Ein Abend für den alemannischen Dialekt

Annette Preuß

Von Annette Preuß

Mi, 21. Dezember 2016

Heuweiler

Carola Horstmann trägt Geschichten in Heuweiler vor und wird von Sophia Ruf musikalisch begleitet.

HEUWEILER. Zu einem alemannischen Abend mit Gedichten und Geschichten hatte das Bildungswerk Heuweiler eingeladen. Gast war Carola Horstmann, die aus dem Wiesental stammt und heute in Denzlingen lebt. Musikalisch gestaltet wurde der Abend von Sophia Ruf aus Heuweiler. Mit ihrem Akkordeon gab sie die passende musikalische Note.

Adventlich dekorierte Tische mit Kerzen und Tannengrün, Gebäck und Äpfeln erwarten die Zuhörer, die trotz dichten Nebels gekommen waren, um sich Geschichten vorlesen zu lassen. Alemannischer Sprachklang im Gemeindesaal, man redet und hört sich warm. Die letzte Veranstaltung des Bildungswerks Heuweiler für dieses Jahr ist sehr gut besucht, Geschichten erzählen hat eine große Tradition, die auch gepflegt werden will. Und dieses Ansinnen macht neugierig.

Carola Horstmann, die sich den alemannischen Dichtern Johann Peter Hebel und Gerhard Jung besonders verbunden fühlt und "keinen anderen Dialekt kann", hat ein facettenreiches Programm zusammengestellt. Die Texte beschreiben Alltagserfahrungen oder Momentaufnahmen, sind humorvoll und tiefsinnig gestaltet. Das Bild von einem Schutzengel, der Kinder bewacht, inspirierte die Autorin, sich Gedanken zu machen über die heutigen "Helikoptereltern". Die eigentlichen Schutzengel, wie die Autorin sie erlebt hat, waren eher Menschen, die geholfen haben, aber "sie hän kei chemdli aghat". Zwei Senioren, die gleich gekleidet aufs Meer schauen und dort zwei Segelschiffe in Blau und Gelb beobachten, die Brandung genießen, Hand in Hand und schweigend, da eröffnet sich ein Raum zwischen Sehnsucht und Wehmut.

Oder die merkwürdige, leicht schrullig wirkende Frau Meier, Jüdin und später nach Gürs deportiert, Untermieterin von Herrn Doktor und seiner Frau Doktor: ein berührender Text. Von großer Beobachtungsgabe wie auch sprachlichem Können zeugt die Beschreibung eines Sonnenaufgangs. Zuerst leuchten die Kondensstreifen der Flugzeuge "feurig" auf, dann "weiß auf blauem Grund", später streift die Morgensonne die Tannenspitzen. Im Gegensatz dazu kurz und klar die "Fastnachtslarven in Zell", die vor dem Spiegel schlupfen und über ihr eigenes Gesicht staunen.

Viel Humor zeigt Carola Horstmann in "Die leichte Haushose", eigentlich eine innerfamiliäre feste Redewendung für bequeme Kleidung. Im Rucksack der Kinder ist das gute Stück um die Welt gereist, wurde sogar im Weihnachtspäckchen nachgeschickt, das Päckchen kam zurück, die leichte Haushose war, offenbar sehr begehrt, gestohlen.

Sprachliche Nachhilfe leistete Carola Horstmann, bevor sie "Die Mutter am Christabend" (Johann Peter Hebel) vortrug. "Gitzeli" (Geißlein) und "Helgli" (Heiligenbild) und "Rümmechrüsliger" (Winterapfel), sie erklärte neues Vokabular, nicht nur für Zugereiste.

Weshalb Mundartdichtung? Ihre einzigartige Intonation macht Dialekte für viele Menschen lebendig und vermittelt Spracheigenheiten, die verwurzelt sind in der jeweiligen Gegend und deren Kolorit widerspiegelt. "S Moneli säh, des isch fascht no besser als Gutzeli un Brausi kaufe", so die Einleitung zur Erzählung "Moneli", die nur verliert, übersetzte man sie ins Hochdeutsche.

Zwischen den Texten erklang Akkordeonmusik, getragene und zarte Stücke, die die literarische Wirkung unterstrichen. Für Auswahl und Darbietung gilt ein besonderes Lob an Sophia Ruf, die auch die Weihnachtslieder begleitete und das Publikum zum Mitsingen einlud.

"Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft", so Johann Wolfgang von Goethe. In dieser Lesung zeigte das Alemannische seinen Reiz und manch einer übte, mehr oder weniger erfolgreich, auf dem Heimweg die Aussprache von "Rümmechrüsliger".