Rootsmusik

In Estland schon Stars: Die Curly Strings treten im Jazzhaus auf

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mi, 10. Oktober 2018 um 19:25 Uhr

Rock & Pop

Vertreter der neuen estnischen Musikergeneration, die Tradition und Gegenwart verbindet: Im Jazzhaus Freiburg stellt sich die Band Curly Strings vor.

Musik aus Estland? Zwei Dinge fallen uns allen da ein: die kontemplative Musik des Komponisten Arvo Pärt auf der einen Seite, die gigantischen Chorfeste mit Zehntausenden von Sängern und Sängerinnen auf der anderen. Doch das kleine Land an der Ostsee hat sich seit der Wende auch musikalisch grundlegend gemausert.

Das baltische Folkloreerbe, zu Sowjetzeiten unterdrückt, darf nun wieder Urständ’ feiern und tut das auch kräftig: Von der jungen Generation wird Folk nicht etwa verspottet, er gilt regelrecht als cool. Runenlieder, Volksweisen und Chorstücke sind dabei kein puristisch zu verwaltendes Gut: Nachwuchsbands koppeln den Stoff nach Lust und Laune mit Pop, Jazz, sogar mit Metal, und mit traditionellen Klängen, die von ganz woanders stammen. Die Curly Strings sind da keine Ausnahme, und sie tun das in der Heimat mit großem Erfolg. Nun schickt sich das Quartett an, auch im Ausland die Bühnen zu erstürmen, ihr zweites Album "Hoolima" erscheint auf dem Freiburger Label Jazzhaus Records.

Glänzend bestanden haben Fiddlerin Eeva Talsi, Bassist Taavet Niller, Jaan Jaago an der Gitarre und Villu Talsi ihre Feuertaufe in Deutschland beim jüngen Rudolstadt-Festival, dass dieses Jahr Estland zum Länderschwerpunkt auserkoren hatte. Sowohl in der Quartettbesetzung als auch in einem Spezialprogramm mit den Thüringer Symphonikern wurden sie begeistert auf dem größten Roots-Festival gefeiert. Und manche, die mit der tiefen Innerlichkeit von Herrn Pärt sozialisiert wurden, werden sich verwundert die Ohren gerieben haben: Das ist estnische Musik?

Wer die Curly Strings auf der Bühne erlebt, der bekommt eine grandiose, Grenzen überwindende Folk-Show geboten: Estnische Folktöne und Texte in der klangvollen Muttersprache sind da schon mit im Aufgebot. Doch die Töne der baltischen Verwurzelung werden mit den Klängen von hochvirtuoser Bluegrass-Ästhetik gekoppelt. Im britischen Weltmusikmagazin Songlines war gar zu lesen, dass diese Esten so mancher amerikanischen Stringband das Wasser reichen könnten.

Ihre Scheibe "Hoolima" ist der klingende Beweis: Da gibt es strahlende Geigen und bluesige Zwischenspiele, wenn eine Flugreise um die Welt in Töne gefasst wird. Ein Lied an den Mond ist in melancholisches Moll gehüllt, und im Titelstück treffen nordisches Pastell, Country und ein funky Augenzwinkern aufeinander. Swingende Mandolinenriffs treten in Dialog mit der hellen Stimme von Eeva Talsi, und immer wieder gibt es rasante, instrumentale Ausflüge ins Bluegrass-Terrain, auch andere Tanzrhythmen wie Polka oder Mazurka gehören zum Fundus. An der Produktion war unter anderem Dani Castelar beteiligt, der früher schon für R.E.M. und Michael Jackson am Pult stand – das verleiht dem Sound der Curly Strings noch mehr internationales Flair, ohne dass sie jemals in geradlinige Folkpop-Beliebigkeit abzugleiten drohen.

Und da sind wir schließlich beim Bandnamen: "Gelockte Saiten"? Das bezieht sich nicht nur auf die blonde Locken der Sängerin. Verschlungen, auf Umwegen, mäandernd: So ließe sich die Spielweise dieser vier Bluegrass-verliebten Balten bezeichnen, "curly" also. Eine gewundene Brücke aus 20 Saiten quer über Ostsee und Atlantik.

Konzert: Mittwoch,17. Oktober, Freiburg, Jazzhaus, 20 Uhr.
Platte:
Hoolima (Jazzhaus Records).