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18. Januar 2014

Kampfsport

Zu Besuch beim Mixed Martial Arts

Mixed Martial Arts ist eine Randsportart. Für die Fernsehübertragung ist der Kampfsport zu brutal. Dennoch wird MMA immer beliebter.

  1. MMA-Trainer: Gregor Herb Foto: Christoph Koch

  2. Showtime: Kämpfe in der amerikanischen Profi-Liga UFC Foto: dpa

  3. Sit-Ups hinterm Maschendraht: MMA-Kämpfe finden in einem Käfig statt. Foto: Christoph Koch

  4. US-Karriere: Pascal Krauss Foto: Privat

  5. Foto: Christoph Koch

  6. Debütant: Dirk Hoppe trainiert für seinen ersten Kampf. Foto: Christoph Koch

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Dieser Sport darf im deutschen Fernsehen nicht gezeigt werden. "Nicht akzeptabel" sei die massive Gewalt bei Mixed Martial Arts, befand der Fernsehausschuss der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien 2010 und verbat damit dem Sender DSF, heute Sport1, die Ausstrahlung. MMA ist hart, mitunter auch blutig. Diese Kampfsportart sieht sich immer wieder mit dem Vorwurf der Regellosigkeit konfrontiert und kann das Image der Untergrundschläger nicht so einfach abstreifen. Ist ein genaueres Hinsehen also gar nicht nötig?

Beim MMA-Training der "Fight Bros" in Freiburg überrascht die Turnhallennormalität, die dem Besucher in Gregor Herbs Gym entgegenschlägt, umso mehr. Es riecht nach Gummimatten und Handschuhleder, an den gepolsterten Wänden kleben weder Haarbüschel noch Blut, und auch die Athleten erinnern nicht an die prügelwilligen Protagonisten aus dem Brad-Pitt-Film "Fight Club".

Mixed Martial Arts wird von den Ausübenden gern als Königsdisziplin des Kampfsports verstanden. Denn neben den Schlag- und Tritttechniken des Boxens und Kickboxens dürfen auch Bodenkampf- und Ringtechniken benutzt werden.

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Ein Dienstagabend, kurz vor 18.30 Uhr. 15 MMA-Kämpfer trudeln nach und nach im Freiburger Gym ein, ziehen sich um, witzeln miteinander. Die gelbe Hallenwand schmückt das Logo der "Fight Bros" mit ihrem Wahlspruch "Fighting is Living". Drei Boxsäcke in der Mitte der schwarzen, knapp 150 Quadratmeter großen Mattenfläche warten noch auf Bewegung. Ein Maschendrahtzaun begrenzt eine Seite der Fläche – das ist kein Zufall: MMA-Kämpfe finden in einem mit Zaun umrandeten Käfig statt. Das mag martialisch wirken und unterstreicht die Unausweichlichkeit des Kampfes. Es ist aber zunächst eine Sicherheitsmaßnahme. Da die Kämpfe meist zum großen Teil auf dem Boden stattfinden, würden einfache Ringseile für die Kämpfer ein höheres Verletzungsrisiko darstellen.

Das Training beginnt mit einem 30-minütigen Aufwärmprogramm. Auf der Stelle hüpfen, den Hampelmann mit Armen und Beinen machen. Immer schneller. Nackte Füße quietschen über den Mattenboden. Ein kurzer Pfiff, runter geht es in die Liegestützposition. 60 Stück. Dann 60 Sit-Ups. Bocksprünge, Stretching. Schwitzende Körper, angestrengte Gesichter.

"Auf geht´s, Männer, Handschuhe anziehen, Mundschutz rein, in Zweiergruppen und passender Gewichtslage zusammenfinden", ruft Gregor Herb, der hier das Sagen hat. Zweiter Trainingsteil. Herb legt sich auf die Seite, den Rücken zur gepolsterten Wand. Moreno Moser kniet sich über Herb, deutet Schläge zum Kopf an. In mehrfacher Wiederholung erläutert Herb Kontermöglichkeiten. Gerade Hebelgriffe, wie man sie auch aus dem Ringen kennt, sind bei diesem Sport von hoher Bedeutung. Dann lässt er die Zweier-Teams miteinander üben, schreitet die menschlichen Knäuel ab, kontrolliert die Griffe, gibt Hilfestellungen.

Sonderlich kräftig sind die meisten der Trainierenden nicht. "Man muss kein großer Koffer sein, um diesen Sport ausüben zu können", erklärt Herb. "Es geht darum, die Technik zu lernen." Dem 1,80 Meter großen, 89 Kilogramm schweren Herb sieht man seine Kampfsporterfahrung an. Nicht nur wegen seiner muskulösen Statur, sondern vor allem wegen seines wachen, abschätzenden Blicks.

Seit 2005 betreibt er seine Kampfschule, zunächst im Stadtteil Littenweiler, seit zweieinhalb Jahren ist sein Gym auf der Haid. "Angefangen habe ich mit dem Bodenkampf Brazilian Jiu Jitsu", sagt Herb. "Nach und nach kamen auch Boxen, MMA und Crosstraining als Angebot dazu."

Um die 100 Mitglieder hat sein Gym, bis zu 20 Leute kommen ins MMA-Training. Die meisten sind zwischen 18 und 30 Jahren alt. Herb gilt als einer der besten Bodenkämpfer Deutschlands.

Der 35-Jährige unterrichtet Sport und Englisch an einem Freiburger Gymnasium, das Gym hat er während seines Studiums aufgebaut. Eigentlich ist der zweifache Familienvater fast jeden Abend dort. Er spricht gern über seinen Sport – den er schon oft hat verteidigen müssen. Von Unsachlichkeit seien viele Diskussionen geprägt, resultierend aus Unwissenheit, wie Herb findet. "In den vergangenen Jahren ist es etwas besser geworden mit der Berichterstattung, davor wurde meist nur das Bild der asozialen Schläger gezeichnet."

Und wie sieht die Realität aus? "MMA ist ein Vollkontaktsport, das muss nicht jedem gefallen. Aber es gibt klare Regeln wie bei anderen Sportarten auch." Kopfstöße, Tiefschläge und Tritte an den Kopf eines liegenden Gegners sind verboten, auch Stiche in die Augen und Ellbogenschläge. Er habe auch nicht nur Türsteher im Training, sagt Herb. "Zu mir kommt eine gesellschaftliche Bandbreite: Schüler, Arbeiter, Studenten, Lehrer." Wenn einer zum Training komme, nur prügeln und sich nicht an die Regeln halten wolle, müsse er wieder gehen, erklärt Herb. "In acht Jahren musste ich bisher nur einen wieder wegschicken."

Es ist vor allem eine Frage, die in Bezug auf MMA immer wieder auftaucht: Ist es besorgniserregend oder gar primitiv, wenn sich Menschen für so einen gewaltsamen Sport begeistern? Der Soziologe Olaf Zajonc vom Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover findet nicht, dass man MMA moralisch beurteilen sollte: "MMA ist ein wachsendes Phänomen, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Die entscheidende Frage ist: Warum machen die das?" Der 46-Jährige versteht MMA "als Radikalisierung des Sports, die als Reaktion auf gesellschaftliche Bedingungen gesehen werden kann". Er holt weit aus, um seine These zu begründen. Unsere moderne Gesellschaft habe Veränderungsprozesse in Gang gesetzt, die auf der einen Seite zu Entlastung, Routine, Bürokratisierung und Technologisierung geführt haben, sagt Zajonc. Das Leben sei heute so sicher wie noch nie, dies führe aber auch zu Gegenentwicklungen. "Gerade in der heute so durchregulierten Gesellschaft bietet eine 1:1-Kampfsituation einen großen Reiz", glaubt der Soziologe. "Schließlich ist klar, gegen wen man kämpft; der mögliche Lucky Punch hält den Kampf bis zur letzten Sekunde offen; das dialogische Beziehungsverhältnis ist enorm stark und direkt in so einem Kampf. Mehr als bei Mannschafts- und Nicht-Kontaktsportarten."

Der Schweizer Soziologieprofessor Ueli Mäder von der Universität Basel spricht von zwei Interpretationslinien in Bezug auf Kampfsport wie Boxen oder MMA. Dieser, so die Gegner, fördere die Aggressivität des Ausübenden und lasse ihn Gym und echtes Leben unter Umständen verwechseln. Befürworter dagegen sehen im Kampfsport eine hohe Bedeutung in der Gewaltprävention, da das Training kathartischen Effekt haben könne. Widersprüchlich? Keinesfalls, findet Mäder. "Es kommt darauf an, wie der Kampfsport praktiziert wird. In welchem Milieu und unter welchen Bedingungen findet das Training statt? Gibt es klare Regeln, die auch eingehalten werden? Welche Motivation wird vom Trainierenden eingebracht, welche Werte werden vom Trainer vermittelt?"

Bei den "Fight Bros" fällt die Disziplin und Fürsorge auf, mit der die Kämpfer miteinander trainieren. Vor jeder Aktion wird abgeklatscht, klopft einer auf der Matte ab – das Zeichen zur Aufgabe – wird der Griff sofort gelockert. "Wir trainieren miteinander, nicht gegeneinander", sagt Leorand Berisha, 30 Jahre, der im MMA "einen super körperlichen Ausgleich für den Bürojob" sieht. Große Verletzungen gebe es im Training nicht, versichert Herb, auch blutige Gesichter seien nicht an der Tagesordnung.

Der Kampf im Käfig –

eine existenzielle Erfahrung

Natürlich existiert ein Unterschied in der Intensität zwischen Training und echtem Kampf. Aber auch eine Studie der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, für die Hunderte professionelle MMA-Kämpfe ausgewertet wurden, kam zu dem Schluss, dass sich die Verletzungsrate der Athleten in etwa auf dem Niveau anderer Kampfsportarten wie Boxen oder Kickboxen bewegt. Für einen Tabubruch halten die Gegner aber nach wie vor, dass auch auf dem Boden mit Fäusten zugeschlagen werden darf. Herb winkt ab. "Es gibt viele Möglichkeiten, auch aus der Bodenposition heraus anzugreifen, sei es mit Schlägen oder mit Hebeln. Wer sich mit dem Sport auseinandersetzt, weiß das. Ist ein Kämpfer wirklich wehrlos, bricht der Ringrichter den Kampf sofort ab."

In den USA ist MMA bereits ein Riesengeschäft, auch Computerspiele sind auf dem Markt. Die Beliebtheitswerte steigen seit Jahren rasant, die mediale Inszenierung ist denkbar spektakulär, blutige Momente inklusive. So rückt aber auch die Tatsache in den Hintergrund, dass MMA eben nicht nur aus Sequenzen möglichst aufregender Knockouts besteht. Die Macher der MMA-Shows sind die Brüder Lorenzo und Frank Fertitta, die in Las Vegas mehrere Casinos betreiben und die professionelle MMA-Liga UFC 2001 für zwei Millionen Dollar übernahmen. War MMA in den 1990er Jahren weitgehend regellos und auch in den meisten US-Staaten als "menschlicher Hahnenkampf" verboten, führten die Fertittas Doping- und Gesundheitskontrollen, Gewichtsklassen und vor allem Regeln ein. Heute machen sie mit ihrer Liga Hunderte Millionen Dollar Umsatz – pro Jahr.

Um weiter expandieren zu können, finden UFC-Shows auch in anderen Ländern statt, 2009 zum ersten Mal in Deutschland. 200 Kämpfer stehen bei der UFC unter Vertrag. Darunter sind auch zwei Deutsche: Dennis Siver aus Mannheim – und der 26-jährige Pascal Krauss aus Freiburg. Auch er hat bei den "Fight Bros" trainiert, stolz sind sie im Gym auf ihn. Seit vier Jahren kämpft der ehemalige Sportstudent in der UFC, ist mittlerweile nach Milwaukee gezogen. Momentan kann er sehr gut von seinen Kampfgagen leben, baut sich mit MMA-Seminarreihen aber schon "ein zweites Standbein nach der Karriere" auf. Vier Mal ist Krauss bisher in der UFC angetreten, zuletzt setzte es eine Niederlage. Am 25. Januar sollte er in Chicago eigentlich wieder in den achteckigen Käfig steigen, aus Verletzungsgründen ist der Kampf allerdings abgesagt.

Der Käfig, erzählt Krauss, sei eine sehr intensive Erfahrung, "man kämpft vor 15 000 bis 50 000 Leuten, überall sind Kameras". Angst, sich zu verletzen? "Ich kann das ganz gut verdrängen", entgegnet Krauss, der wegen einer im Training erlittenen Schultereckgelenk-Sprengung schon einmal über ein Jahr pausieren musste. Neben der körperlichen Fitness zähle die mentale Fokussierung: "Du musst im Käfig alles ausblenden – sonst wird es schwer."

MMA ist in Deutschland eine Randsportart, aber eine, die wächst. Etwa 10 000 Trainierende gibt es schätzungsweise in Deutschland, die meisten davon männlich. Eine MMA-Liga existiert in Deutschland nicht. Für den heutigen Samstag, 18. Januar, hat Gregor Herb daher im Freiburger Club "Crash" in der Schnewlinstraße eine Amateur-MMA-Veranstaltung mit 19 Kämpfen organisiert. Die 400 Karten sind längst vergriffen. Die Gegner kommen aus Stuttgart, München oder Balingen – Herb betreibt in Freiburg das einzige MMA-Gym.

Dirk Hoppe, 24 Jahre, kurze Haare, Sterne-Tattoo am Hals, wird dann zum ersten Mal in den Käfig steigen. Der Anlagenmechaniker trainiert sein anderthalb Jahren MMA. An seinen Kampf wolle er im Vorfeld "nicht groß denken". Die Kampfsituation ist im Vergleich zum Training eine existenzielle Herausforderung.

Gregor Herb weiß das. "In der Kabine versuche ich, meine Jungs zu fokussieren und aufzubauen", sagt er. Zu sehen ist das im Dokumentarfilm "Be Water" von David Spajic, der selbst bei den "Fight Bros" trainiert und den Film als Bachelorarbeit an der Hochschule Offenburg eingereicht hat. Spajic begleitete die Studenten Niko Samsonidse und Bastian Siefert aus Freiburg bei ihrem ersten Kampf. Der Film fängt die Aufregung und die grenzenlose Erleichterung der Beiden nach ihrem jeweiligen Sieg ein. Zentral im Raum steht auch Nikos Frage, "ob ich jemandem ins Gesicht schlagen kann". Er habe über diese Frage lange reflektiert und sie für sich bejaht, erzählt Niko, "da alles kontrolliert und nach klaren Regeln abläuft".

Bei den "Fight Bros" geht das Training in die finale Phase. Je zwei Sparrings-Partner finden sich zusammen, drei Minuten dauert eine Runde. In der Anwendung wird klar, wieso dieser Sport, in Bildern eingefroren, so martialisch aussieht. Schnell liegen die Gegner auf dem Boden, stemmen sich gegeneinander, verlagern ihr Gewicht, setzen Griffe an, deuten Schläge an, die sie nicht voll durchziehen. Die Energie und der Körpereinsatz, mit dem hier vorgegangen wird, durchbrechen die physische Distanz, mit der man normalerweise durch den Tag geht. Ein Moment von beinah ungebremster Körperlichkeit. Ein Sport, bei dem auch der Betrachter etwas über sich selbst lernen kann.

Ein Video vom Training der "Fight Bros" unter      http://mehr.bz/mma

Mixed Martial Arts (MMA)

Die Vollkontaktsportart vereint Schlag- und Tritttechniken des Boxens und Kickboxens mit Bodenkampf- und Ringtechniken. Gekämpft wird in einem Käfig mit dünnen, an den Fingern offenen Handschuhen, um das Ansetzen von Hebel- und Würgegriffen zu ermöglichen. Die wichtigsten Regeln:

Verboten sind Kopfstöße, Tiefschläge, Tritte gegen den Kopf eines am Boden liegenden Gegners und direkte Schläge auf den Hinterkopf oder den Hals. Ein Hauptunterschied zu anderen Vollkontaktsportarten ist, dass auch im Bodenkampf mit Fäusten geschlagen werden darf. In der US-Profi-Liga UFC geht ein Kampf über drei Runden à fünf Minuten. Ein Kampf kann enden durch Aufgabe, Knockout, Punktentscheid oder nach Abbruch durch den Ringrichter. MMA-Trainingsmöglichkeiten gibt es in der Region bisher wenige: In Freiburg bieten die "Fight Bros" (http://www.bjj-freiburg.de diesen Kampfsport an, weitere Gyms gibt es in Offenburg-Elgersweier (http://www.evolution-mma.de und Lahr (http://www.kampfsport-lahr.de  

Autor: gil

Autor: Michael Gilg (Text) und Christoph Koch (Bilder)