölfjähriger in seiner früheren Heimat Serbien gemacht hat. Luise Fakler (23) und Razvan Creangal (19) bringen ihre Geigen mit. Luise Fakler, die "Liberal arts and sciences" studiert, fing als Sechsjährige mit der Geige an und spielte in klassischen Orchestern, bis sie vor drei Jahren über Freunde beim Heim- und Fluchtorchester mit Improvisieren anfing: "Das machte sofort viel Spaß."

Razvan Creangal begann in Rumänien als Siebenjähriger zu spielen und träumt von einem Leben als Musiker. Er will sich bei der Musikhochschule bewerben, derzeit macht er eine Ausbildung zum Hotelfachmann. Bei Rustom Haftaro, der sich vor seine Darbuka, eine orientalische Trommel, setzt, ging einst alles mit der Tambur los, einem orientalischen Saiteninstrument, mit dem er schon als Junge in Syrien auf Hochzeiten spielte: "Ich bin Kurde, fast alle Kurden spielen die Tambur", sagt er. Er macht eine Ausbildung zum Erzieher.

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Je nachdem, welche der derzeit 12 bis 18 Musiker des Heim- und Fluchtorchesters zur Probe kommen, gibt’s unter anderem auch Celli, Klarinetten, eine Flöte, Gitarren oder eine Oud, eine arabische Laute. Doch welche Instrumente er einplanen kann und welche nicht, erfährt Ro Kuijpers immer erst am jeweiligen Probenabend: "Das ist für mich sehr nervenaufreibend", sagt er, doch so, wie er dabei lacht, ist klar: Er nimmt es niemandem übel, wenn er oder sie nicht kommt. Das Heim- und Fluchtorchester ist ein Projekt des Theaters. Durch die Tatsache, dass es aus jungen geflüchteten und anderen jungen, meist studierenden Menschen bestehen soll, ergibt sich die Unberechenbarkeit. Die Geflüchteten haben oft sehr viel existentiellere Probleme als zur Probe zu kommen, und bei den Studierenden können Prüfungen einen Strich durch die Rechnung machen.

Egal, wie viele da sind, irgendwann legen sie immer los, Ro Kuijpers gibt an seiner Trommel das Signal: Und sehr schnell erfüllt lebendige, schwungvolle Musik den kleinen Raum, alles ist geprägt von viel Energie, Lebensfreude und ungewöhnlich guter Atmosphäre. Dafür gibt’s viele Gründe: Hier spielen Menschen, die keine Noten kennen, aber wunderbar improvisieren, gemeinsam mit anderen, die sich erst mal überwinden müssen, die Noten wegzulegen und ihre Ideen zuzulassen. Serben lernen Musik aus dem Senegal kennen und Deutsche kurdische Lieder, und alle alles zusammen. So entstehen interessante Mischungen, unter anderem aus Balkanbeats, afrikanischem Gesang und Percussion-Rhythmen. Und vor allem: "Hier zählt die Musik, egal, wo du herkommst", bringt es Ro Kuijpers auf den Punkt. Seine Musiker wollen als Menschen gesehen werden, und als Musiker. Und nicht wie sonst überall in die Schublade "Flüchtling" gesteckt werden.

Ähnlich gemischt wie das Orchester war das sechsköpfige Filmteam, das unter der Leitung der Freiburger Filmemacher Sarah Moll und Jan Raiber seit dem Frühling mit Filmworkshops, Interviews und Konzertmitschnitten losgelegt hat. Rustom Haftaro und Luise Fakler haben als Insider mitgemacht, ihnen war’s wichtig, auch die Hintergründe der Musiker zu zeigen. Da spielten natürlich dann auch Themen wie die Flucht aus der alten und das Ankommen in der neuen Heimat eine Rolle. Der 30-minütige Film, der in Kinos gezeigt werden soll, vermittelt die Bedeutung des Orchesters für seine Musiker. Razvan Creangal drückt das so aus: "Hier ist für mich Heimat, wenn ich hier bin, höre ich auf, Rumänien zu vermissen."

Heim- und Fluchtorchester

Gegründet: 2012.
Mitglieder: rund 18.
Angebot: Proben, Auftritte.
Mitgliedsbeitrag: keiner.
Kontakt: Ro Kuijpers, Tel. 0176/ 31091977, Internet: mehr.bz/hfo17 Carola Meyer, Tel.  0761/2012904, carola.meyer@theater.freiburg.de.  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler