Der Junge mit dem Entengang

Erik Eggers

Von Erik Eggers

Fr, 01. Dezember 2017

Handball Allgemein

Arnulf Meffle, der Handball Weltmeister von 1978, wird heute 60 Jahre alt.

HANDBALL. Am 8. Februar 1978 fuhr Arnulf Meffle mit der Eisenbahn von Offenburg nach Freiburg, wo er im 1. Semester Sport studierte. Drei Tage zuvor war der 21-Jährige vom TuS Hofweier Handball-Weltmeister geworden, nach einem sensationellen 20:19-Sieg im Endspiel in Kopenhagen gegen die Sowjetunion. Beim Handball-Dozenten Meffles an der Universität allerdings war das noch nicht angekommen.

Als Meffle ihn um einen Schein für ein Referat bat, das er vor dem WM-Turnier mit Kommilitonen ausgearbeitet hatte, dessen Präsentation er aber wegen der WM verpasst hatte, entgegnete der Dozent: "Ja, wer sind Sie denn? Ich kenne Sie gar nicht!" Bis ein anderer Dozent bemerkte: "Ja, kennst Du den Meffle gar nicht? Das ist unser Handball-Weltmeister!" Da ließ sich der strenge Pädagoge erweichen. "Da habe ich den Schein dann doch bekommen", erzählt Meffle, der heute in Neuried seinen 60. Geburtstag feiert.

Meffle lächelt über diese Anekdote. Aber sie ist repräsentativ bis heute. Nach Kopenhagen standen andere Spieler im Rampenlicht, Heiner Brand und der große Joachim Deckarm natürlich, Kurt Klühspies und Manfred Hofmann. Den gebürtigen Schwarzwälder wurde, auch weil Meffle ein eher stiller Charakter ist, leicht übersehen.

"Keiner von uns hat Arnulf damals verstanden."

Heiner Brand
Insofern könnte man Meffle als den unterschätztesten Weltmeister von 1978 bezeichnen. War der Rechtsaußen doch zweifellos eine der Schlüsselfiguren bei dieser WM. "Meffle, eine der großen Entdeckungen dieses Turniers", lobte ihn ZDF-Kommentator Fritz Hattig.

Meffle hatte erst im Februar 1977 in der Nationalmannschaft debütiert. Damals stand er kurz vor den schriftlichen Abiturprüfungen und spielte noch beim TuS Schutterwald in der Regionalliga. Im Mai 1977 gewann er (zum zweiten Mal nach 1975) mit dem Oken-Gymnasium Offenburg noch den Handballwettbewerb bei "Jugend trainiert für Olympia". Bei der Junioren-WM im April 1977 in Schweden wurde er, nachdem er als vorgezogener Abwehrspieler brilliert hatte, als bester deutscher Spieler ausgezeichnet.

"Keiner von uns hat Arnulf damals verstanden, weil er einen unfassbaren Dialekt sprach", juxt Heiner Brand. "Ich lag einmal bei einem Lehrgang mit ihm auf dem Zimmer und habe, wenn ich das recht erinnere, kein Wort mit ihm gewechselt." Seltsam fanden die Mitspieler auch, dass der Süddeutsche nie Alkohol trank. Vor allem in sportlicher Hinsicht aber rätselten viele Kollegen über Meffle. "Damals war ja bei ihm nicht viel Athletik und Schnelligkeit", sagt Brand. "Der Junge mit dem Entengang", titelte das kicker-sportmagazin.

Er sei "ziemlich naiv" nach Dänemark gefahren, berichtet Meffle. "Mir war auch egal, wer da als Favorit oder Außenseiter galt." Als es losging, sagte er: "Ich fahre dahin, um Weltmeister zu werden." Diese Unbekümmertheit war hilfreich. Nach dem Vorrundenspiel gegen Jugoslawien (18:13) wurde er als Matchwinner gefeiert, weil als vorgezogener "Indianer" das Aufbauspiel des Gegners hatte kollabieren lassen. Im Endspiel neutralisierte er Wladimir Maximov.

Der WM-Titel von Dänemark war nicht der einzige große Erfolg, Meffle gewann 1984 in Los Angeles zudem olympisches Silber. Und in der großen Zeit des TuS Hofweier wurde er mit Arno Ehret als die beste Flügelzange des deutschen Handballs gefeiert. Meffle blieb seiner badischen Heimat immer treu.

Als der dreifache Familienvater im Jahr 2012 seine Leukämie-Erkrankung öffentlich machte, trat er damit eine Welle der Hilfsbereitschaft los. Viele Menschen ließen sich daraufhin in die Knochenmarkspenderdatei eintragen, und im Januar 2013 wurde tatsächlich mit Wolfgang Heppelmann ein geeigneter Stammzellenspender gefunden. "Diese Hilfsbereitschaft hat mich einfach überwältigt", sagt Arnulf Meffle, der seine Krankheit daraufhin überwand.