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21. Juni 2012

Drama

Madonna-Film "W.E.": Die größte Romanze der Welt

DRAMA: "W. E.", Madonnas Version der Liebe zwischen König Edward VIII. und Wallis Simpson.

  1. Der König und die Bürgerliche: James D’Arcy als Edward, Andrea Riseborough als Wallis Foto: Senator

Eine Vermutung zu Beginn: Keine Amerikanerin ist von so vielen Briten anhaltend so verachtet worden wie Wallis Simpson. Die Frau, die sich, obwohl verheiratet, 1934 auf eine Affäre mit dem britischen Thronfolger einließ. Die Frau, für die der spätere König Edward VIII. seine Krone zurückgab und seine Heimat verließ – ein einmaliger Vorgang, der die britische Monarchie bis heute prägt. "Sie machen sich keine Vorstellung, wie schwer es ist, die größte Romanze der Welt zu leben!" sagt Wallis Simpson im Drama "W. E.".

Dieser Satz, den Regisseurin Madonna der Amerikanerin ins Drehbuch schrieb, drückt aus, was die Popkönigin in ihrem zweiten Spielfilm erzählen möchte: Das Märchen von der Liebe zwischen einem König und einer Bürgerlichen war aus Sicht dieser Bürgerlichen kein reines Glück. So ist diese Geschichte noch nie erzählt worden – nicht aus dieser Perspektive, nicht mit solch großartigen Schauspielern, nicht in dieser opulenten Ausstattung, nicht mit solch exquisiter Kamera. So weit, so wunderbar.

Madonna, die sich seit vielen Jahren mit Wallis Simpson und Edward VIII. beschäftigt, wollte kein herkömmliches Biopic drehen. So kam sie auf die Idee, eine zweite, komplett fiktive Geschichte zu entwickeln und beide miteinander zu verknüpfen: Die New Yorkerin Wally Winthrop ist von Wallis Simpson seit jeher fasziniert. Als bei Sotheby’s im Jahr 1998 der Besitz von Wallis und Edward versteigert werden soll: edles Leinen, feine Handschuhe, kostbares Silber, der Schreibtisch, an dem Edward seine Abdankungsurkunde unterschrieb, eilt sie bereits zur begleitenden Ausstellung, nimmt an der Auktion teil und träumt sich dabei in das Märchen von der anscheinend perfekten Liebe hinein. Wohl, weil sie selber diese perfekte Liebe nicht erlebt, nur ersehnt: Wallys Mann William ist ein kalter Psychiater, der seine Frau, die ihm nichts lieber als ein Kind schenken möchte, betrügt und schließlich misshandelt.

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Die beiden Geschichten, die beiden Zeitebenen miteinander zu verknüpfen, ist kein einfaches Unterfangen – und es funktioniert auch nicht immer. Zwar werden Jahreszahlen und Ortsangaben eingeblendet, doch ist der Zuschauer gerade zu Beginn des Films kaum fähig, dieser Videoclip-ähnlichen Abfolge der Historie zu folgen. Erst im Laufe des Dramas begreift er die Zusammenhänge, erst dann baut sich ein Spannungsbogen auf: Den Ausgang der Geschichte von W. und E. – die Initialen lassen sich im englischen auch lesen als we, also wir – kennt der Zuschauer. Wie Wally ihr Leben gestaltet, freilich nicht. Die Quintessenz des Dramas ist nicht vorwegzunehmen. Doch so viel: Liebe fordert immer Kompromisse, immer Opfer. Dass Edward vieles aufgab, ist bekannt. Doch auch Wallis gab ein Leben, einen Ruf auf – und war bis an ihr Ende an einen Mann gebunden, der gegen einen großen Verlust ankämpfte.

Madonna wäre nicht Madonna, hätte sie nicht besonderen Wert auf die Ausstattung des Films gelegt. Einen Schwerpunkt setzt sie beim Art Deco Design der 1930er Jahre, daneben glänzen die eleganten Kleider und Hüte der Damen am Hofe, ihre Frisuren, ihr Make-up. Mit viel Liebe zum Detail ist dieses Drama ausgestattet, die Bilder des deutschen Kameramanns Hagen Bogdanski ("Das Leben der Anderen") sind perfekt, eine zweistündige Augenweide.

Absolut fesselnd ist die Leinwandpräsenz der beiden Hauptdarstellerinnen. Andrea Riseborough überzeugt als starke, zerbrechliche, elegante Wallis und Abbie Cornish als mutige, bisweilen wankelmütige Wally. Eine wirklich gute Figur macht James D’Arcy als Edward – doch eigentlich gehört dieser Film den Frauen. Und nur ihnen.
– "W. E." (Regie: Madonna) läuft in Freiburg im Apollo.

Autor: Heidi Ossenberg