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09. Oktober 2009

Wie früher in der Großfamilie – nur freiwilliger

Rendite ist nicht alles, auch Bürgerengagement hat Wert: Warum eine Baugenossenschaft in Freiburg einen hauptamtlichen Quartierskoordinator anstellt

  1. Koordinator Wörnhör, Bauvereins-Chefs Disch und Kiechle (v.l.) Foto: Kunz

Noch ist sein neues Leben eine Baustelle. Fußbodenkleber duftet, Farbtöpfe stapeln sich in der Ecke, Kabel hängen aus der Wand und draußen vor den Riesenfenstern gähnt eine Kraterlandschaft. Auch der PC will nicht immer so, wie er soll. Doch das alles ficht Volker Wörnhör nicht an. Im Gegenteil, er findet das hochsymbolisch: Gerade diese Baustelle an der Zähringerstraße, einer Ausfallstraße im Freiburger Norden, das Unfertige, noch mit Leben zu Füllende hier, das alles hat etwas vom sprichwörtlichen Zauber, der Anfängen innewohnt.

Trat der 55-Jährige früher eine neue Stelle an, dann war der Job in aller Regel schon vorher da, klar strukturiert, präzise beschreibbar, hinterlassen vom Vorgänger. Diesen Job hier dagegen gibt es eigentlich noch gar nicht, der ist selber noch eine Baustelle: Quartierskoordinator? Klingt bedeutend, aber was ist das? Da müssen auch Arbeitgeber kurz überlegen. "Sagen wir, die Spinne im Netz", schlägt Gerhard Kiechle schmunzelnd vor und Reinhard Disch ergänzt: "eine Klammer im Generationenwohnen".

Disch und Kiechle sind geschäftsführende Vorstandsmitglieder des Bauvereins Breisgau, der zweitgrößten Baugenossenschaft in Baden-Württemberg. Als solchen sind ihnen Baustellen zwar vertraut, aber ein Quartierskoordinator ist auch ihnen neu, so wie das "Generationenquartier", das hier im Entstehen ist und nun bald koordiniert werden will.

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In anderen Städten Europas kennt man das Instrument schon länger. Mal heißt es Quartiersmanager, anderswo Stadtteilmanager. Meist ist es eine Art sozialpolitischer Reparaturflicken – also der späte oder zu späte Versuch, Missstände zu beheben, die sich über Jahre aufgebaut haben: Anonymes Nebeneinanderwohnen in unfreundlicher Hochkoffer-Architektur, soziale Spannungen, Funkstille, Vereinsamung, Vandalismus. Und der Quartiersmanager, meist staatlich besoldet und neu im Block, soll das wieder richten.
Keiner soll sich allein gelassen fühlen, wenn er nicht will


In diesem Fall startet das Experiment zu einem viel günstigeren Zeitpunkt: noch in der Bauphase. Mehr als 200 Wohnungen baut die Genossenschaft ihren Mitgliedern hier, samt Kindergarten und Krabbelgruppe. Der erste Bauabschnitt mit 30 betreuten Seniorenwohnungen, Sozialstation, Gemeinschaftsräumen und dem Büro des Koordinators wird nächste Woche feierlich eröffnet. Noch ist hier alles in Bewegung, nichts verkrustet, kein Kind in den Brunnen gefallen.

Spinne im Netz hört sich nach Fallenstellerei an, aber das scheint gar nicht nötig. Wörnhör, gelernter Sport- und Theaterpädagoge, Gelegenheitsregisseur und Schauspieler, muss nicht groß auf Freiwilligenfang gehen. Die bürgerschaftlich Engagierten laufen ihm schon jetzt das Büro ein – rüstige Ältere aus vorhandenen Genossenschaftshäusern des Stadtteils, voller Tatendrang. "Ich möchte mich einbringen, was kann ich machen?", bekommt er zu hören, oder: "Ich habe etwas zu bieten, habt ihr Interesse?"

Ziel des Generationenprojekts ist es, dass kein Bewohner sich alleingelassen fühlen soll, wenn er das nicht will. In einer Freiwilligenbörse laufen bei Koordinator Wörnhör Angebote zusammen: Einkaufen, Begleitung zum Arzt, Spazierengehen, die BZ vorlesen, Kinder hüten, bis hin zu "offenes Ohr", Sterbebegleitung, Trauerbegleitung. Die Börse ist zugleich Anlaufpunkt für Bewohner, die Bedarf an solchen ehrenamtlichen Hilfen haben.

Aber es geht nicht nur um Nachbarschaftshilfe oder darum, Hilfswillige und Hilfsbedürftige zusammenzubringen. Es geht auch um Gemeinschaft: eine Kochgruppe für den Mittagstisch ist im Aufbau, eine Mal-, eine Musik- und eine Theatergruppe wollen sich finden. Als Bühne lockt das denkmalgeschützte Turmcafé.

"Man kann das nicht erzwingen", sagt Gerhard Kiechle, der lange Jahre Bürgermeister von Eichstetten am Kaiserstuhl war, "aber ein gewisses Pflichtgefühl, etwas für die Gemeinschaft zu tun, würde ich mir von unseren Mitgliedern schon wünschen." Es ist der Versuch, das, was in Dörfern wie Eichstetten womöglich eine noch vorhandene Großfamilienstruktur leistet, auf ein städtisches Quartier und seine Bewohner zu übertragen – nur im Zweifel mit größerer Freiwilligkeit.

Die Obergenossen vom Bauverein sind dabei nicht auf eigene Faust vorgegangen; sie haben sich von einer studentischen "Zukunftswerkstatt" um Professorin Cornelia Kricheldorff von der Katholischen Fachhochschule beraten lassen, haben Projekte in Bielefeld und München besucht. Und vor allem haben sie nicht auf den Staat oder die Kommune gewartet. "Eine gesunde Genossenschaft", sagt Reinhard Disch, "muss auch mal mit eigenem guten Beispiel vorangehen." Kiechle fügt geradezu kämpferisch hinzu: "Wir müssen uns abgrenzen von den Heuschrecken. Solche Investitionen in soziale Sicherheit bringen keinen schnellen Deckungsbeitrag, keine Frage, aber Rendite ist nicht alles."

Es ist früher Abend. Im Konferenzraum verteilen zwanzig Ehrenamtliche den Schichtdienst für den Tag der offenen Tür am nächsten Freitag. Koordinator Wörnhör führt mit sonorem Bass Regie. Welche Hilfsangebote sollen auf den Flyer? Die Vorschläge sind zahlreich und Teile der Gruppe kaum zu bremsen. "Lasst uns klein anfangen", empfiehlt Wörnhör, "Zurückrudernmüssen ist immer schlecht." – "Er hat recht", flüstert eine Mittsechzigerin, "anderen helfen ist gut, aber man muss auch mal an sich denken."



Autor: Stefan Hupka