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15. März 2016 16:31 Uhr

Gottenheim/Schallstadt

Mit dem Storchenvater unterwegs durch den Breisgau

Ein Pensionär, der Meister Adebar viel Zeit widmet ist Gustav Bickel aus Opfingen. Er kennt fast alle Störche und ihre Geschichte: Ob in Gottenheim, Freiburg-St. Georgen oder Wolfenweiler.

  1. Erhaben: Am Ende des Winters kehren die Weißstörche in den Breisgau zurück. Foto: dpa

  2. Gustav Bickel nimmt „seine“ Störche ins Visier. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

  3. Auf Dächern machen es sich die Tiere gemütlich. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

  4. Auch auf Strommasten lassen sie sich nieder. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

Es war einmal ein Gemeindearbeiter in Opfingen, der eines Tages gebeten wurde, sich um das auf dem Turm der evangelischen Kirche sesshaft gewordene Storchenpaar beziehungsweise zunächst um dessen Behausung zu kümmern. Inzwischen ist Gustav Bickel Pensionär, der Meister Adebar viel Zeit widmet. Bickel ist Nestarchitekt-, Nestbauberater und Nestreiniger, Nachwuchsstorchberinger, Storchenpaarzähler – und Vorsitzender des Vereins Weißstorch Breisgau.

Auf der Treppe vor dem Bürgersaal stellt Gustav Bickel in Merdingen sein Spektiv, ein Spezialfernrohr auf einem Metalldreifuß auf, und richtet es auf das Dach der Zehntscheuer. Dort droben steht ein Storchennest, darin ein Storch, der eifrig klappert. Seit Rosenmontag sei das Nest wieder belegt, weiß Bickel und schaut durch das Glas. Endlich hat er das Storchenbein so im Visier, dass er den dort befindlichen Ring ablesen kann.

2013: Drastischer Einbruch bei der Geburtenrate

Bei dem Storch handelt es sich um DER A 2877, einen 2003 in Wolfenweiler geborenen Storchenmann, der seit 2010 eine neue Heimat am Tuniberg gefunden hat. Offenbar wartet DER A 2877 sehnsüchtig klappernd auf DER A 6922. Das ist eine Dame, 2007 in Rheinhausen geboren, und seit 2011 mit dem Herrn über das Merdinger Nest liiert. 16 Junge hat das Paar gemeinsam groß gezogen, vier im Katastrophenjahr 2013.

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Der nasskalte Sommer hatte einen dramatischen Einbruch bei der Geburtenrate der Störche im Vereinseinzugsgebiet, das 110 Nester umfasst und von Bahlingen bis Zarten reicht, zur Folge. Neben Bickel kümmert sich Vereins-Vize Martin Kury um die Nestbetreuung.

Storchenvater ist zufrieden mit Populationsdichte

Seit 2008 wuchsen mehr als 100 Jungstörche heran, sagt Bickels Statistik. Vor drei Jahren waren es gerade einmal 44 gewesen. Insgesamt ist der Storchenvater aber sehr zufrieden mit der Populationsdichte, denn Mitte der 80er Jahre hatte man im gesamten Einzugsgebiet gerade einmal drei Brutpaare gezählt, rund ein Dutzend waren es 1995, als sich der Verein, seinerzeit noch unter dem Namen SOS-Weißstorch, gegründet hatte.
"Wo es kein Futter gibt, gehört auch kein Storch hin."
Die Storchenfreunde bauten Nester – dies tut Bickel bis heute und gibt auch entsprechende Kurse – auch wurden vieler Orten Störche zugefüttert, so dass man innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Brutpaare verdreifachen konnte. "Der Storch ist ein Wildtier. Er muss alleine klar kommen", sagt Bickel über die neue Marschrichtung. Seit einigen Jahren werde kein Futter mehr angeboten. Damit ginge auch die Zahl der Standvögel, also derer, die im Winter nicht gen Süden flögen, wieder zurück.

"Wo es kein Futter gibt, gehört auch kein Storch hin", betont Bickel, der mancher Gemeinde mit Storchenwunsch deshalb einen Korb erteilt. Ein Nest bekommt hingegen – egal on Privatmann, Kommune oder Kirche – wer in der Umgebung ein ausreichendes Nahrungsangebot vorweisen kann. Und genau hier hat der Verein seinen neuen Aufgabenschwerpunkt gefunden: Erhalt oder Wiederherstellung einer Storchengerechten Umgebung, in der der große Schreitvogel seine Leibspeisen wie Würmer, Mäuse und Frösche finden kann.

In Gottenheim ist’s harmonisch

Auf dem Kirchturm in Umkirch ist gerade keiner zu Hause. Aber Vorjahresstorch DER AE 524, ein sechsjähriger Storchenmann aus Köndringen, ist schon gesichtet worden. Allerdings ohne seine Gattin. Er wird eine neue Storchenfrau suchen müssen. Harmonisch ist’s in Gottenheim. Das Nest auf der katholischen Kirche gibt es seit den 80er Jahren. Hier sitzen DER AE 625, ein fünfjähriger Storchenmann aus Bickels Heimat Opfingen, und seine Gattin Anna. Die Dame ist Ortenauerin und stolze 13 Jahre alt. Wo die Liebe hinfällt. Zwei Junge hatte das ungleiche Paar im Jahre 2014. Der verhagelte Frühling 2015 hatte die Brut jedoch vernichtet, bedauert Bickel.

In March gibt es stolze sechs Nester, eines davon ein Naturnest in einer Pappel am Ortsrand von Neuershausen. Hier gibt es noch eine der seltenen Feuchtwiesen, auf der die Bewohner, diese sind seit 15 Jahren ein Paar, gerade ihr Mittagessen suchen. Offenbar einen Alterswohnsitz gefunden hat auf der Kirche St. Gallus in Buchheim ein Schweizer Storchenpaar. Mit 19 beziehungsweise 23 Jahren sitzen dort Storchengreise.

In Schallstadt wohnt ein altes Liebespaar

So unterschiedlich wie das Alter der Störche und die Dauer ihrer Beziehungen, sind auch die Nester. Die meisten sind von Bickel und seinen Mitstreitern angelegt worden. Je nach Fleiß bauen die Bewohner höchstens noch an. Eine kleine Zahl, wie das Pappelnest, ist zu 100 Prozent Marke Eigenbau. Auf dem Weg nach Schallstadt, wo auf dem Rathaus nicht nur ein weiteres Traditionsnest steht, sondern auch ein altes Liebespaar wohnt, hält Bickel kurz in Freiburg-St. Georgen. Auf einem Hochspannungsmast thronen ein Nest und zwei Störche. Zum Beringen von Störchen in solchen Wohnungen muss eine Spezialfirma ran.

Auf dem Rathausdach in Wolfenweiler sitzt seit 13 Jahren ein und dasselbe Pärchen im gemachten Nest. 18 beziehungsweise 23 Jahre alt sind die Rathausdachbewohner. Im Gewerbegebiet von Kirchhofen gibt es auf einem Firmengelände eine Nestkonstruktion, die aber noch nicht belegt ist. Ein einsamer Storch wartet auf dem Gelände des Tierheims in Scherzingen auf sein Liebesglück.

Bis Mitte, Ende März hätten sich Paare und Wohnungen gefunden, sagt Gustav Bickel.

Beunruhigend: Umweltverschmutzung und Flächenfraß

Dem Storchenvater bereiten derzeit weniger der Klimawandel – dieser habe bisher nur dazu geführt, dass viele Störche statt in Afrika nun in Südeuropa überwintern – als Umweltverschmutzung und Flächenfraß Sorge. Denn was in den Weltmeeren herumschwimmt, hat man auch schon in Storchenmägen gefunden: Plastik. Die von Störchen wie von ihrer Nahrung geschätzten Feuchtwiesen würden – wie Freiflächen überhaupt – im Sandwich zwischen Bebauungsboom und landwirtschaftlicher Nutzung immer weniger werden. Trotz stolzer 90 Brutpaare und 150 flügge gewordener Jungvögel im vergangenen Jahr wird dem Verein die Arbeit also nicht ausgehen.

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Autor: just