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22. Juli 2014 15:55 Uhr

Stadtteil Brühl

Getöteter Junge in Freiburg: Ein Quartier steht unter Schock

Ein achtjähriger Junge aus dem Freiburger Stadtteil Brühl ist getötet worden. Während die Polizei nach dem Täter fahndet, kämpft ein Viertel mit dem Schock. Verwandte und Nachbarn sind erschüttert.

  1. Mit Flugblättern sucht die Polizei nach Zeugen, die helfen könnten, das Verbrechen aufzuklären. Foto: dpa

  2. Auf diesem Spielplatz im Stadtteil Brühl wurde der Junge das letzte Mal gesehen. Foto: Charlotte Janz

  3. Wer hat diesen Jungen am Sonntag gesehen? Der 8-Jährige wurde Opfer einer Gewalttat. Foto: Polizei

  4. Der Spielplatz liegt idyllisch und fernab vom Autoverkehr. Schmierereien, wie hier auf der Unterseite der Rutsche, gibt es trotzdem. Foto: Charlotte Janz

  5. Nur wenige Minuten soll der Junge unbeaufsichtigt auf dem Spielplatz verbracht haben. Foto: Charlotte Janz

  6. Die Polizei hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung und setzt ein Flugblatt ein. Foto: Polizei Freiburg

Der Himmel fühlt mit. Es regnet in Strömen auf dem Spielplatz neben der Kirche St. Konrad. Grau, klamm, kalt ist es hier im Stadtteil Brühl. Neben der Kinderrutsche steht eine ältere Frau in einer langen Strickjacke und lugt ins Gebüsch. Dass sie bis auf die Knochen nass wird, stört sie nicht. Ihr Neffe zweiten Grades wurde am Montag tot aufgefunden. Jemand hat den Achtjährigen getötet. Zuletzt hat er auf diesem Spielplatz Fußball gespielt.

"Wo soll man seine Kinder noch großziehen können, wenn nicht hier?", fragt die Frau mit den schwarzgrauen Haaren und fasst sich verzweifelt an den Kopf. Der Spielplatz liegt idyllisch zwischen Eichstetter Straße und Rennweg. Es gibt Schaukeln, ein Karussell, ein Klettergerüst. Keine Autostraße führt an dem Gelände vorbei. Trotzdem ist die Frau davon überzeugt, dass jemand ihren Neffen in ein Auto gezerrt haben muss. "Er wäre niemals einfach mit jemandem mitgegangen", sagt sie. Und schiebt nach, wie zur Erklärung: "Wir sind Zigeuner." Was sie damit meint: Wir geben acht aufeinander. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. In der Nachbarschaft wohnen viele Familienmitglieder. Auf dem Spielplatz sei der Junge die ganze Zeit mit anderen Verwandten zusammen gewesen. "Nur zehn Minuten war er allein, höchstens. Und als sein Vater ihn um 18:30 Uhr abholen wollte, war es schon zu spät", sagt sie. Tränen vermischen sich mit Regen auf ihrem Gesicht.

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Die Leiche lag vier Kilometer entfernt

Am Sonntagabend hatten die Eltern ihren Sohn vermisst gemeldet. Die Polizei suchte gleich mit Spürhunden nach ihm. Vergeblich. Am Montagfrüh fand ein Spaziergänger die Leiche des Kindes – im Stadtteil Betzenhausen, etwa vier Kilometer vom Spielplatz entfernt.

Dort, in Brühl, blickt die Frau wieder ins Gebüsch. Auf der Suche nach dem Fußball mit dem O2-Aufdruck, den ihr Neffe bei sich hatte. Auf der Suche nach irgendeiner Spur. Auf der Suche nach Antworten. Zigmal hat sie schon im Gebüsch nachgesehen. Sie weiß, dass dort nichts liegt. Ihre Suche geht auch nach innen. Wer tut so etwas?

Die Polizei Freiburg kann immer noch nicht sagen, ob es sich bei der Gewalttat um ein Sexualdelikt handelt oder nicht. "Wir können es weder bestätigen noch dementieren", sagt Laura Riske, Sprecherin der Polizei. Aus dem Obduktionsbericht ließen sich keine ganz eindeutigen Schlüsse ziehen. "Ob Sexualverbrechen oder nicht – das müssen wir erst ausermitteln", so Riske.

50 Hinweise aus der Bevölkerung, 200 Spuren am Tatort

Auf dem Spielplatz im Stadtteil Brühl spielt die Frage eine Nebenrolle. Oder einfach alle Fragen eine Hauptrolle. "Sie haben Spuren an seinem Körper gefunden", flüstert die Tante. "Er hat sich gewehrt", sagt sie. Endlich gibt sie die Suche auf. Durchnässt, mit einer triefenden Strickjacke über den Schultern und schmatzenden Sandalen an den Füßen, wendet sie sich zum Gehen. Zuhause warten Familie und Kripo auf sie.

Die Polizei ermittelt mit Hochdruck. Die Sonderkommission geht 50 Hinweisen aus der Bevölkerung und 200 Spuren vom Fundort der Leiche nach. Eine heiße Spur gibt es bislang noch nicht. Seit dem frühen Dienstagmorgen verteilt die Polizei Flugblätter mit dem Foto des Jungen und Fragen der Ermittler.

Auch am Dienstagabend werden die Flyer verteilt – in Betzenhausen, am Mühlbach, wo der tote Junge aufgefunden wurde. Dort hält die Polizei alle Passanten an, die an der Stelle vorbeikommen. Und das sind viele, denn der Weg ist am frühen Abend stets stark frequentiert. Jogger, Radler, Mofafahrer: Alle müssen den Beamten ihr Personalien angeben, alle werden gefragt, ob sie den Weg auch am Sonntagabend benutzt haben und ob ihnen irgendetwas aufgefallen ist.

"Wir sind sehr früh mit den Flugblättern an die Öffentlichkeit gegangen, um wirklich alle möglichen Zeugen zu erreichen. Jedes Detail kann für die Aufklärung der Tat wichtig sein", sagt Laura Riske am Mittwochmorgen. Etwa 2000 Flyer seien bislang gedruckt und verteilt worden. Bei dem Fundort der Leiche handelt es sich um ein recht gut frequentiertes Gebiet. Dort sind auch spät abends noch viele Menschen – Jogger, Radler, Gassigeher – unterwegs. So hofft die Polizei auf eine Zufallsbeobachtung.

Polizei kauft Fußball nach

Um weitere Hinweise zu bekommen, suchen die Beamten auch nach dem Fußball des Jungen. Mit dem Ball hatte er er sich vor seinem Verschwinden zu dem Spielplatz aufgemacht. Um Vergleichsfotos zu machen, kauften die Ermittler den Ball nach.

"Ich habe die Familie Sonntagnacht nach ihrem Sohn rufen hören. Schrecklich." Eine Anwohnerin
Um die Ecke, in der Eichstetter Straße, sucht ein Kamerateam des SWR nach Gesprächspartnern. Außer den Journalisten ist kaum jemand auf der Straße. Es regnet wie aus Kübeln. Eine junge Frau, von der nur Augen und Nasenspitze aus der Funktionsjacke herausgucken, schließt ihr Fahrrad auf. Bevor sie sich auf den Sattel schwingt, sagt sie: "Ich habe die Familie Sonntagnacht nach ihrem Sohn rufen hören. Schrecklich. Und ich habe die Verzweiflungsschreie gehört, als die Polizei ihnen die Todesnachricht überbracht hat." Sie fühle sich in der Gegend zwar noch sicher. Aber ihre Radstrecke am Spielplatz vorbei habe sie aufgegeben. "Gruselig, so ein Mord in der Nachbarschaft", sagt sie und schüttelt sich.

Ein paar Meter weiter, in der Kandelstraße, holt eine Mutter ihre zwei Töchter von der Schule ab – zu Fuß. "Normalerweise mache ich das nicht so oft", sagt sie. "Schon gar nicht bei diesem Wetter."

Aber das Schicksal des Nachbarjungen hat das Viertel erschüttert. Es wird viel geredet. Über gruselige Gestalten, die manchmal in der Gegend herumhängen. Über die Sicherheit des Quartiers. Über das Opfer, ein unschuldiges Kind.
Die Polizei bittet um Mithilfe

Bürger, die Beobachtungen gemacht haben, sind dazu aufgerufen, sich zu melden. Die Polizei sucht Menschen, die den Jungen am Sonntagnachmittag oder später gesehen haben, oder die am Spielplatz oder im Bereich der Kleingärten in der Nähe der Bissierstraße etwas Verdächtiges beobachtet haben. Wer regelmäßig den Spielplatz besucht, soll sich auf jeden Fall bei der Polizei melden. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens trug der schlanke, 1,40 Meter große Junge mit kurzen, dunklen Haaren ein graues Kapuzenshirt mit Affenaufdruck und Innenfutter in Neongrün, dunkle Jeans und schwarze Fila-Turnschuhe mit grünem Neonstreifen. Hinweise nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 0761/ 882-2480 rund um die Uhr entgegen.

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Autor: Charlotte Janz, Oliver Huber, aktualisiert Mittwoch 8.49 Uhr