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24. September 2011
Wie hast du’s mit der Religion?
Trotz der Hypes um Weltjugendtage und Papstbesuche: Von einer "Generation Benedikt" weiß die empirische Forschung nichts.
Mit schöner Regelmäßigkeit tauchen sie alle paar Jahre auf: die Schlagzeilen, die eine Renaissance der Religion beschwören, die Meldungen, die eine Trendwende des Exodus aus den christlichen Kirchen verkünden. Besonders im Umfeld von Weltjugendtagen und Papstbesuchen ist viel von neuen spirituellen Sehnsüchten die Rede.
Was ist dran an der "Generation Benedikt"? Unter Marketinggesichtspunkten jedenfalls kann man neidlos attestieren: Volltreffer! Obwohl zuletzt anlässlich des Weltjugendtags in Madrid die massive Protestwelle im einst erzkatholischen Spanien soziologisch die viel interessantere Begleiterscheinung war, konzentrierten sich viele Medien hierzulande doch auf die Behauptung der vermeintlich neuen Ansprechbarkeit vieler Jugendlicher für die frohe Botschaft. Tatsache ist indessen, dass von einer Trendwende im Lichte aller vorliegenden Studien und Statistiken nicht gesprochen werden kann. In der katholischen Kirche hat die Austrittsbewegung – forciert durch die vielen aufgedeckten Missbrauchsfälle – neue Höhepunkte erreicht. Die katholische Kirche verzeichnete im Jahr 2010 rund 180 000 Austritte und damit erstmals mehr als die Protestanten. "Religion weiter im Abseits", so fassen denn auch die Autoren der Shell-Jugendstudie die einschlägigen Befunde ihres jüngsten, im vergangenen Jahr erschienen Überblicks zusammen.
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16 000 Jugendliche aus Deutschland waren offiziellen Angaben zufolge nach Madrid gepilgert. Nicht überliefert ist, wie viele davon einen Abstecher nach Lloret de Mar gemacht haben. An die Party-Meilen der Costa Brava touren jedes Jahr 35 000 junge Leute aus Deutschland, meist Abiturienten zum alkoholunterstützten Abschalten ("Flatrate-Trinken") nach den Prüfungen. Die Schnittmenge zwischen beiden Gruppen dürfte indessen nicht allzu groß sein – denn zwischen Koma-Trinken und dem Papst-Zuwinken liegen dann doch Welten, in der Sprache der modernen Lebensweltforschung: "Milieugrenzen".
Wer seine linke Hand ins Gefrierfach und die rechte auf die heiße Herdplatte legt, empfindet im Durchschnitt eine durchaus angenehme Temperatur. An diesen alten Kalauer zur Erläuterung der begrenzten Aussagekraft von statistischen Angaben wird man erinnert, wenn man Charakterisierungen der "Jugend von heute" liest. Denn bei allen Schwierigkeiten, die ein vielschichtiges Phänomen wie Religiosität und Spiritualität mit sich bringt – eines kann man ganz sicher festhalten: Zwischen den neuen Bundesländern und den alten gibt es "himmelweite" Unterschiede, im wörtlichen Sinn. Zum Beispiel sagen in der letzten Shell-Jugendstudie in den alten Bundesländern immerhin noch 23 Prozent der 12- bis 25-Jährigen, dass sie an einen persönlichen Gott glauben, während es in den neuen Bundesländern gerade mal noch acht Prozent sind. Und wenn man die Jugendlichen danach unterscheidet, ob sie oder ihre Eltern hier geboren oder zugewandert sind, dann ergeben sich noch einmal gewaltigere Unterschiede. Unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund bekennen sich sehr viel mehr, nämlich 44 Prozent zum Glauben an einen persönlichen Gott! Wobei dieser freilich meist Allah heißen dürfte. Überhaupt bestätigen verschiedene Studien bei ihnen immer wieder die wesentlich höhere Bedeutung der religiösen Orientierungen – so wird der Glaube an Paradies und Hölle von muslimischen Jugendlichen mit 60 Prozent über viermal so oft bejaht wie bei christlich Getauften. Das persönliche Gebet wird von muslimischen jungen Menschen mit 70 Prozent circa doppelt so häufig praktiziert wie von christlichen.Was die religiöse Lektüre angeht, so liegen die Werte mit 41 (muslimisch) zu drei Prozent (christlich) noch weiter auseinander. Gefragt wurde, ob "oft" in der Bibel beziehungsweise dem Koran gelesen wird.
Die allenthalben zu verzeichnende Bedeutungsabnahme traditioneller Religiosität sollte man nicht nur als Geschichte eines Verlusts interpretieren. Das wird spätestens dann klar, wenn man mit in Betracht zieht, dass auch die damit verbundenen Schuldkomplexe, die dogmatischen Alleinvertretungsansprüche und das oft gewalttätige religiöse Sendungsbewusstsein rückläufig sind. Es ist auch positiv, dass die meisten deutschen Jugendlichen heute die Vorstellung ablehnen, die eigene Religion sei einer anderen überlegen: Nur sechs Prozent der Befragten meinen, die eigene Religion sei die einzig wahre; bei den türkischstämmigen Jugendlichen sind es 68 Prozent.
"Ich glaube nicht an die Bibel, ich glaube nicht an Jesus, ich glaube nicht an Buddha, ich glaube nur an mich und an Yoko." Das sang John Lennon 1970, beseelt vom rebellischen Geist der 68er-Ära. Neben der APO, den K-Gruppen und den Spontis entstanden auch neureligiöse Gruppen und Sekten in großer Zahl und mit großem Zulauf. In der katholischen Kirche, ihren erstarrten Ritualen und ihrer strengen Hierarchie sah man vor allem die Überbleibsel von Kreuzzügen, Inquisition und Hexenverbrennung – und in den greisen Päpsten das Sinnbild des Ewiggestrigen.
Heute hat sich das Generationenverhältnis insgesamt entkrampft – nicht mehr abgrenzen von der Gesellschaft, sondern ankommen in der Gesellschaft ("Generation Praktikum") ist zum großen Thema geworden. Relevante Vorbilder werden nicht mehr in der Ferne (Che Guevara), sondern – für die 68er-Generation undenkbar – in den eigenen Eltern gefunden. Die Lust am Sturz der Autoritäten ist, zumindest in der jungen Generation in den westlichen Gesellschaften, verblasst. Den Kirchen begegnet unter den neuen Vorzeichen – im Unterschied zu den kirchenkritischen 70er Jahren – sogar durchaus so etwas wie Wohlwollen: "Es ist gut, dass es die Kirche gibt", sagen laut Shell-Studie 69 Prozent. Und man hat gelernt, mit Widersprüchen zu leben: "Die Kirche hat keine Antworten für mich." Dieser Satz wird von ähnlich vielen bejaht (65 Prozent ) wie die Aussage:"Sie muss sich ändern" (Zustimmung: 68 Prozent). Wirklich eigenes Interesse gibt es bei den meisten indessen nur noch für die Hochzeit in Weiß.
Somit wird auch der Papst zu einer Figur, die entdämonisiert wird und durchaus im postmodernen Pluralismus der Strömungen und Events ihren Platz haben kann. Gerade durch das authentische Sterben seines Vorgängers Karol Wojtyla, das menschliche Gebrechlichkeit nicht geleugnet, sondern zelebriert hat, und das ebenso medienwirksam aufbereitet wurde wie die anschließende Wahl von Joseph Ratzinger, konnte der Vatikan wohl Boden gut machen. Die in jeder Hinsicht professionell organisierten Weltjugendtage und Papstbesuche signalisieren, dass die katholische Kirche durchaus mit der modernen Wirklichkeit Schritt hält. Im Vergleich zum oft sehr einfallslosen Religionsunterricht (im Ranking der Schulfächer auf dem allerletzten Platz), im Vergleich zu den oft hoffnungslos verkrampft auf jung getrimmten Jugendgottesdiensten vor Ort präsentieren sich Papstbesuche und Weltjugendtage jedenfalls auch via Facebook und Twitter, mit Security und Party-Stimmung, mit Marketing-Partnern und Crowd Managern als attraktive Mega-Events von heute.
Die religiöse Biographie des deutschen Comedy-Stars Hape Kerkeling ist vor kurzem durch publizistische Angriffe der übermotivierten Sektenjägerin Ursula Caberta noch einmal in die Schlagzeilen geraten. Über seinen 600 Kilometer langen Fußmarsch als Pilger auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela hatte er ein Tagebuch verfasst ("Ich bin dann mal weg"). Und in den zahlreichen Interviews und TV-Gesprächen seither werden interessante Facetten einer vielleicht prototypischen postmodernen Sampling-Religion deutlich: Kerkeling bezeichnet sich selbst als "Buddhisten mit christlichem Überbau" (oder auch: "Ich bin Christ. Gelernt katholisch, ausgetreten. Der Buddhismus ist für mich der Schlüssel für diese Kiste ... "), er glaubt an Reinkarnation. Und er vergleicht die heiligen Schriften der großen Religionen mit der Bedienungsanleitung eines DVD-Players, die man auch nicht wirklich versteht ...
Papstbesuche werden zum Event.
Sicher: Die Grenzen zwischen der reinen Lehre religiöser Bekenntnisse und einem weltzugewandten Pantheismus werden dabei souverän ignoriert. Das Göttliche findet sich in der Natur, in Erlebnissen und in Beziehungen und immer wieder natürlich in der Liebe. Die Begegnung mit dem Außeralltäglichen, die Erfahrung von Entgrenzung, Rausch und Ekstase – das sind die Elemente des Heiligen, die gerade auch durch Musik immer wieder evoziert werden. Konzerte und Festivals gewinnen als säkulare Events geradezu sakralen Charakter. Das Weltliche entwickelt religiöse Potenzen. Beim Papstbesuch ist es eher umgekehrt.
– Heiner Barz ist Bildungsforscher an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er beschäftigt sich mit dem Thema Jugend und Wertewandel.
Autor: Heiner Barz


