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16. September 2011

Bilder, die eine alte Zeit konservieren

Realismus oder fantastischem Realismus: Der Berliner Künstler Hermann Reimer zeigt in Gundelfingen Bilder irgendwo dazwischen.

  1. Der Berliner Künstler Hermann Reimer zeigt zurzeit Bilder im Gundelfinger Rathausfoyer. Foto: Andrea Steinhart

GUNDELFINGEN. Im Rathausfoyer in Gundelfingen sind zurzeit Werke des Berliner Künstlers Hermann Reimer zu sehen. Es sind farblich ausgewogene Bilder, ästhetisch und detailgenau dazu. Dennoch lösen sie auf den ersten Blick Unbehagen aus, weil sie aus einer vergangenen Zeit zu stammen scheinen und verfremdet wirken – und doch anrührend sind. Zu sehen sind die 35 Werke bis 12. Oktober.

Reimers Bilder wirken, als wollten sie eine längst vergangene Zeit einfrieren und still gegen die Rasanz der Zeit protestieren. Die Werke, teilweise großformatig und mit satten Farben gemalt, zeigen Innenräumen, Ferienräume und Hotelzimmer. "Man ist überwältigt. Alles scheint zu stimmen – die Perspektive, die Funktionalität der Möbel und Accessoires, die Gesamtkonzeption", sagte Hans-Werner Drawin vom Kunstverein Gundelfingen anlässlich der Vernissage am Mittwochabend.

Insbesondere die Interieurs wirken auf den ersten Blick wie auf Leinwand gebrachte Schnappschüsse. Doch bei näherem Hinsehen offenbaren sich dem Betrachter eine und wohldurchdachte Komposition von Licht und Schatten sowie Form und Farbe. Es sind die feinen und kleinen Einzelheiten, die den Gemälden eine kühlende Wärme verleihen. "Sie sind beeindruckend", versicherte auch Bürgermeister Reinhard Bentler bei der offiziellen Eröffnung.

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"Übungsprojekte", die aus der Zeit springen

Die ausgestellten, zum Teil großformatigen, Bilder Reimers haben ihren Schwerpunkt in der Darstellung von Räumen, die aus der Zeit gesprungen zu sein scheinen: Hotels, Ferienwohnungen, Wohnzimmer, Schlafzimmer. "Die Fotos dazu habe ich mir als Vorlage aus dem Internet geholt – als Übungsprojekte für die Malerei", erzählt der Künstler am Rande der Ausstellung. Der Betrachter findet auf diesen Bildern persönliche Accessoires, als ob die Zimmer bewohnt wären. Teilweise liegt eine Tasche auf einem Stuhl, oft brennen die Lampen bis auf genau eine – man weiß nicht, ob defekt oder vergessen einzuschalten –, Tassen stehen auf dem Tisch. Jedes Detail ist real und wirkt doch im Zusammenspiel seltsam entrückt, denn dem Künstler ging es nicht um das Abmalen – jedes Bild zeigt Eigenheiten. Da lässt er in einem Bild einen gelben Mond im komplementär-blauen Weltall schweben, ein Pfahl im Mondsand trägt einen amerikanischen Briefkasten mit einem frankierten Brief: Die Erde grüßt in der Ferne. Auf einem anderen Bild löst sich die Tapete auf oder der Lichteinfall scheint unnatürlich orangefarben. Irgendetwas bricht das Bild auf, gibt Rätsel auf und lässt es nicht einfach als gemaltes Foto zurück.

Der Weg zur Kunst war für Hermann Reimer ein harter und schmaler Pfad. 1959 ist er in Münster geboren, studierte zuerst Physik und bewarb sich erst dann an der Kunsthochschule Berlin. Sein Kunststudium finanzierte er sich durch eine Dozententätigkeit an der Fachhochschule für Physik. Er war Meisterschüler von Professor Klaus Fußmann und erhielt 1994 den zweiten Preis beim Wettbewerb "junge Kunst" in Hamm. Seine Bilder waren schon in London, München, Zürich, Barcelona und bei der Kunstmesse in Washington zu sehen.

Hinweis: Die Ausstellung im Rathaus ist von montags bis donnerstags von 8 Uhr bis 18 Uhr, freitags bis 16 Uhr zu besichtigen.

Autor: Andrea Steinhart