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18. Oktober 2016

Mit Musik auf Kriegswirren antworten

Monumentalkonzert des Cantemus Chors mit mehr als 100 Mitwirkenden in der voll besetzten Festhalle in Gundelfingen.

  1. Die mitwirkenden Sänger und Musiker boten dem Publikum in Gundelfingen einen bewegenden Abend. Foto: Erich Krieger

GUNDELFINGEN. "Krieg, Flucht, Vertreibung und Not sind Zustände, mit denen sich seit jeher Musiker auf ihre Art auseinandergesetzt haben." Bernhard Schmidt, Leiter des Gundelfinger Kammerchors Cantemus, nannte in seiner Einführung in das Konzert mit Kompositionen von Joseph Haydn am vergangenen Samstag den diesjährigen Literaturpreisträger Bob Dylan als Paradebeispiel, dem es sogar gelungen sei, mehrere Generationen durch seine engagierten Lieder zu beeinflussen.

Die derzeitige Flüchtlingskrise, die er lieber als Flüchtlingschance bezeichnen wolle, hätte den Anlass für ein Programm mit der "Sinfonie 100", auch Militärsinfonie genannt, und der "Missa in tempore belli" (Messe in Zeiten des Krieges), oder auch Paukenmesse genannt, von Joseph Haydn geboten. In der Militärsinfonie habe sich der Komponist an den sogenannten Türkenkriegen gegen das Osmanische Reich orientiert, in deren Verlauf das osmanische Heer bis vor die Tore Wiens gelangte. Den Klang der türkischen Militärkapellen habe er im zweiten Satz des Werks als "Janitscharenmusik" nachempfunden. In der "Missa" übernehmen die Paukenschläge den Rhythmus der Militärtrommler der französischen Armee unter Napoleon, die im 1. Koalitionskrieg zum Ende des 18. Jahrhunderts auch auf Wien vorrückte.

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Nach dem volksliedhaft beschwingten ersten Satz der Militärsinfonie und der durch eine gewaltige Bläserfanfare eingeleiteten Janitscharenmusik wurden Tagebuchtexte eines Eichstetter Bauern von 1796 verlesen. Er berichtete von Plünderungen, Brandschatzungen, Zwangspfändungen von Wein, Brot, Korn, Fleisch und Butter in den Dörfern am Kaiserstuhl und dem Hunger, der viele Familien zur Auswanderung nach Amerika trieb. Dazu wollte das nachfolgende heitere Menuett des dritten Satzes nicht recht passen, wurde aber durch das Presto im vierten Satz mehr als wettgemacht. Ein weiterer Text von 1870 handelte von der Zerstörung Straßburgs im deutsch-französischen Krieg und zeichnete nach der Kapitulation ein erschütterndes Bild vom herrschenden Hunger und den langen Kindergrabreihen.

Dann trat mit dem Kyrie und Gloria der "Missa in tempore Belli" erstmals der Cantemus-Chor in Aktion, der für diese Aufführung vom Kirchenchor Heilig Kreuz Münchweier unterstützt wurde. Die gewaltige Kraft der mehr als 100 Kehlen erfüllte die vollbesetzte Festhalle in Gundelfingen bis in den letzten Winkel und etalierte mitreißend die in der "Missa" immer wiederkehrende Phrase des "miserere nobis". Im dritten Text von 1914 schilderte ein deutscher Wachposten an der Front ein Weihnachtsfest, bei dem der aufgestellte und beleuchtete Weihnachtsbaum erst unter französisches Feuer genommen wurde. Bald darauf, nach dessen Einstellung, kam eine französische Delegation mit weißer Fahne und Wein und Brot ins Lager der Deutschen, entschuldigte sich und die verfeindeten Truppen feierten gemeinsame Weihnacht. Danach setzte der Chor ein gewaltiges Credo, gefolgt von einem feierlichen Sanctus mit einem geschmetterten Hosianna. Das Benedictus wurde durch Soli von Angelika Lenter (Sopran), Hanna Roos (Alt), Nikolaus Pfannkuch (Tenor) und Manfred Bittner (Bass) souverän bestimmt.

Ein letzter Text gab dramatische Einblicke in die Schicksale und Irrfahrten von Flüchtlingen aus Ostpreußen nach 1945. Das die Messe abschließende Agnus Dei gestaltete sich zum Höhepunkt des Konzerts. Mit der von Haydn fordernd komponierten Schlussphrase "dona nobis pacem" (schenk uns Frieden) war nicht die Rettung des Seelenheils gemeint, sondern das nackte Überleben. Nach diesem eigentlichen Zenit des tief beeindruckenden Konzerts gestaltete sich der abschließende gemeinsame Gesang der Nationalhymne nach der Melodie von Haydn zumindest auf Publikumsseite recht verhalten.

Autor: Erich Krieger