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25. September 2014 08:46 Uhr

Raus aus der Spielsucht

Wenn der Spielautomat das Leben bestimmt

Mehr als 30 Jahre lang führte Hans B. aus Freiburg ein Doppelleben: Er war spielsüchtig. Seit fast zwei Jahren ist er clean – dank seines starken Willens und der Beratungsstelle der Evangelischen Stadtmission Freiburg.

  1. Glück oder Unglück? Der Spielautomat bestimmt bei Süchtigen manchmal das ganze Leben. Foto: Thomas Kunz

Immer wieder samstags zog es ihn in die Spielhalle. Während seine Familie einkaufen war, saß er heimlich vor den blinkenden Automaten. Münze für Münze warf er hinein. "Im Kopf war nur: spielen, spielen, spielen." Die Spielsucht hat Hans B.* heute im Griff: Seit fast zwei Jahren ist er clean – dank seines starken Willens und der Beratungsstelle der Evangelischen Stadtmission Freiburg. Dort nimmt der Bedarf an Hilfe zu: Im vergangenen Jahr betreuten die Experten rund 80 Spielsüchtige – etwa 30 mehr als im Vorjahr.

Wenn Hans B. heute an einer Spielhalle vorbeikommt, passiert nichts. "Kein Kribbeln. Kein hoher Puls", erzählt der Rentner. Mehr als 30 Jahre war das anders. "Dein Hirn schaltet ab", erinnert er sich. Immer wieder drehen sich damals seine Gedanken nur um eines: den Samstag. Zwei Stunden Zeit, um zu spielen. "Der Automat zieht dich an." Anfangs sind es Centbeträge, doch mit den Jahren steigen die Einsätze. "Am Ende spielte ich an zwei, drei Automaten gleichzeitig." Er verliert fast immer – im schlimmsten Fall 2000 Euro in zwei Stunden.

Willi Vötter kennt Schicksale wie das von Hans B. Der Sozialarbeiter arbeitet seit 15 Jahren mit Suchtkranken, darunter sind neben Alkoholabhängigen viele, die ihr Geld aufs Spiel setzen. "Die Glücksspieler sind keine Randgruppe", sagt der Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke der Evangelischen Stadtmission, kurz Regio-PSB. Rund 1100 Spielsüchtige wie Hans B. gibt es statistisch gesehen in Freiburg, die Dunkelziffer ist hoch. An der Lehener Straße im Stadtteil Stühlinger finden diejenigen Hilfe, die sich zu ihrer Sucht bekennen.

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Am 31. Oktober 2013 ist es bei Hans B. soweit. "So, nie mehr", sagt er sich. Die Spielsucht hat seine Schulden inzwischen immer mehr in die Höhe getrieben, bis auf rund 38.000 Euro. Zwei Kredite hat er schon aufgenommen, heimlich. Die Frau, die Tochter – sie ahnen nichts. "Plötzlich merkte ich: Meine Familie wird zerbrechen. Und sie ist mir wichtiger als das Scheißspielen." Zwei Monate später fliegt sein Doppelleben auf. "Es war ein Schock – für die Familie und für mich." Der Vertrauensbruch. Die Schuldgefühle. Er ist ganz unten, denkt an Selbstmord. Dann zieht er sich selbst heraus. Eines stärkt ihn: Es geht ohne Automaten, schon seit mehr als zwei Monaten. "Auch wenn mir das die Familie natürlich erstmal nicht geglaubt hat."

"Du Idiot, warum hast du nur so lange gespielt?" Hans B.
Im Januar 2013 kommt Hans B. zum ersten Mal in die Regio-PSB. "Das hat mir geholfen."Anfangs geht er regelmäßig in die Einzelberatung zu Willi Vötter, auch am Gruppenangebot mit anderen Süchtigen nimmt er teil. Deren Sucht-Biografien sind sehr unterschiedlich. Die einen spielen am Automaten oder im Casino, die anderen wetten im Internet, sagt Vötter. Manche sind Anfang 20, andere im Rentenalter. Der überwiegende Teil ist männlich, aber auch Frauen sind mittlerweile in den Spielhallen angekommen. Etwa 500 Euro werden typischerweise verspielt – am Tag. "Der richtige Spieler spielt, bis kein Geld mehr da ist", sagt Vötter. Hilfe holen sich die meisten erst, wenn der Schuldenberg im Schnitt 20.000 Euro beträgt. Und die Partnerin die Schulden bemerkt.

Hans B. hat früher aufgehört. "In letzter Minute", sagt er. Heute stellt er sich immer wieder die Frage: "Mensch du Idiot, warum hast du nur so lange gespielt?" Anfang der 80er Jahre, als seine erste Frau schwer krank wurde und plötzlich starb, fing es an. Das Bier in der Eckkneipe, der Spielautomat, die falsche Gesellschaft. Mit dem Alkohol hat er aufgehört, als er kurz darauf seine zweite Frau kennenlernte. Das Spielen blieb. Bis am 31. Oktober 2013. "Wenn’s da nicht Klick macht", sagt er und zeigt auf seinen Kopf, "dann hilft nichts, auch keine Therapie." Heute geht Hans B. nur noch alle acht Wochen zu Willi Vötter. "Ich glaub’, ich hab’s geschafft. Darauf bin ich stolz." Nicht nur die Sucht hat er im Griff: In vier Jahren ist er schuldenfrei. Das soll auch so bleiben: "Ich will nie mehr was in den Automaten stecken, nicht mal einen Cent."

* Name von der Redaktion geändert
Wege aus der Spielsucht

Betroffene und Angehörige aus Freiburg und dem Umland finden Hilfe in Form von Beratung und Therapie bei der Suchtberatungsstelle der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke der Evangelischen Stadtmission Freiburg, kurz Regio-PSB, Lehener Straße 54 a. Ab Dienstag, 30. September, startet wieder ein Gruppenangebot zur Rückfallprävention bei Spiel- und Alkoholsucht. Die Treffen finden statt an zehn Dienstagen, 17 bis 18.30 Uhr. Anmeldungen: Donnerstags, 9 bis 11 Uhr, findet ein offener Frühstückstreff statt. Infos: http://www.regio-psb-freiburg.de.

Die Anonymen Spieler treffen sich donnerstags, ab 19.30 Uhr, Haus der Begegnung, Habichtweg 48, Tel. 07665/8088498.

Autor: Yvonne Weik