"Etwas, das man ganz sicher nicht vergisst"

Heinz Siebold

Von Heinz Siebold

Sa, 25. November 2017

Kappel-Grafenhausen

LAND & LEUTE: Der Musiker Dominik Büchele aus Kappel-Grafenhausen ist auf dem Pacific Crest Trail von Mexiko bis Kanada gewandert .

KAPPEL-GRAFENHAUSEN/AMERIKA. Solche Abenteuer wagt man wahrscheinlich nur in jungen Jahren: 4279 Kilometer wandern. Mit Rucksack, Zelt und Schlafsack durch unwirtliche Wüsten und über verschneite Berge. Aber nicht drei Mal von Kappel nach Hamburg und zurück, sondern parallel zur Pazifikküste von Nordamerika. Dort gibt es einen Weg der Sehnsucht, den viele nehmen, um entweder die Schönheit der Landschaft oder sich selbst zu entdecken. Der Pacific Crest Trail – der Pazifik-Gipfel-Weg – verläuft von der mexikanischen Grenze nordwärts durch die Wüste, das Sierra Nevada-Gebirge und die Kaskadenkette bis zur kanadischen Grenze.

"Ich bereue keinen Schritt", sagt Dominik Büchele und lächelt versonnen. Der 26-jährige Musiker aus Kappel hat den Fernwanderweg in diesem Jahr am 12. April mit Freundin Tamara Stich und Kumpel Andreas Mutschler aus Rust betreten. Nach einigen Etappen wanderten die beiden jungen Männer alleine weiter. Aus der Idee "Ich will mal dahin, wo ich noch nicht war" ist ein großes Projekt mit viel Planung und Strapazen geworden, die im jugendlichen Eifer so nicht absehbar waren. "Ich habe meinen Eltern von unterwegs nicht immer alles erzählt, was passiert ist", erzählt Büchele mit einem Schmunzeln.

Oder was vielmehr hätte passieren können. Denn der Rekordwinter in Amerika hatte seine Spuren auf den Gipfeln der Sierra Nevada – immerhin Viertausender – hinterlassen. "Es gab noch so viel Schnee, da haben wir zeitweise den Trail verloren". Die Wanderer mussten auf Schritt und Schritt per GPS navigieren, um sich nicht zu verlaufen. Die Hänge waren spiegelglatt, fast ein Wunder, dass keiner von ihnen abgestürzt ist. Anderen ist es nicht so gut gegangen. Und unten im Tal warteten nicht minder schwere Gefahren: Die Schmelzwasserbäche waren zu reißenden Flüssen angewachsen, die nur unter Lebensgefahr über umgestürzte Bäume zu überqueren waren.

"Do isch eim s’ Klemmerle gange", gibt der Bandleader der Gruppe Rhinwaldsounds zu. Dass er seine Wandergitarre auf dem Rücken mitschleppte, hat er nicht nur in solchen kniffligen Situationen verflucht und sie irgendwann einmal ein paar hundert Kilometer voraus geschickt. Wenn es denn mal einen Ort mit Poststation gab. Tagelang war man nur in der Wildnis unterwegs und musste sich von Tütensuppen, Müsli-Riegeln und Haferflocken ernähren. Wasser aus der Natur konnte man nur durch einen Spezialfilter trinken. Die wenigen Wasserstellen in der Mojave-Wüste zum Beispiel – Temperaturen über 45 Grad! – waren oft verdreckt von Tierkot. "Dann musste man eben weitersuchen. Ich habe auf dem ganzen Weg Hunger und Durst gehabt. Jede Minute. Da half nur noch Musik über die Ohrstöpsel."
"Ich habe meinen Eltern von unterwegs nicht immer alles erzählt, was passiert ist."

Dominik Büchele
Spätestens, als die Globetrotter vom Oberrhein im Bundesstaat Oregon hautnah erfahren mussten, dass Rhinschnooge nichts sind im Vergleich zur Schnakenplage in den Wäldern der Cascade-Berge, kam öfter mal die Frage auf: Warum tun wir uns das an? "Schwärme von Schnooge, es gab kein Entkommen, ich war noch nie so zerstochen wie in Oregon." Auch größere Tiere wurden zum Problem. Die Klapperschlangen hörte man immerhin schon von Weitem rasseln. Schwarzbären nicht. "Fünf Stück bin ich begegnet." Einem davon in Armlänge Entfernung, als der plötzlich aus dem Gebüsch trat. "Ich hätte ihn streicheln können." Vielleicht war der Bär ebenso überrascht wie der Mensch. Büchele ging kurzentschlossen langsam und pochenden Herzens weiter. Was der Bär tat, weiß er nicht. Auch harmlosere Tiere hat er gesehen. Bergziegen und Rudel von Wapitihirschen.

Viel Zeit zum Schauen hatten die Wanderer freilich nicht, die Tagesrouten waren lang: zwanzig Kilometer zu Beginn, fünfzig am Ende. Sechzehn Kilogramm Körpergewicht fehlten danach. "Schlafen, vor Sonnenaufgang loswandern, kurze Pausen, weitergehen, Abendessen, Schlafen im Zelt oder unter freiem Himmel." Das war der Rhythmus, bei Regen oder Sonnenschein. Als die Strapazen im Schneegebirge zu gefährlich wurden, fuhren die Abenteurer per Anhalter eine Strecke weiter, daher fehlen in der Gesamtbilanz rund 500 Kilometer. Dafür bestiegen sie den 4421 Meter hohen Mount Whitney, den höchsten Berg der USA außerhalb von Alaska. "In der Summe der Höhenmeter haben wir den Mount Everest ein paar Mal bestiegen."

Erst im Bundesstaat Washington, am Columbia River, wurde es wieder entspannt. "Die Landschaft ist dort grandios." Da war auch die Gitarre wieder abgeholt worden, es gab ab und an etwas wildwestliche Lagerfeuerromantik mit anderen Hikern und manchmal hatte Dominik Büchele auch Zeit, ein paar Ideen für neue Songs zu notieren. Sie werden auf der neuen CD von Umleitung im kommenden Frühjahr zu hören sein.

Aber nicht nur deshalb hat sich der Trip gelohnt. "Es ist etwas, das man ganz sicher nicht vergisst. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit." Das Erleben, alleine auf sich gestellt, immense Hindernisse zu überwinden, mit atemberaubenden Ausblicken auf grandiose Landschaften entlohnt zu werden. Interessante Menschen kennenzulernen: Amerikaner, Asiaten, Südafrikaner, Israelis – Europäer kaum. Tausende Wanderer sind jedes Jahr unterwegs, die meisten machen nur wenige Etappen, die ganze Distanz schaffen nur ein paar hundert. Dominik Büchele und Andreas Mutschler waren am 27. August, nach fast fünf Monaten, im Mannings-Park in Kanada am Ziel. "Ich denke jeden Tag noch an die Tour zurück. Aber ich freue mich auch jedes Mal über jede heiße Dusche."