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27. September 2009 19:00 Uhr
Bundestagswahl 2009
SWR-Wahlparty: Enttäuschung bei Rot und Grün
Freiburg hat gewählt - und das Ergebnis ist eindeutig. Gernot Erler holt das Direktmandat, in Sachen Zweitstimme liegt die CDU klar vorn. Ein Grund zum Jubeln für Freiburg?
Der Applaus ist spontan, setzt sich von einem Händepaar zum nächsten fort, macht einer Kaskade gleich die Runde. Freiburg hat gewählt und Gernot Erler zumvierten Mal in Folge mit dem Direktmandat ausgestattet (33 Prozent). Doch was im Freiburger SWR-Studio bei der Wahlparty Begeisterung auslöst, findet nicht seine Entsprechung im Gesicht des Sozialdemokraten.
"Das ist kein Abend zum Jubeln", stellt Gernot Erler klar. "Am liebsten würde ich nur dem SC Freiburg zu seinem 3:0-Sieg beglückwünschen. Mehr auch nicht." Dem Spitzenkandidaten der SPD in Freiburg und Staatsminister im Auswärtigen Amt sieht man die Strapazen des Abends an. Da helfen selbst Make-up und Puder nicht.
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Auch Kerstin Andreae merkt man die Enttäuschung über den Wahlausgang an: "Das ist nicht gut für die Republik", sagt die Spitzenkandidatin der Grünen im Wahlkreis Freiburg. "Mit schwarz-gelb müssen wir eine starke Oppositionsarbeit leisten – gerade weil Themen wie Atompolitik und Gentechnik zu kurz kommen werden."
Andreae wirkt sommerlich frisch an diesem Wahlabend. Ihren Konkurrenten im Kampf um die Erststimme begrüßt sie charmant mit Küsschen rechts und Küsschen links. "Ich freue mich sehr, dass Gernot Erler das Direktmandat geholt hat", strahlt sie, zeigt sich zudem zufrieden über das eigene Abschneiden (21,8 Prozent) und das der Partei. Doch Andreaes Leichtigkeit kann nicht über die Enttäuschung und das Entsetzen über den SPD-Absturz hinwegtäuschen, der sich auch auf die Gemüter der Freiburger niederschlägt.
"Das ist eine absolute Katastrophe", sagt Achim Büttner. Der Blick des Freiburgers schwankt zur Großbildleinwand, über die Hochrechnung der ARD flimmert. Zwar sei er auf der einen Seite erleichtert. Auf der anderen schockiert. Denn: "Die Große Koalition war einfach keine Option mehr. Aber Schwarz-Gelb ist nicht gerade mein Wunschkandidat."
Die Wahlparty des SWR ist an diesem Abend gut besucht, immer mehr Menschen drängen zu Beginn der Veranstaltung am frühen Abend in das Gebäude an der Kartäuser Straße. Viele haben die letzten Sonnenstrahlen des spätsommerlichen Tages im Gesicht. "Wie sieht es aus?", wispert es in der einen Ecke. "So schlimm?", dringt es aus einer anderen. 150 Menschen drängen sich vor mehreren Leinwänden. Fleischkäs-Weckle, Gulaschsuppe und Pils sorgen für die heimelige Atmosphäre eines großen Wohnzimmers. Während sich die Mitvierziger die vorderen Plätze gesichert haben, scharen sich zahlreiche Studenten an den Bistrotischen weiter hinten. Gebannt hängen sie an den Lippen von ARD-Hochrechnungspapst Jörg Schönborn, der gewohnt kompetent die Zahlen präsentiert.
Spontaner Beifall, als klar wird: Die CDU hat verloren. Totenstille indes bei der Präsentation des SPD-Ergebnisses: Die Sozialdemokraten liegen zurück. Weit zurück. Ein Absturz. Die kleinen Parteien sind die Sieger und vereinzeltes Klatschen enttarnt Anhänger von FDP, Linke und Grünen. Pilsgläser stoßen aneinander, andere werden geschockt in einem Zug geleert.
"Ich bin überrascht und schockiert", erklärt Jan Korte. Er ist direkt vom 3:0-Sieg des SC Freiburg vom Dreisamstadion zum SWR-Studio gepilgert. Der Fanschal hängt schlaff um den Hals, er zwirbelt ihn um die Hand, den Finger. "Dass die Linke so zulegt und die SPD so verliert – damit hätte ich nicht gerechnet", sagt Korte und holt tief Luft. Seiner Meinung nach ist eins sicher: Die Medien hätten dieses Ergebnis herbeigeschrieben. "Auch wäre es mir lieber gewesen, wenn die Grünen weiter vorne lägen."
"Am Einschneidensten ist das Ergebnis der beiden großen Volksparteien", stellt der Politikwissenschaftler Wolfgang Jäger unmissverständlich klar. Thomas Hauser, Chefredakteur der Badischen Zeitung, und SWR-Studioleiter Claus Schneggenburger, haben den Freiburger Experten in die Mitte genommen, analysieren gemeinsam das Wahlergebnis. Die Besucher der Wahlparty nehmen sie mit interessierten Blicken in ihrem Kreis auf.
"Wir sind auf dem Weg eines sehr gewichtigen 5-Parteien-Systems", erklärt Jäger – und erntet zustimmendes Kopfnicken. "Ist Angela Merkel eine strahlende Siegerin?" fragt Hauser den Politikwissenschaftler – und ruft bei manchem Freiburger das Bild der Kanzlerin aus einem Einspieler auf der Großleinwand nur wenige Minuten zuvor wach. Das Bild einer Frau, die lächelt, lacht. "Zumindest noch", sagt Hauser. "Denn die Koalitionsverhandlung mit der starken FDP wird wohl kaum konfliktfrei ablaufen", setzt er nach. Jäger: "Hier zeigt sich klar: Hohe Popularitätswerte schlagen sich nur dann nieder, wenn sie mit einem Sachthema verbunden sind. Und das war in dieser Bundestagswahl nicht der Fall."
Nichtsdestotrotz bleibt Merkel Kanzlerin. Was Freiburg anbelangt, holt die Union im gesamten Wahlkreis 281 die meisten Zweitstimmen (27,1 Prozent). Daniel Sander blickt mit einem leichten Lächeln auf das Ergebnis. "Natürlich hätte ich gerne den Wahlkreis gewonnen", sagt er mit fester Stimme. "Aber ich bin sehr zufrieden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen" - und das Lächeln weitet sich zu einem Grinsen. Zumindest beinahe.
FDP und CDU werden wohl die neue Bundesregierung stellen. Hätte ein Wahlempfehlung des liberalen Kandidaten Sascha Fiek, der acht Prozent der Erststimmen holte, nicht die Serie Erlers in Freiburg brechen können? "Da müssen Sie die FDP fragen. Ich hätte gerne die Stimmen von Sascha Fiek gehabt, dann hätte es gereicht", sagt Sander.
In Freiburg Stadt bleiben die Grünen weiter die stärkste Partei, auch wenn sie ein Minus von 0,8 Prozent hinnehmen musste. Die Verluste führt Oberbürgermeister Dieter Salomon auf die erstmals angetretene Piratenpartei zurück. In Freiburg Stadt liegen die Newcomer über 2 Prozent, in grünen Hochburgen kamen die Piraten sogar auf 4,4 Prozent.
Am späten Abend verfolgen nur noch wenige Freiburger die Ergebnisse am Bildschirm. Die Stadt scheint wahlmüde. Doch schon im kommenden Jahr stehen schon die nächsten Wahlen an. Die des Oberbürgermeisters.
Fotos: Wahlparty beim SWR in Freiburg
Autor: Alexandra Sillgitt
