Zu fortschrittlich fürs Ministerium

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Fr, 22. Juni 2018

Freiburg

Paul-Hindemith-Grundschule muss wieder Noten geben, will aber ihrer Philosophie treu bleiben.

FREIBURG-MOOSWALD. Alle Versuche, die Kultusministerin noch umzustimmen, waren ins Leere gelaufen. Die Paul-Hindemith-Grundschule muss vom kommenden Schuljahr an wieder Ziffernnoten einführen. Ende vergangenen Jahres hatte das Kultusministerium das Ende des Modellversuchs "Schule ohne Noten" verkündet. Aber "unsere besondere Schulkultur lassen wir uns nicht nehmen", sind Sandra Kieber und die gesamte Schulgemeinschaft entschlossen.

Es ist paradox: Da macht sich die Bildungsinitiative "Kreidestaub", ein Netzwerk engagierter Lehramtsstudierender, bundesweit auf die Suche nach praktischen Beispielen für das, was "gute Schule" ausmacht und wird unter anderem fündig bei der Paul-Hindemith-Schule. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da das Kultusministerium längst das Totenglöcklein geläutet hat für das, was Felix Göttler und seine Mitstreiterinnen als "superspannend" wahrnehmen. In einem vierzehn Jahre währenden Prozess war von allen am Schulleben Beteiligten eine Schul- und Lernkultur entwickelt worden, die Leistung anders als nach Noten bewertet und für die Leistung mehr ist als fachliches Können: Persönlichkeitsentwicklung, der Umgang miteinander, methodische Fähigkeiten.

Wozu das führt, lässt sich am Mittwochabend an den vier Stationen eines Info-Parcours erleben: Eltern, Schüler, und Lehrerinnen informieren die zahlreichen Interessierten, darunter auch Stadträte, wie etwa eine Kindersprechstunde oder Lernentwicklungsgespräche ablaufen. Von der tollen Lernatmosphäre "ohne Konkurrenzdenken und Versagensangst" schwärmt eine Mutter. Nicht nur für Luca aus der Jahrgangsstufe vier (traditionelle Jahrgangsklassen gibt es an seiner Schule nicht), der dem Schulparlament angehört, ist es selbstverständlich, dass er seinen Lehrer um ein Gespräch bittet, wenn er was auf dem Herzen hat.

Dass die Kinder an dieser Schule als "Könnerinnen" wahrgenommen werden, ist offensichtlich keine bloße Behauptung der Schulleiterin. "Hier wird der neueste Stand der Wissenschaft praktisch umgesetzt", zeigen sich die jungen Pädagogen von "Kreidestaub" beeindruckt und wollen ein Ende des Experiments nicht hinnehmen. Aber die Schlachten sind geschlagen: Weder die grüne Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik noch ein einstimmiges Votum des Gemeinderats hatten die CDU-Kultusministerin Eisenmann umstimmen können. Sie berief sich auf die nicht erfolgte Evaluation des Modellversuchs, die aber auf ein Versäumnis des Kultusministeriums selbst zurückging. Stefan Krauss vom Verein "Eine Schule für alle" ist "sprachlos, wie mit einer so dünnen Begründung ein so anspruchsvolles Konzept kaputt gemacht wird".

Das Bündnis fürchtet, dass es auch der von der CDU nicht geliebten Gemeinschaftsschule an den Kragen gehen könnte. Dort gibt es weder Noten noch Sitzenbleiben, wie Lehrerin Eva-Maria Kohrs von der Vigelius-Gemeinschaftsschule, der einzigen in Freiburg, berichtet. "Wir hoffen, dass es nicht so endet wie hier." Die Hindemith-Schule allerdings will sich nicht reduzieren lassen auf eine "Schule ohne Noten". "Unsere Philosophie und unser Konzept werden bleiben", so die Schulleiterin. "Nun müssen wir überlegen, wie wir Ziffernnoten darin unterbringen." Dafür hat die Schule noch etwas Zeit. Die Erstklässler bekommen im ersten Jahr ohnehin noch keine Noten.