Die grenzüberschreitende Buslinie 21 fährt zum letzten Mal zwischen Kehl und Straßburg

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 26. April 2017

Kehl

Die Tram verdrängt den „Bananenbus“

KEHL/STRASSBURG (BZ). Seit 1958 rollt er zwischen Kehl und Straßburg, hat Millionen Fahrgäste befördert. Innerhalb weniger Minuten kann man mit dem Bus 21 der Straßburger Verkehrsbetriebe CTS ins Nachbarland gelangen, um Einkäufe zu erledigen, Freunde zu treffen oder Veranstaltungen zu besuchen. Am Freitag wird der Bus ein letztes Mal fahren – dann wird der Betrieb eingestellt. Die Rolle des Busses übernehmen dann die Tramzüge der Linie D, die ab Dienstag, 2. Mai, im 12- bis 20-Minuten-Takt zwischen Straßburg und Kehl verkehren werden.

"Meine Kollegen und ich haben ihn immer Bananenbus genannt", lacht Jean-Pierre Zimmermann. Der ehemalige Busfahrer der CTS, der von 1976 bis 1980 auf der Buslinie im Einsatz war, weiß viele Anekdoten. Der Bus 21 war einer der ersten, den Jean-Pierre Zimmermann lenkte, nachdem er vom technischen Angestellten in der Straßburger Verwaltung zum Busfahrer umgeschult hatte.

"Es war eine tolle Zeit", sagt der heute 71-Jährige, wenn er auf die vier Jahre zurückblickt, in denen er Passagiere zwischen dem Straßburger Hauptbahnhof und dem Montmorencyplatz an der Stadthalle in Kehl hin und her befördert hat. Das Verhältnis zwischen Busfahrern und Fahrgästen sei fast freundschaftlich gewesen, diese "convivialité", wie der Elsässer die Geselligkeit und das harmonische Miteinander im Bus bezeichnet, habe für ihn den Job ausgemacht. "Ich kannte fast alle Fahrgäste persönlich", sagt er. Die meisten Menschen hätten den Bus 21 auch damals schon genutzt, um im Nachbarland günstig einzukaufen. Nicht nur Bananen seien in den 70er-Jahren in Baden günstiger gewesen, auch Dinge wie Margarine. Umgekehrt seien die Kehler mit dem Bus 21 nach Frankreich gefahren, um Zigaretten, Alkohol und Kaffee zu kaufen – diese Produkte waren im Nachbarland billiger.

Wer die direkte Busverbindung zwischen Straßburg und Kehl nicht zum Einkaufen nutzte, pendelte mit ihr zur Arbeit oder zur Schule: Die Kinder der Soldaten der französischen Streitkräfte in Deutschland etwa, die in Deutschland wohnten und die École Primaire du Rhin in Frankreich besuchten, waren Stammgäste, genauso wie Franzosen und Deutsche, die jeweils im anderen Land arbeiteten. 2,80 Francs habe eine Fahrt von der Kehler Stadthalle bis zur Straßburger Endhaltestelle am Hauptbahnhof gekostet, als er 1975 seine Busfahrer-Ausbildung bei der CTS begann, erinnert sich Jean-Pierre Zimmermann. Die Preise wurden nach Zonen berechnet, 60 Centimes kostete zusätzlich der Grenzübertritt. Bereits im Mai 1976 wurde die Zonenregelung abgeschafft und der Einheitspreis für eine Fahrt mit Bus oder Straßenbahn eingeführt. Von da an zahlte man für die Einzelfahrt zwei Francs – die Kosten für den Grenzübertritt waren darin inbegriffen.

Das Überqueren der Grenze war bis zur Abschaffung des Zolls mit dem Schengener Abkommen ohnehin eine besondere Angelegenheit: Rund um die Uhr bewachten französische Zollbeamte, deutsche Grenzschutzpolizei und die PAF, die Police de l’Air et des Frontières (Luftraum- und Grenzpolizei), die Europa-Brücke. Sie stiegen in die 21-er-Busse ein, überprüften die Ausweispapiere, manche wurden auch durchsucht, berichtet der ehemalige Busfahrer, der seit 2004 im Ruhestand ist. Besonders streng seien die Kontrolleure in den 70er-Jahren gewesen, als die RAF das Land mit Anschlägen in Atem hielt. 1977 vermutete die deutsche Polizei, dass sich einige Mitglieder der Gruppierung im Kehler Hochhaus "Der lange Trudpert" verschanzt hatten – sie rückte mit verstärkten Truppen an. Obwohl sich der Verdacht als falsch entpuppte, wurden Fahrzeuge, die den Rhein überqueren wollten, vier Wochen lang auf beiden Seiten der Brücke kontrolliert. "Weil die Kontrollen so viel Zeit in Anspruch nahmen, stiegen einige Menschen damals sogar aus dem Bus aus und überquerten die Rheinbrücke zu Fuß."

Wenn der 71-Jährige heute nach Kehl will, legt er die Strecke ebenfalls meist zu Fuß zurück – nicht weil ihm die Fahrt mit dem Bus zu lange dauert, sondern weil er gerne spazieren geht und dabei Fotos schießt: von Brücken, Bussen, Zügen und dem Rheinhafenviertel, wo er als Sohn eines französischen Soldaten und eines Dienstmädchens aufgewachsen ist. Auch die neue Tram-Brücke wählt er gerne als Motiv – er findet es gut, dass die Straßenbahn bald über den Rhein fährt: "Die Tram ist viel besser als der Bus", sagt er, "sie ist schneller, steht nicht im Stau, und es passen viel mehr Leute rein."