Wie Tabak die Stadt prägte

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

So, 22. April 2018

Herbolzheim

Der Sonntag Veranstaltungsreihe widmet sich dem bedeutenden Herbolzheimer Wirtschaftszweig.

150 Jahre lang war Herbolzheim die Zigarrenmetropole im Breisgau. Drei Zigarrenfabriken gab es einst in der Stadt, sie beschäftigten in Hochzeiten samt ihren Dependancen 5 000 Menschen. Eine Ausstellung, ein Zeitzeugengespräch und andere Veranstaltungen erinnern an das vergessene Erbe der Stadt.

Die Idee, sich mit dem Tabak und seiner Bedeutung für die Stadt zu beschäftigen, entstand bei einem Besuch im Herbolzheimer Schaugarten mit seinen blühenden Tabakstauden. Die inspirierten eine Gruppe stadtgeschichtlich Interessierter um Gemeinderat Reinhold Hämmerle und Claudia Bühler vom Tourismusbüro, sich mit der Geschichte und der Bedeutung des Tabaks in Herbolzheim zu beschäftigen. Schon 80 Jahre nach der Entdeckung im Jahr 1492 durch Christoph Kolumbus brachten Soldaten im 30-jährigen Krieg den Tabak aus der Neuen Welt an den Oberrhein. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die erste deutsche Zigarrenfabrik gegründet, 1744 legte eine Schnupftabakfabrik in Lahr den Grundstein für den Tabakanbau am Oberrhein.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ging es in Herbolzheim Schlag auf Schlag: Kurz nacheinander gründeten Arnold Schindler, Ludwig Heppe und Johann Neusch Zigarrenfabriken. Bald hatten die Fabriken bis zu 40 Filialen, so in den umliegenden Dörfern Bombach, Hecklingen, Wagenstadt und im Elsass. Auf den Feldern bauten die Menschen Tabak der elsässischen Sorte Geudertheimer an. Dieser dunkle, luftgetrocknete Tabak begründete den Badischen Tabakanbau und ist bis heute eine der Hauptsorten, die in Deutschland angebaut werden.

Zunächst wurde der Tabak vier bis sechs Wochen lang getrocknet, dann sortiert und auf Ballen aufbereitet. Die Fermentierung erfolgte in den Zigarrenfabriken, dort wurden auch die Rohzigarren hergestellt. Überall in der Stadt roch es nach Tabak. Die Deckblätter fertigten Frauen in Heimarbeit. "Das war eine Riesensauerei, das Deckblatt wurde geschnitten, mit Pflanzenkleber eingeschmiert, alles war voll Tabakstaub", weiß Reinhold Hämmerle zu berichten. Kinderarbeit war nichts Ungewöhnliches. "Wenn die Kontrolleure kamen, wurden die Kinder schon mal in den Keller gesperrt", meint er.

In der einstigen Tabakhochburg Herbolzheim lassen sich noch etliche Gebäude oder speziell gestaltete Flächen aus der Blütezeit des Tabaks erkennen. Viele Herbolzheimer haben noch lebendige Erinnerungen an diese Zeit und wissen allerlei spannende Geschichten zu erzählen. Der Niedergang des Tabaks ging mit dem der Zigarren einher: Statt Stumpen rauchten die Leute lieber Zigaretten. 1971 schloss die letzte Zigarrenfabrik in der Stadt ihre Tore.

Mitglieder des Arbeitskreises "Geschichte und Geschichten" haben sich systematisch mit der Thematik beschäftigt, sie starteten einen Aufruf im Gemeindeblatt und baten um Leihgaben. Diese und zahlreiche weitere Exponate, darunter Maschinen, Werkzeug und Fotos werden nun ab 11. Mai im Torhaus direkt neben der früheren Zigarrenfabrik Neusch gezeigt. Damit nicht nur Kopf, Augen und Nase, sondern auch die Lachmuskeln angeregt werden, ergänzen Cartoons des Freiämter Karikaturisten Klaus Karlitzky die Ausstellung. Übers ganze Jahr hat der Arbeitskreis ein Programm rund um den Tabak entwickelt. Ein Gespräch mit Zeitzeugen, Stadtführungen, der Schaugartentag und eine Lesung bringen den historischen Wirtschaftszweig ins Gedächtnis.