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14. Juni 2012

Wissenschaftswettbewerb

Wie drei "Exzellenz"-Wissenschaftler die Freiburger Universität sehen

Forschung de luxe: Was ist durch die Exzellenzinitiative an der Uni Freiburg entstanden? Forscher aus drei Ländern berichten, warum sie nach Freiburg kamen.

  1. Marta Vranas Foto: Ingo Schneider

  2. Cornelius Torp Foto: Ingo Schneider

  3. Aurélien Forget Foto: Ingo Schneider

DER ZELLFORSCHER: AURÉLIEN FORGET

Man hört einen Hochschullehrer selten so von seinem Schützling schwärmen wie Prasad Shastri über seinen Doktoranden Aurélien Forget. "Brillant", "spektakulär", ein kreativer Kopf sei der Franzose, sagt der Professor am Zentrum für biologische Signalstudien "Bioss" und Direktor des Instituts für Makromolekulare Chemie der Uni Freiburg. Dem 28-jährigen Doktoranden aus Paris ist so viel Lob peinlich, er verzieht sich ins Büro eines Kollegen.

Wie sein amerikanischer Professor kam Aurélien Forget 2009 nach Freiburg zum Forschungsverbund "Bioss", der 2007 dank der Exzellenzinitiative aus der Taufe gehoben worden war. An der Universität Pierre und Marie Curie (UPMC) in Paris hatte er Chemie studiert, war für Studienpraktika zweimal in den USA und auch am Max-Planck-Institut in Potsdam gewesen. In Paris lernte der Masterstudent Studierende aus Freiburg kennen, die er später besuchte. So kannte er die Stadt schon, als er sich beim "Bioss" bewarb. "Ich mag Freiburg", sagt Aurélien Forget, der gerne mit Freunden in der Stadt ausgeht und als DJ HipHop in Bars und Clubs auflegt.

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Nach Freiburg zu kommen sei die richtige Entscheidung gewesen, auch wegen seines Professors, sagt der 28-Jährige bei einer Führung durch die Labors im dritten Stock des Hermann-Staudinger-Hauses in der Stefan-Meier-Straße 31. "Ich wollte Teil von etwas Neuem sein", nennt der Pariser einen weiteren Grund. "Diese Bedingungen hätte ich so in Frankreich nicht." Kein Gerät sei hier im Labor älter als drei Jahre. Er liebe die Freiheit, die ihm sein Professor beim Forschen gebe, und möge das Interdisziplinäre, sagt Aurélien Forget. Bei "Bioss", einem fakultätenübergreifenden Forschungsverbund (Exzellencluster), ist er da genau richtig. Die Zentrale ist das neue Signalhaus an der Schänzlestraße, aber auch im Institut für Makromolekulare Chemie arbeiten für "Bioss" Biologen und Chemiker zusammen. Die Chemiker entwickeln auf der einen Seite des Flurs Polymere, die Biologen erforschen auf der anderen Seite die medizinische Anwendung dieser Kunststoffe im menschlichen Körper.

Die Idee des internationalen Forscherteams: Abgenutzte Gewebe und Knorpel und – so das Ziel – auch beschädigte Organe sollen künstlich im Körper wiederaufgebaut werden. "Dafür müssen wir verstehen, welche biologischen Signale in der Lage sind, den Stammzellen zu diktieren, ein Organ wiederaufzubauen." Um ein Gewebe oder einen Knorpel wiederherzustellen, entwickelt Forget aus einem Hydrogel – einem weichen, für Lebewesen verträglichen (biokompatiblen) Material – ein Gerüst im dreidimensionalen Raum, das die Zellen zusammenhält. "Wir kennen die Wirkung von Signalen zwischen den Zellen in der Petrischale, aber nicht im dreidimensionalen Raum", erklärt Forget anhand einer Computeranimation.

Wie es nach Abschluss seiner Doktorarbeit Ende des Jahres weitergeht, weiß Aurélien Forget noch nicht – "in der Wissenschaft ist umziehen normal". Am Tisch des Nobelpreisträgers Staudinger, seinem berühmten Vorgänger, verrät der 44-jährige Prasad Shastri, dass er seinen Doktoranden unbedingt in Freiburg halten wolle, mit welchen Geldern auch immer. Die Exzellenzinitiative 2012 wäre da sicherlich eine gute Option.

DER HISTORIKER: CORNELIUS TORP

"Frias bietet genau das, was ich gerade brauche: Ruhe, um zu schreiben", sagt Cornelius Torp. Frias, das ist das "Freiburg Institute for Advanced Studies" – eine Art Forschungskolleg und laut der Freiburger Universität das "Herzstück" ihres Exzellenzkonzepts: Hier versammeln sich Wissenschaftler, um sich für einige Zeit befreit von Lehr- und Verwaltungsarbeit ganz auf ihre Forschung zu konzentrieren.

Der Historiker Cornelius Torp ist eigentlich wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Halle-Wittenberg. Zwei Jahre hat er zuletzt am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz verbracht, jetzt ist er für ein Jahr in Freiburg. Die Uni in Halle hat ihn dafür beurlaubt, seine Bezahlung übernimmt das Frias – das ihm auch ein Arbeitszimmer in der "Historiker-Villa" in Herdern bereit stellt. Dort findet er neben Ruhe auch Gelegenheit zu anregenden Gesprächen mit Kollegen und wird von einer Hilfskraft bei seinen Recherchen unterstützt: "Das sind sehr gut qualifizierte Studenten am Ende ihres Studiums", sagt Torp, "die gehen nicht nur kopieren."

Der Historiker schreibt seine Habilitation über die finanzielle Situation alter Menschen im britischen und deutschen Wohlfahrtsstaat seit 1945. Dabei geht es ihm darum, wie sich Strukturen sozialer Ungleichheit in beiden Ländern verändern, wie die Staaten darauf reagieren – und welche Vorstellungen von Gerechtigkeit dahinter stehen. Er kommt zu dem paradoxen Ergebnis, dass das deutsche Rentensystem, das sich vor allem an Leistung orientiert, in der Vergangenheit besser mit dem Problem der Altersarmut klar kam als das britische – obwohl sich dieses ursprünglich eher am Bedarf orientierte. "Es ist aber absehbar, dass beide Prinzipien ins Rutschen geraten", sagt Torp.

Torp ist mit seiner Familie nach Freiburg gezogen, das Institut sei ideal, um sein Buch fertig zu schreiben: "Die Ausrede, man habe schlechte Arbeitsbedingungen gehabt, ist jedenfalls weg." Vorträge und Aufsätze hat er für diese Phase abgesagt, um sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren – außer am Wochenende: "Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, sieben Tage die Woche durchzuarbeiten." Zumal er den Schwarzwald "fantastisch" findet.

Dennoch habe das moderne Nomadentum des Wissenschaftlers auch Schattenseiten, sagt Torp – vor allem für die Familie. Nach der Freiburger Zeit wird seine Frau wieder anfangen in Bielefeld zu arbeiten, woher die Familie stammt; Torp wird dann zunächst wieder nach Halle pendeln und sich in Deutschland und vielleicht auch dem Ausland auf Professuren bewerben. Und auch die Exzellenzinitiative sieht der Historiker nicht nur positiv – trotz der guten Bedingungen am Frias: Für den Wettbewerb werde sehr viel Energie aufgewandt, und selbst im Fall des Erfolgs fließe die Förderung zunächst nur in relativ kurzfristige Projekte. Die Frage sei, wie es nach der zweiten Wettbewerbsrunde weitergehe: "Es müsste etwas für den Grundausbau der Unis getan werden – dauerhaft."

DIE BIOCHEMIKERIN: MARTA VRANAS

Anfang 2013 wäre Marta Vranas gerne fertig mit ihrer Doktorarbeit. "Aber es ist Wissenschaft...", sagt sie und lacht. Soll heißen: Man weiß vorher nie genau, was wann bei all der Arbeit herauskommt. Über ihr Forschen und Leben in Freiburg erzählt sie in der Kaffeeküche des Instituts für Organische Chemie und Biochemie: So braucht sie ihre Versuchsreihen nicht so lange alleine zu lassen.

Marta Vranas ist Mitglied der "Spemann-Graduiertenschule für Biologie und Medizin" an der Freiburger Uni. Mit dem Programm, das sich ebenfalls aus Mitteln der Exzellenzinitiative speist, sollen gezielt Doktoranden gefördert werden – finanziell, organisatorisch und inhaltlich. Vranas ist in der portugiesischen Hafenstadt Porto aufgewachsen, dort hat sie auch Chemie studiert. Die Freiburger Spemann-Graduiertenschule begegnete ihr aber in einem Flur der Uni von Aarhus: Dort warb ein Plakat aus Freiburg um Bewerber. In Dänemark war Marta Vranas für ein Auslandssemester, anschließend hat sie dort auch ihren Master in Biochemie gemacht. "Ich habe Dänemark gewählt, weil es so anders ist als Portugal", sagt sie. "Das war ein bisschen verrückt – aber ich wollte die Erfahrung machen."

Die 26-Jährige bewarb sich in Freiburg und war gleich begeistert: "In Aarhus waren es minus vier Grad – in Freiburg konnte ich ohne Jacke rausgehen!" Auch vom guten Ruf der biologischen Forschung hatte sie gehört. Im Januar 2009 zog sie nach Freiburg: neues Land, neue Stadt, neue Uni. "Alles war sehr einfach", sagt sie trotzdem: Als EU-Bürgerin gab’s nur wenig Bürokratie – und dabei halfen die Mitarbeiter der Graduiertenschule: "Ich musste die Formulare nur noch unterschreiben."

Vranas lernte verschiedene Labors kennen und entschied sich für eine Doktorarbeit bei Chemieprofessor Thorsten Friedrich. "Wir arbeiten mit Proteinen", versucht sie es so einfach wie möglich zu beschreiben. Konkret untersucht sie den Bauplan eines Enzyms der sogenannten Atmungskette von Zellen. "Das ist wie bei einer Uhr", sagt sie, "wenn man weiß, wo welches Rädchen sitzt, kann man sich leichter überlegen, wie es funktioniert."

Naturwissenschaften interessierten sie schon in der Schule – neben ihrer anderen Leidenschaft: "Ich tanze, seit ich fünf bin." Auch in Freiburg gibt sie Kurse für Freunde – wenn sie Zeit hat: Die Graduiertenschule bietet auch Fortbildungen etwa in wissenschaftlichem Schreiben und Präsentationstechniken. Marta Vranas würde gerne in der Wissenschaft bleiben, am liebsten in Deutschland. "Das hängt aber von den Ergebnissen ab", sagt sie lächelnd – "und von den Möglichkeiten, die man bekommt."

Mehr zum Thema:
Exzellenzinitiative:
Spielt die Uni Freiburg weiter in der Champions League?

DER WETTBEWERB


Die "Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder", wie sie korrekt heißt, wurde im Sommer 2005 beschlossen, um Spitzenforschung an deutschen Hochschulen zu fördern. Das Förderprogramm besteht aus drei Elementen: aus einem Zukunftskonzept, das an der Freiburger Uni "Freiräume für Forschung" heißt; aus "Exzellenzscluster" genannten Verbünden, in denen Uni-Wissenschaftler mit außeruniversitären Forschern zusammenarbeiten; und aus Graduiertenschulen, die ein strukturiertes Ausbildungsprogramm für Doktoranden eines Forschungsbereichs bieten.

  Im Zentrum des Freiburger Zukunftskonzept steht das "Freiburg Institute for Advanced Studies" (Frias), an dem der Historiker Cornelius Torp arbeitet. Hier versammeln sich Forscher aus den vier Bereichen Geschichte, Sprache und Literatur, Materialwissenschaften und Lebenswissenschaften (Life Sciences). Im Forschungsverbund "Zentrum für biologische Signalstudien" (Bioss) untersuchen Wissenschaftler der Uni, aber zum Beispiel auch von Fraunhofer- und Max-Planck-Instituten gemeinsam Signalprozesse in Zellen – unter ihnen Aurélien Forget. Die Spemann-Graduiertenschule für Biologie und Medizin bietet Doktoranden wie Marta Vranas intensive Betreuung und Fortbildungskurse.  

Autor: thg, siehe auch Seite 9

Autor: Thomas Goebel und Frank Zimmermann


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