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14. Januar 2011

Wikipedia-Stammtisch: Schnell zu sein, das dauert seine Zeit

Zum zehnten Geburtstag der freien Online- Enzyklopädie Wikipedia trifft sich der Freiburger Wikipedia-Stammtisch zum fünfzigsten Mal.

  1. Der Freiburger Wikipedia-Stammtisch bei seinem 49. Treffen im Dezember 2010. Foto: privat

  2. Auch in Freiburg wird an der Wikipedia-Welt gepuzzelt. Foto: Montage: BZ-Grafik

Sie sind neugierig. Sie haben Freude daran, "so rumzusuchen". Sie sind ehrgeizig, aufgespürte Lücken zu füllen. Es begeistert sie, vom Hölzle aufs Stöckle zu kommen. Sie haben Spaß an Verknüpfungen. Sie wollen mehr wissen. Sie sind nach eigenem Bekunden "Verrückte". Kurzum: Sie sind Wikipedianer. Also Menschen,die an der weltweiten freien Enzyklopädie Wikipedia mitarbeiten, unentgeltlich selbst Artikel dafür schreiben, neue Einträge kontrollieren, Kommas korrigieren – und regelmäßig zum Freiburger Wikipedia-Stammtisch zusammenkommen.

Morgen seit dessen Gründung am 15. März 2005 schon zum fünfzigsten Mal. An diesem 15. Januar, der für die rund zwanzig Mitglieder der Freiburger Gruppe (hauptsächlich Männer) nicht nur deshalb ein ganz besonderer Tag ist. An ihm nämlich feiert Wikipedia seinen zehnten Geburtstag. Über die Lücken dieses Nachschlagewerks im Internet wurde zum Beispiel Manfred Höfert zum Wikipedianer. Denn als der Freiburger – Physiker und Pensionär mit Hang zum Hobbyhistoriker – in dem Lexikon mit mehr als 1,2 Millionen deutschsprachigen Artikeln etwas Geschichtliches suchte, stellte ihn das Gefundene nicht so recht zufrieden. "Mit Begeisterung und einem gewissen Ehrgeiz" ist er deshalb nun seit sechs Jahren dabei, "es gut zu machen". Etwa mit Beiträgen über Carl von Rotteck und Hermann von Greiffenegg.

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Ähnlich geht es den anderen, vom Schüler und Lehrer über Studierende bis zu Medizinern und Chemikern. Florian Straub macht ebenfalls seit 2005 mit. Was der Software-Entwickler so begründet: "Ich will einfach gern mehr wissen." Folglich wühlt er sich wie die anderen immer weiter in ein Thema, verfolgt eine Spur, die zu einer Nebenspur führt, die wiederum auf eine nächste Fährte lockt. "So ist mir auch der Erfinder der Büroklammer über die Füße gelaufen", lacht er, "der Norweger Johan Vaaler." Bei einer anderen Gelegenheit hat er mehr nebenbei herausgefunden, dass der Chemiker Otto Westphal, der mit einer von Gayling verheiratet war, tatsächlich eine Woche länger gelebt hatte, als von Wikipedia behauptet. Mittlerweile ist Florian Straub von der Gemeinschaft der Wikipedianer (von denen es in Deutschland ungefähr 80 000 gibt) sogar mit der Lizenz zum Löschen ausgestattet worden.

"Die Kontrolle funktioniert bei Wikipedia exzellent", sagt Peter Dietrich. Meist vergeht nicht mal eine Minute, sagt der Physiker und Software-Ingenieur, bis falsche Einträge verbessert oder heftig diskutiert werden. Diese Möglichkeit haben alle Wikipedianer, von denen die meisten sich automatisch informieren lassen, sobald zu ihren Spezialgebieten etwas Neues erscheint. "Ich beobachte mehr als siebzig Seiten", erklärt Manfred Höfert, "und da wird mir jede Änderung mitgeteilt." Es gibt zwar weder Zensur noch Tabu-Themen, versichert Peter Dietrich, der gerade die Ausgaben der Gartenlaube fotografiert und bei Wikisource, der freien Quellensammlung, ins Netz stellt. "Aber wir sind zur Neutralität verpflichtet."

Artikel über Bächle und Bahnhof sind "lesenswert" und "ausgezeichnet"

Dazu kommt sozusagen die Selbstverpflichtung (nicht nur) der Freiburger Gruppe, gewissenhaft und genau, sorgfältig und lieber einmal zu viel nachprüfend zu arbeiten.Trotz der Absicht von Wikipedia, Informationen möglichst rasch zur Verfügung zu stellen. Schließlich bedeutet der aus dem Hawaiianischen stammende Begriff "wiki" schnell. Doch vom Hundertsten zum Tausendsten zu kommen, dauert eben seine Zeit. Das hat auch Jürgen Zinnel erfahren, als er begann, zur Bombardierung des Stadtteils Stühlinger 1940 zu recherchieren. Da merkte der Politologe bald: Ein Eintrag über den verheerenden Bombenangriff auf ganz Freiburg am 27. November 1944 fehlte bei Wikipedia völlig. Also machte er sich weiter kundig und landete über seine Beschäftigung mit dem Stühlinger unversehens auch bei der Baufirma Brenzinger. "So fächert sich das auf: Von der Historie eines Unternehmens zu Personen und zu Baustoffen bis zur Zeitgeschichte."

Den Wikipedianern kommt bei ihrer Arbeit zupass, dass mittlerweile immer mehr Originalhandschriften in Faksimile zur Verfügung stehen. "Das wirkt sich langfristig auf die Qualität von Wikipedia aus", sagt Manfred Höfert. Davon hat auch schon der Freiburger Stammtisch, der die mehr als tausend Beiträge unter der Kategorie "Freiburg" aufmerksam beobachtet, profitiert. Jeweils ein halbes Jahr lang tüftelten seine Mitglieder, die meist Nicknames (Spitznamen) benutzen, gemeinsam an Artikeln über die Bächle und den Hauptbahnhof. Mit Erfolg. Denn die Wikipedia-Gemeinde stufte den einen als "lesenswert", den anderen als "ausgezeichnet" ein. Und die Liste mit Artikel-Wünschen ist lang: von der Adelsfamilie Schnewlin über Benjamin Herder bis zu Hans Böringer, dem Schöpfer des Renaissance-Lettners im Münster.

Kein Wunder, dass Florian Straub zugibt: "Ich verbringe viel Zeit mit Wikipedia." Oder wie es Jürgen Zinnel lächelnd ausdrückt: "Jede Freundin kennt das – dass irgendwann diese ständige Verknüpfung beginnt." Was für die einen wie Manfred Höfert eine "angenehme Nebenbeschäftigung" ist, wächst sich für andere bisweilen schon zu einer Art Zweitberuf ohne Bezahlung aus.

Einen vereinsamten Eindruck machen die Stammtischler allerdings nicht. "Das Schöne an Wikipedia ist ja gerade auch der Teamgedanke", erklärt Florian Straub. Und überhaupt: "Dank Wikipedia habe ich mehr Sinn für meine Heimat bekommen, die ich nun auf der Suche nach passenden Fotos erkunde."

Der Wikipedia-Stammtisch in Freiburg hat am 15. Januar nicht nur sein Jubiläum, sondern trifft sich einmal im Monat. Interessierte können sich per E-Mail anmelden unter flominator@gmx.net; die Stammtischseite ist zu finden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Freiburg

Autor: Gerhard M. Kirk