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28. Mai 2009 16:56 Uhr

Interview mit Jochen Stoll

Situation wie David gegen Goliath

Jochen Stoll aus Grafenhausen ist seit Januar 2008 als Friedensfachkraft in Jerusalem tätig. Gemeinsam mit den einheimischen Partnerorganisationen soll das Friedensprojekt Möglichkeiten für Kontakte und Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern eröffnen.

  1. Jochen Stoll aus Grafenhausen ist seit Januar 2008 als Friedensfachkraft in Jerusalem tätig. Foto: Ulrike Gut

GRAFENHAUSEN. Jochen Stoll aus Grafenhausen ist seit Januar 2008 als Friedensfachkraft in Jerusalem tätig. Gemeinsam mit den einheimischen Partnerorganisationen soll das Friedensprojekt Möglichkeiten für Kontakte und Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern eröffnen. Ein Schwerpunkt ist der interreligiöse Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen über Fragen des Friedens und der Menschenrechte. Bei der Pilgerreise ins Heilige Land mit Pfarrer Josef Haag trafen die Pilger ihren Bekannten aus der Heimat, Ulrike Gut sprach mit Jochen Stoll.

BZ: Herr Stoll, wie haben sie sich in Israel, in Jerusalem eingelebt, haben sie die Bedingungen so vorgefunden wie sie sich das im Vorfeld vorgestellt haben?
Stoll: Jerusalem ist eine extrem internationale, multikulturelle und multireligiöse Stadt. Als Neuankömmling falle ich hier gar nicht auf. Wichtig ist, dass ich nicht mit überzogenen Erwartungen und vorgefertigten Mustern anreise. Ich muss offen sein für das, was mir begegnet. Je weniger konkrete Erwartungen, desto leichter gelingt es, sich auf die Umstände vor Ort einzulassen. Dennoch habe ich mit einem Kulturschock zu kämpfen, weil hier eben so vieles anders ist, als ich es gewohnt bin. Ich wundere mich über viele alltägliche Dinge, zum Beispiel darüber, dass ich in jedem Einkaufszentrum oder öffentlichen Gebäude kontrolliert werde und gefragt werde: "Haben sie eine Waffe?"

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BZ: Was ist das Ziel ihrer Arbeit als Friedensfachkraft in Israel?
Stoll: Zunächst einmal arbeite ich nicht nur in Israel, sondern auch in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten. Das ist sehr wichtig festzustellen. Denn Ziel meiner Arbeit ist es, ein Dialognetz zu entwickeln zwischen den Religionen, also zwischen Christen, Juden und Muslimen, über die Grenzen hinweg. So pendle ich in meiner Arbeit zwischen Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten hin und her, dazwischen überquere ich Checkpoints und Passkontrollen. Für die meisten Einheimischen, Israelis wie Palästinenser, ist an den Checkpoints Schluss. Mit meinem deutschen Pass genieße ich ein besonderes Privileg, ich kann mich auf beiden Seiten bewegen.
BZ: Es ist jetzt bald Halbzeit ihres dreijährigen Aufenthaltes als Friedensfachkraft. Wie fällt ihr Resümee aus?
Stoll: Die Schritte, die ich mit meinen Kollegen gehe, sind sehr klein. Es ist eine Situation wie David gegen Goliath. Was kann so ein kleines Projekt schon beitragen, während sich die Weltpolitik daran wund reibt? Wie kann ich die Ausdauer und Zuversicht weitertragen, die David hatte? Letztendlich hat David gesiegt – mit Gott an seiner Seite. Nur behaupten hier alle, Gott sei auf ihrer Seite!
BZ: Gibt es aus ihrer Sicht eine Lösung des Problems in Jerusalem und Israel, im Zusammenleben von Juden und Palästinensern?
Stoll: Ich bin überzeugt, dass auch dieses Problem eine Lösung hat. Ich werde mich jedoch hüten, meine eigenen Gedanken dazu als Lösung zu verkaufen. Weil so viele Mitspieler von außen meinen, die Lösung gefunden zu haben, wird es nur noch schlimmer. Die Lösung liegt in den Menschen vor Ort. Sie müssen Wege finden und Visionen entwickeln, wie sie auf diesem Stückchen Land in Zukunft leben können und wollen. Und genau dazu möchte ich mit meiner Arbeit beitragen.
BZ: Was können Christen tun?
Stoll: Die einheimischen Christen sitzen zwischen allen Stühlen. Sie sind eine kleine Minderheit im palästinensischen Volk. Vom Krieg und von der Besatzung sind sie ebenso betroffen wie ihre muslimischen Brüder und Schwestern. Ich denke, jeder einzelne Christ, jede Christin Palästinas hat die gleiche Verantwortung wie jede palästinensische Muslima und jeder Moslem. Die einheimischen Christen verfügen über die Kirchen über ein großes internationales Netzwerk. Hier könnte eine größere Süd-Nord / Nord-Süd – Solidarität aufgebaut werden. Da wären auch die Christen in Deutschland gefragt.
BZ: Welche Rollen spielen ausländische Interessen?
Stoll: Ausländische Interessen spielen eine große Rolle. Viele Facetten des Konfliktes spielen sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab. Sowohl die Weltmächte als auch die Medien kreisen wie die Geier um den Konflikt und ich denke, manchen Herrschern kommt die Situation in Israel/Palästina recht gelegen. Aber ich bin kein Politiker, darum überlasse ich diese Analyse lieber anderen Experten.

Jochen Stoll, 1975 geboren, absolvierte nach dem Abitur in St. Blasien seinen Zivildienst im Krankenhaus Waldshut, studierte danach Religionspädagogik in Freiburg. Im Rahmen eines Praxissemesters 2000 verbrachte er sechs Monate in Israel, arbeitete an einer Schule mit Juden, Moslems und Christen. Danach war Jochen Stoll zwei Jahre in Berlin und schloss ein Masterstudium in kultureller Arbeit und Konfliktmanagement ab. 2003 war Jochen Stoll für sechs Monate in Jerusalem, arbeitete mit politischen Jugendgruppen.

Autor: rgut