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30. Juni 2012

Viel mehr als ein Herzstück

Im zweiten Bauabschnitt der Sanierung des Augustinermuseums wird das Haus um Vieles bereichert, was bisher fehlte.

  1. Ein Ensemble als Einheit: das Haus der Graphischen Sammlung Foto: Entwurf: Architekturbüro Mäckler, Visualisierung M.Dold GD 90

  2. Das alte Torhaus an der Salzstraße Foto: Ingo Schneider

  3. ist Geschichte. Foto: Schneider/Bamberger

Der aus nichts anderem als Kostengründen in drei Bauabschnitte geteilte und zeitlich in die Länge gezogene Umbau des Freiburger Augustinermuseums ist ja nicht zuletzt eine Erweiterung nach Innen und eine Öffnung in die Stadt. Mit einer museumsarchitektonischen Binnenstruktur im ehemaligen Kirchensaal hat der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler neuen Schauraum geschaffen, Schauplatz strukturiert. Mit dem Kopfbau am Augustinerplatz hat er das Museum näher an die Stadt gerückt. Hier zeigt es auch einmal, was es beherbergt, nach außen – in Gestalt der Kaiserfenster aus dem Münster.

Nun hat es also an der Stelle einen einladend offenen Eingang, nicht nur mehr eine klösterliche Pforte, die man erst suchen muss. Und ein Zentrum ist ihm gegeben, mit dem neu durchdachten Kirchenraum und seiner mittelalterlichen, frühneuzeitlichen und barocken Kunst. Und doch ist dies neue Augustinermuseum noch nicht, was es einmal zu werden verspricht. Die große Schaubühne im ehemaligen Konventgebäude muss noch eingerichtet werden, das wird der dritte Bauabschnitt sein. Die Öffnung und innere Erweiterung geht weiter. Der zweite Bauabschnitt, der direkt bevorsteht, schon in die Wege geleitet ist, nach dem Baubeschluss des Gemeinderats, umfasst an der Salzstraße ein Gelenkstück. Unverzichtbar für die Arbeit im Haus, aber auch für das Schauhaus und für den Besucher ein Gewinn – und zu guter Letzt für den Passanten draußen im Stadtraum. Der Architekt sieht in dem baulichen Zwischenstück alles andere als bloß eine Pflichtübung.

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Wo jetzt nach dem Abriss des Torgebäudes aus den 1920er Jahren zwischen Kirchenchor und der Häuserzeile an der Salzstraße ein Loch klafft, entsteht nach dem Entwurf Mäcklers ein markant gegliederter dreiteiliger Neubau: Was funktional eine Einheit ist, lässt er nach außen wie ein Ensemble wirken. Städtebaulich ist dies von keinem geringen Gewicht. Was der stets ortsbezogen reflektierende Baumeister an der Stelle realisiert, revidiert in gewisser Weise die Lösung seines Vorgängers Karl Gruber, des seinerzeit ersten Architekten des Augustinermuseums. Wo der den Chor der Kirche zubaute, stellt Mäckler ihn nach Möglichkeit frei – lässt so einen Vorplatz entstehen. Ein Torbogen und ein darüber platzierter Balkon zitieren nur mehr den Status quo ante der Baugeschichte. Mit einem geöffneten Durchgang wird jetzt zudem der Osthof hinterm Chor zum öffentlichen Raum. Der Architekt nennt ihn gern Theaterhof; er könnte im Sommer mit einer Freilichtbühne zum Veranstaltungsort werden. Jedenfalls zeigt sich hier am Detail einmal wieder, wie wichtig der Planung die Verbindung von Museum und Stadt ist.

In Maßstab, Proportion, Gestalt, Material und Farbe lässt sich Christoph Mäckler mit seiner Baumaßnahme auf den gegebenen Umraum ein. Er sprengt nicht mit Baumasse die vorgegebene Struktur. Sein Haus-der-drei-Häuser neigt die Satteldächer der Salzstraße zu, ist traufständig, wie seine Nachbarn. Wie der direkte Anrainer ja auch: Elektro-Hauser, die Salzstraße 34, die jetzt dem Museumskomplex zugeschlagen und in den zweiten Bauabschnitt integriert ist. Das Raumprogramm, das in dem Gruber’schen Torbau nicht hätte umgesetzt werden können, umfasst interne museumstechnische Funktionen sowie solche der musealen Dienstleistung. Dazu zählt ein Museumsshop.

Durch einen Arkadengang wird das Museum sich auch von der Salzstraße her öffnen. Das neue Haus, Glied des Augustinermuseums, wird gleichwohl sichtbar nach außen einen eigenen Namen tragen: "Haus der Graphischen Sammlung."

Kein Tageslicht für

den sensiblen Inhalt.

Hier wird endlich der umfängliche, qualitätvolle und dabei zu wenig bekannte Sammlungsbestand von Grafik, Druckgrafik und Fotografie einen nicht zuletzt in konservatorischer Hinsicht angemessenen Platz erhalten. Nicht nur das allein – auch einen eigenen Schauraum, der mit jährlich zwei bis drei Kabinettausstellungen bespielt werden soll. Zudem gehört zum Haus ein Vorlagesaal, in dem der Kenner – oder der, der es hier werden will – Blätter seiner Wahl studieren kann. Bereichert, um es kurz zu sagen, wird das Museum um Vieles, das es bisher nicht bieten konnte – das schlicht fehlte.

Für den architektonischen Gestalter ist so ein Haus der grafischen Künste kein geringes Problem, da sein sensibler Inhalt Tageslicht kategorisch ausschließt. Mäckler setzt denn auch zur Straße hin eine konsequent fensterlose Fassade, die aber dabei gar nicht abweisend zu wirken verspricht. Ein feines Relief ist ihr eingezeichnet, Scheinfenster bilden ein Raster, oberhalb einer auffällig weiten Toröffnung. Dieser Zugang ist von zentraler funktionstechnischer Bedeutung fürs Museum. Mäckler bezeichnet den zweiten Bauabschnitt ja überhaupt als "ein funktionales Herzstück". Und mit dieser Zufahrt für Lkw wird ein reibungsloser Transfer von Kunst erst möglich. Mit der geschlossenen Anlieferzone erfüllt das Museum klima- und sicherungstechnische Standards des Kunsttransports. Angeschlossen ist ein Lastenaufzug, der die Verbindung zu den notwendigen Funktionsräumen schafft, von denen aus ein schon jetzt angelegter Gang in den großen Wechselausstellungssaal unter dem Kirchenschiff führt.

Es wird dann in Zukunft also nicht mehr nötig sein, Schauräume zu schließen, weil sie für die Vorbereitung einer Ausstellung benötigt werden, und Kunstgegenstände umständlich über das Foyer am Haupteingang ins Souterrain zu transportieren. Mit anderen Worten: Erst nach Abschluss des zweiten Bauabschnitts wird das Museum reibungslos arbeitsfähig sein. Es wird seine Funktionstüchtigkeit optimieren. Im Altbau Salzstraße 34 finden außer dem Museumsshop Werkstätten für Papier- und Textilrestauration Platz, Büros für die Leiter der Graphischen wie auch der Stadtgeschichtlichen Sammlung und der Museumspädagogik. Über ein Foyer hinten am Osthof wird unter anderem die Werkstatt der Museumspädagogik zugänglich sein (dies ein nun vorgezogener Teil des dritten Bauabschnitts).

Eine vorgelagerte große Wendeltreppe schließt das Gebäude in der Vertikalen auf. Mäckler spricht von der "Kleinodientreppe". Im Weg über diese werden sich dann, nach Abschluss aller drei Bauabschnitte, die Schauräume im Konventgebäude auftun, so wie die der Schatzkammer im Gewölbekeller. Ihren vollen Sinn wird die mit kulturgeschichtlichen Exponaten gespickte Stiege erst entfalten, wenn der museale Rundgang durch alle Gebäudeglieder möglich ist – aus dem Kirchensaal über einen Glassteg am Osthof und schließlich bis in die Raumfolgen um den Kreuzgang herum, die momentan auf die Sanierung noch warten. Jetzt muss erstmal bis 2015 das Nächste bewältigt sein. Der zweite Bauabschnitt.

Autor: Volker Bauermeister