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22. September 2010

Mehr als nur Blech, Chrom und Leder zum Tätscheln

BZ-SERIE "SCHÖN ALT – ROLLENDE KLASSIKER": Der Gundelfinger Reinhard Kleißler handelt mit Oldtimern, die zum Teil prominente Vorbesitzer hatten.

  1. Den Wagen der Bayrischen Motorenwerke gilt Reinhard Kleißlers Vorliebe (rechts), so stehen ein M 1 (links oben) oder auch ein Glas Cabriolet in seiner Ausstellungshalle. Foto: Lukas Wiesenhütter

  2. Foto: Lukas Wiesenhütter

  3. Foto: Lukas Wiesenhütter

GUNDELFINGEN. Viel zu lange haben die Veteranen in Garagen gestanden, mit der Sonne kommen auch sie wieder raus auf die Straßen. Die BZ-Redaktion Breisgau widmet den Klassikern auf vier und zwei Rädern ihre diesjährige Sommerserie. Was macht die Faszination eines Oldtimer aus? Heute: Reinhard Kleißler und sein Autohandel in Gundelfingen.

Auto war sein erstes Wort. Nicht Mama oder Papa, einfach: Auto. Zumindest erzählt Reinhard Kleißler das. Im Jahr 1982 hat der gelernte Versicherungskaufmann sein erstes Wort zum Beruf gemacht: Erst handelte er in Emmendingen, dann in Freiburg. Seit zwei Jahren kauft und verkauft er seltene Fahrzeuge in Gundelfingen. Und das mit Leidenschaft.

"Ich bin ein Verrückter", bekennt der 57-Jährige. Sein erstes Wort hätte auch BMW sein können. Die Liebe zu den bayerischen Wagen beginnt früh. Ein Ausbildungskollege bekommt 1968 einen BMW 2002 von seinem Großvater geschenkt. Das Interesse ist geweckt: Heute sind von den 40 bis 50 Fahrzeugen, die Kleißler auf zwei Stockwerken ausstellt, die meisten von BMW.

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Eigentlich aber hätte sein erstes Wort Oldtimer sein müssen. Wenn er von den alten Fahrzeugen spricht, ist die Begeisterung offensichtlich. "Das ist eine Lebenseinstellung", sagt er. Seine private Sammlung umfasste zwischenzeitlich 10 bis 15 Wagen. Heute sind es weniger, dafür hat er den Handel auf besondere Modelle beschränkt: Sportwagen, Klassiker, Oldtimer. "Das Internet hat den Automarkt verändert", erläutert Kleißler die Entwicklung der vergangenen Jahre. "Jetzt können Sie problemlos in Nordfriesland ein Auto kaufen, ohne selbst hinzufahren." Für die Händler im Ort sei es immer schwieriger geworden.

Die Vorteile, die er bei Oldtimern sieht: Wer sie kauft, will sie vorher sehen. Ihren Zustand begutachten. Ihre Geschichte erfragen. Und: Wer sie kauft, kauft mehr als nur ein Auto. "Sinn eines Oldtimers ist es nicht, von A nach B zu kommen", sagt Kleißler. Er erläutert seine Philosophie: "Der Weg ist das Ziel" – im wahrsten Sinn des Wortes.

Auf Samtkissen gebettet werden die Modelle in Gundelfingen nicht. Kleißler fährt sie regelmäßig. Auch die wertvollsten unter ihnen: zum Beispiel das Glas 1700 GT Cabriolet, Baujahr 1967. Fragt man Kleißler danach, wie viele Fahrzeuge eines Typs produziert wurden, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen. 122 Stück waren es bei diesem Modell. Heute, schätzt der Autoexperte, gibt es nur noch zwischen zehn und zwölf Exemplare. Ehrfürchtig nähert er sich dem Wagen. "Da stecken 1000 Arbeitsstunden drin", sagt er.

Er zeigt Fotos: Zu sehen ist nichts als kaputtes Blech und Rost, es könnten Unfallbilder sein. Das Auto wurde restauriert, es ist aus der Rohkarosserie komplett neu entstanden. 30 Jahre lang hatte es in einer Scheune gewartet, bis es wieder frisch gemacht wurde. Ob Kleißler einen Käufer findet, ist unklar. Allerdings sagt er: "Jedes Auto kaufe ich zunächst einmal für mich." Der Händler ist Geschäftsmann durch und durch, doch vor allem ist er eines: Liebhaber der Oldtimer. Das Alte fasziniert ihn. Hinter seinem Schreibtisch steht ein Tonbandgerät im Regal, das er sich als 14- Jähriger zusammengebaut hat. Vor dem Schreibtisch stehen im Wechsel unterschiedliche Fahrzeuge – diese Woche ein Ferrari.
Wer in Kleißlers Autohandel kommt, ist nicht selten ein Seelenverwandter. "Die Liebe zu altem Blech verbindet", sagt er und lacht. Was an den Wagen so eindrucksvoll ist? Nicht von A nach B, sondern in die Geschichte reist der 57-Jährige, wenn er am Steuer sitzt. "Vor meinen Augen läuft dann ein Film ab", sagt er, "und ich sehe wieder die Fahrzeuge, die mir vor 30 Jahren entgegen kamen." Regelmäßig trifft sich Kleißler mit den Mitgliedern des Autoclubs, den er selbst initiiert hat und bei dem sich alles um den BMW M1 dreht. Dieses Jahr fahren die Fahrzeugliebhaber in die Schweiz, Kleißler wird mit einem speziellen Gefährt anreisen.

Es ist das Juwel seines Handels, ganz in grau: der M1, den Rennfahrer Jochen Neerpasch gefahren hat. Nur ein einziges Mal gibt es den Wagen in dieser Farbe. Auf kein Auto wird Kleißler häufiger angesprochen. Begeistert schwärmt er von Technik und Fahrgefühl. "Den Wagen spüren Sie, wenn Sie mit ihm auf der Straße sind", sagt er. In 5,6 Sekunden beschleunigt der M1 auf 100 Stundenkilometer, 277 PS hat er.

"Zum Fahren, nicht zum Tätscheln" kauft und pflegt Kleißler seine Autos. Und zieht einen Vergleich: Wie Wandern oder Fahrradfahren sei es, mit einem Oldtimer unterwegs zu sein - Natur und Umgebung werden anders erlebt. Intensiver. Kleißlers Leben ist untrennbar mit den Fahrzeugen verbunden, er sagt: "Wer noch nie mit einem Oldtimer durch den Schwarzwald gefahren ist, kennt den Schwarzwald nicht."

Nicht jeder kann das nachvollziehen, das weiß auch der Gundelfinger Autohändler. "Es ist wie ein Virus – eine besondere Leidenschaft", versucht er sein Hobby zu erklären. Ein Virus, das ansteckend ist. Er geht von Wagen zu Wagen, nennt technische Details, beschreibt ihre Geschichten.

Reinhard Kleißler steht vor seinem BMW M1, umrundet von weiteren Fahrzeugen. Gut möglich, dass sein erstes Wort tatsächlich "Auto" war.

Autor: Lukas Wiesenhütter