Viele erkennen alte Freunde wieder

Eva-Maria Klassen

Von Eva-Maria Klassen

Do, 14. März 2013

Grenzach-Wyhlen

645 Fotografien aus dem Nachlass von Walter Oertlin möchte der Verein für Heimatgeschichte intensiver kennenlernen.

GRENZACH-WYHLEN. Glücklich lächelt eine Gruppe Grenzacher von der Leinwand. Junge Gesichter in schwarz-weiß. Manche sind längst vergessen, andere noch so präsent wie vor rund 80 Jahren, als das Foto entstanden ist. Ihre mittlerweile alt gewordenen Bekannten flüstern sich Geschichten über die Szene zu.

Ein Finger zeigt auf die Leinwand, auf die der Beamer das Foto projiziert: "Mensch, das war doch die Tochter vom Oertlin!" "Nein, vom Bruder", ruft jemand dazwischen. "Von der Schwester!", ist sich ein anderer sicher. Und plötzlich klatscht Helmut Bauckner dreimal kräftig in die Hände. "Stopp!", ruft er. Und wenigstens für einen Moment sind alle ruhig.

Höchste Zeit, zum nächsten Bild zu wechseln. Denn Helmut Bauckner, Vorsitzender des Vereins für Heimatgeschichte, hat sich für die Sitzung am Montagabend einiges vorgenommen. 100 Bilder zeigt er in einer Stunde und 45 Minuten – das sind eine Minute und fünf Sekunden pro Bild. Kaum Zeit also, in Erinnerungen zu schwelgen. Aber das war auch nicht der Sinn des Treffens. Die Sitzung war das erste Vorbereitungstreffen für ein neues Projekt des Heimatvereins: Die Fotografien des Ratsschreibers Walter Oertlin datieren und beschriften.

Von Walter Oertlin liegen 645 Fotos vor

Zwischen den 1920er und den 1950er Jahren hat der Ratsschreiber das Dorfleben auf 645 Glasplatten gebannt. Der Verein für Heimatgeschichte bekam die Sammlung aus dem Nachlass von Oertlins Tochter. Nun hat Kurt Paulus die alten Fotos digitalisiert. Entstehen könnte daraus laut Bauckner zum Beispiel ein beschriftetes Fotoalbum mit einer Auswahl aus 150 bis 200 Fotos. Aber dafür braucht der Vorsitzende nicht nur die schwarz-weißen Erinnerungen auf Fotopapier, sondern auch die alter Grenzacher.

"Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich mal sage, es reicht", bittet Bauckner zu Beginn. Seine Anleitung für den Fotoabend ist einfach: Ein "Ah" oder "Oh" aus Begeisterung ist erlaubt, Namen von fotografierten Personen nennen absolut erwünscht, alles andere sollte warten. 100 Fotos zum Thema "Aktionen" hat Kurt Paulus für diesen Abend herausgesucht. Und so blickt die Gruppe darauf zurück, wie Grenzacher vor und nach dem zweiten Weltkrieg Wein ernteten, eine Kanalisation bauten oder Bäume mit mannshohen Sägen fällten. Und dabei wird deutlich: Der Ratsschreiber hatte eine Vorliebe für das ursprüngliche Grenzach. Das Oberdorf porträtierte er in allen Facetten. Das industriell geprägte Unterdorf fehlt hingegen ganz. "So eine Fotosammlung sagt nicht nur etwas über das Leben im Dorf aus, sondern auch über die Sichtweise des Fotografen", erklärt Bauckner.

Erika Richter notiert derweil eifrig, wer Personen auf den einzelnen Fotos kennt. Und wenn das Raunen und Lachen, das Fingerzeigen und die Erinnerungen doch einmal zu viel werden, muss Helmut Bauckner nur in die Hände klatschen, wie ein strenger Lehrer "Stopp" rufen – und schon hat er seine 30-köpfige Gruppe wieder im Griff.

Die Bildauswahl ist für ein Fotoalbum zu groß

Das verlangt viel Selbstdisziplin von einem Mann, der sich selbst gern in den alten Fotos verliert. "Was für schöne Zöpfe", murmelt Bauckner und scheint sich fast in die Tochter des Ortspolizisten zu verlieben, die in den 1930er Jahren ständig zwei lange, geflochtene Zöpfe trug und dabei auch noch ein bildhübsches Lächeln hatte. Doch Bauckner hat sein Ziel vor Augen und lässt sich von der schwarz-weißen Schönheit nicht allzu sehr den Kopf verdrehen. "Die Fotos zeigen wunderbare Erinnerungen", sagt Bauckner. Und die will er öffentlich machen. Zum Beispiel als Fotoalbum. Doch die Auswahl aus 645 Fotos ist dafür zu groß. "Wir werden das Projekt vielleicht 2014 realisieren", vermutet Bauckner mit Blick auf den noch anstehenden Arbeitsaufwand.

Als nächstes will er sich mit den Personen zusammensetzen, die bei diesem ersten Treffen besonders viele Situationen und Menschen auf den Bildern erkannt haben. Das wird kein Problem sein. "Estherle", ruft auf einmal eine alte Frau in Richtung Leinwand, als würde sie eine alte Freundin rufen. Schon wieder ist ein Gesicht identifiziert. Und Helmut Bauckner lächelt ebenso zufrieden wie die schwarz-weißen Grenzacher auf Walter Oertlins Fotos.

Informationen über den Verein und das Projekt "Zeitzeugen" von Kurt Paulus: http://www.vfhg-grenzach-wyhlen.de und http://www.zeitzeugengw.de