Ihre Friedenstauben fliegen bald wieder

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Mi, 10. Dezember 2008

Freiburg

LEUTE IN DER STADT: Rosemarie Schinzler restauriert ihre Bilder an der Berliner Mauer

Jedes Jahr ein Jubiläum. Sind es dieses Jahr die 68er, die ihren 40. Jahrestag feiern, so wird man nächstes Jahr des Falls der Berliner Mauer vor 20 Jahren gedenken. Anlässlich dieses Datums wird die East Side Gallery, das längste noch erhaltene Stück der Mauer, restauriert. Auch Rosemarie Schinzler, eine Freiburger Künstlerin, wird ihre beiden Bilder auf der längsten Freiluftgalerie der Welt wieder in ihrem ursprünglichen Glanz erstrahlen lassen.

1990 war Schinzler eine von mehr als einhundert Künstlerinnen und Künstlern, die mit ihren Bildern auf der Berliner Mauer die Wende kommentierten. Insbesondere Schinzlers zweites Bild – zwei Friedenstauben, die in ihren Schnäbeln einen roten Faden halten, in dessen Mitte das Brandenburger Tor baumelt – hat sich großer Beliebtheit erfreut. Postkarten, T-Shirts und unzählige Fotos der Friedenstauben sind im Umlauf. "Freunde erzählten mir immer wieder, sie hätten mein Bild irgendwo gesehen", erzählt Rosemarie Schinzler.

Tantiemen hat die Künstlerin allerdings nie erhalten – die Mauerkunst ist urheberrechtlich nicht geschützt. Rosemarie Schinzler nimmt das allerdings gelassen: "Mir war das auch nicht so wichtig. Ich wollte ja malen, meine Arbeit machen und mich nicht herumärgern."

Nach dem Mauerfall reisten die Familie Schinzler nach Berlin. "Wir wollten, dass unsere Kinder die Grenzsituation erleben", erzählt die Künstlerin. Durch Freunde aus Ost-Berlin hatte die Familie einen persönlichen Bezug zur DDR. Rosemarie Schinzler, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Ausbildung zur Kunsttherapeutin und Malerin im "Experimentellen Atelier Freiburg" befand, sah Künstler die Betonmauer bemalen. Sie erfuhr, dass eine Werbe- und Veranstaltungsagentur Kunstschaffende dazu aufgerufen hatte, sich mit Skizzen um einen Platz auf der Mauer zu bewerben. Die Reise nach Berlin war für die ehemalige physikalische Therapeutin ein Schnittpunkt. Schinzler verkaufte ihre Massagepraxis und widmete sich fortan ausschließlich der Kunst.

"Schon auf der Rückreise nach Freiburg sind meine Bilder entstanden", erinnert sich Schinzler und zeigt frühe Skizzen ihres ersten Mauerbildes: Da wächst aus einem plastischen Beton-Ei eine Pflanze die Mauer hoch. "Ich wusste schon damals, es sollte eine Pflanze an der Mauer wachsen als Zeichen der Hoffnung." Ein paar Monate später erhielt sie einen Brief. Ihre Skizzen hatten überzeugt und Schinzler wurden sechs Meter der Mauer zur Gestaltung zugewiesen. In Berlin installierte die Künstlerin ihr Beton-Ei. Als man sie spontan bat, weitere vier Meter zu bemalen, lehnte Schinzler zuerst ab. "Eigentlich wollte ich nicht, aber mein Kopf hat nicht aufgehört zu arbeiten." Schinzlers zweites Bild zeigt die berühmten Friedenstauben.

Mittlerweile sind die Mauerbilder stark verwittert. Touristen verewigen sich mit dicken Filzstiften oder meißeln sich ein Mauerstück als Souvenir ab. Wind, Wetter und Abgase tun ihr Übriges. Schinzler zeigt sich aber positiv überrascht: "Zeit und Natur haben dafür gesorgt, dass meine Pflanze an der Mauer wirklich wächst", sagt sie und deutet auf ein Foto, das ein Loch in ihrem Mauerbild zeigt. Wo früher aus dem Beton-Ei eine Pflanze wuchs, sieht man nun durch ein Loch in der Wand einen grünen Baum am Ufer der Spree blitzen.

Am liebsten würde Schinzler im nächsten Jahr diese Naturkunst in ihr Werk einarbeiten. "Ich wollte das Loch umrahmen", erklärt sie. Der Denkmalschutz fordert aber, dass alle Künstler ihre Bilder originalgetreu wieder herstellen. So wird Schinzler wieder eine Pflanze wachsen und Friedenstauben fliegen lassen.