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17. Juni 2009 07:19 Uhr

Freiburger Augustinerplatz: Feuer und Bierflaschen gegen die Säule der Toleranz

Bunt erleuchtet soll sie für Ruhe am Augustinerplatz sorgen: Die Säule der Toleranz. Bei der Einweihung flogen Bierflaschen, Freiburgs Bürgermeister Ulrich von Kirchbach wurde bespuckt – und ein Feuer gelegt.

  1. Die Säule der Toleranz auf dem Freiburger Augustinerplatz. Foto: Dominic Rock

Die erste Flasche fliegt bereits um viertel vor zehn. Seit wenigen Minuten leuchtet die so genannte Säule der Toleranz, erstrahlt in Regenbogenfarben am Fuß von Freiburgs Spanischer Treppe. Dort, wo sich in lauen Sommernächten die Jugend versammelt und lautstark das Leben feiert, soll die Säule künftig mit Lichtsignalen für Ruhe sorgen. Die Wetten, wie lange sie unbeschadet bleiben wird, laufen auf Hochtouren.

Am Dienstag wurde sie aufgestellt. Es dauert nur Minuten, ehe der erste Aufkleber das Glas der der Säule ziert und aus der "Toleranz" mit Filzstift die "Intoleranz" wird. Ist es um 18 Uhr noch ein Kleber, vervielfacht sich die Zahl binnen drei Stunden auf mindestens 50.

"Wir woll’n den Salomon, wie woll’n den Salomon", skandiert die Menge gegen 21.45 Uhr als Freiburgs Bürgermeister Ulrich von Kirchbach auf den Augustinerplatz kommt und in Anzug und Krawatte deutlich Abstand hält zu den mehr als 100 Jugendlichen. Plötzlich stürmt ein Betrunkener auf von Kirchbach zu, baut sich vor ihm auf, greift nach der Krawatte, lässt sie durch die Finger gleiten, vom Knoten bis zur Spitze, schreit, brüllt – und spuckt von Kirchbach vor die Füße. Perplex, konsterniert, überrascht – der Bürgermeister regt sich nicht, bewegt sich keinen Zentimeter. Er habe nicht provozieren wollen, erzählt der Bürgermeister später. Man habe einen Einsatz der Polizei verhindern wollen.

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Die rückt gegen viertel nach zehn an. Vereinzelt tönt aus der Menge der Schrei: "Polizeifreiburg! Polizeifreiburg!" Vier Beamte kontrollieren Personalausweise der Hauptrandalierer, versuchen allein durch ihre Präsenz ein wenig Ruhe in die zum Teil aufgebrachte Menge zu bringen.

Um 23 Uhr schaltet die rund 18.000 Euro teure Säule auf Rot. "Das Signal an die Jugendlichen, dass sie sich jetzt in ihrer Lautstärke einschränken sollen", erklärt von Kirchbach. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Das Rot wirkt wie ein Weckruf, die Menge klatscht, einige verbeugen sich, knien vor der Stehle nieder, huldigen ihr voller Ironie. "Auf diesem Platz wohnen Familien mit Kindern. Freiburg ist nicht nur eine Partymeile – wohnen soll hier auch noch möglich sein", wirft von Kirchbach ein.

Toleranz – so sein Stichwort. Doch davon wollen die meisten an diesem Abend nichts wissen. Ein paar Fäuste schlagen gegen das Glas der Säule, ein Regen aus Bier ergießt sich über den Schriftzug. "Die hält einiges aus", beruhigt von Kirchbach mit unsicherem Blick. "Sie sollte durch Schläge oder Flaschen nicht zerstört werden." Eigentlich.

An diesem Abend kommt der Freiburger Augustinerplatz nicht mehr zur Ruhe. Von Kirchbach schiebt das auf die Einweihung und beschwichtigt: "Das geht vorüber.” Ende des Sommers werde Bilanz gezogen. "Es ist ein Versuch", räumt von Kirchbach ein. Und klingt dabei fast schon ein bisschen hilflos. Angesichts der weiteren Entwicklung in der Nacht kein Wunder.

Um 23.30 Uhr schlingen vier Jugendliche ein Seil um die Stehle, versuchen, sie mit vereinten Kräften zu stürzen. Sie wackelt, schwankt, ächzt, doch dann greifen andere Jugendliche ein. "Lasst das doch!”, rufen sie und können die Zieher und Zerrer zur Vernunft bringen. Zumindest vorerst.

Gegen 24 Uhr errichten sie eine Art Scheiterhaufen auf dem Augustinerplatz. Sie lehnen Bretter einer Baustellenabsperrung an die Fassade, stecken sie in Brand. Flammen züngeln an den Aufklebern, blecken am Glas, lodern für kurze Zeit heller als das Licht der Säule. Doch das Feuer bekommt zu wenig Nahrung, erlischt schnell. Mehrmals versuchen die Randalierer den Brand neu zu entfachen, vergebens. Auf einmal durchbricht eine Sirene das Stimmen- und Partygewirr. Die Polizei rückt erneut an, dicht gefolgt von einem Einsatzwagen der Feuerwehr.

Zu löschen gibt es nichts, doch die Polizisten fotografieren die von angekokelten Holzlatten umzäunte Stehle. Die Jugendlichen lassen sich von der angerückten Staatsmacht nicht einschüchtern. Sie trinken, lachen und singen weiter. Einige Anwohner der Gerberau beobachten von Ferne kopfschüttelnd das Treiben."Wir setzen unsere Hoffnungen in die Stehle”, sagt eine Frau, die ungenannt bleiben möchte. Dem heutigen Abend zum Trotz.

Gegen ein Uhr morgens ist der Augustinerplatz bedeckt von Glasscherben und Müll. Nur wenige Jugendliche harren noch aus, genauso wie ein Streifenwagen der Polizei. Er wird wohl so lange bleiben, bis die Kälte auch die letzten vom Augustinerplatz vertrieben hat.

Autor: Alexandra Sillgitt