Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
18. Juli 2011
Viertklässler verstehen das System der Ausgrenzung
Schüler der Kehler Falkenhausen-Schule beschäftigen sich mit dem Schicksal Lazarus Mannheimers, dessen jetzt mit einem Stolperstein gedacht wurde.
KEHL. Der erste Kehler Stolperstein wurde nicht vor einem Wohnhaus verlegt, sondern vor einer Schule. Entsprechend lautet die Inschrift nicht "Hier wohnte . . . " sondern:"Hier lehrte . . . " Der am Freitagvormittag vor dem Haupteingang der Kehler Falkenhausenschule von Bildhauer Gunter Demnig ins Pflaster eingelassene Stein erinnert an Lazarus Mannheimer, der dort Lehrer war, bis die Nazis ihn um seinen Beruf, seine Freiheit und schließlich um sein Leben brachten. Umrahmt wurde Demnigs Aktion mit einer von Viertklässler der Schule organisierten und teils gestalteten Gedenkstunde.
"Als klar war, dass es vor der Schule einen Stolperstein für einen ehemaligen Lehrer geben würde, wollten wir uns mit den Verfolgungen im Dritten Reich beschäftigen", erklärt Imogen Remmert, Rektorin der Falkenhausenschule, heute eine bilinguale Grundschule. Zwei Referendarinnen arbeiteten mit zwei vierten Klassen in Projekten an dem Thema. Es habe sich gezeigt, dass das geht, so Remmert. "Man muss den Stoff nur für Kinder verständlich aufbereiten."
Werbung
Die Verlegung der Stolpersteine und das Auffinden der Namen der durch die Nazis ermordeten Kehler Bürger wurde initiiert vom "Arbeitskreis 27. Januar". Der Tag ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar wurde das KZ Auschwitz befreit, in dem auch Lazarus Mannheimer und seine Frau Regina ermordet wurden.
"Der Stolperstein liegt hier vor dem Eingang, damit wir mit den Augen über ihn stolpern, wenn wir zur Schule gehen", lautete einer der selbstverfassten Texte der Kinder. Dekan Günter Ihle vom Arbeitskreis 27. Januar griff diesen Gedanken auf: "Der Stein ist nicht nur eine Erinnerung an einen Menschen, sondern auch eine Mahnung, anders miteinander umzugehen." Oberbürgermeister Günther Petry nannte das Forschen nach Opfern des Naziterrors in Kehl notwendig: "Weil wir nicht sicher sind, dass wir alle kennen."
Lazarus Mannheimer kam 1912 als Lehrer nach Bodersweier, heiratete dort und zog später nach Kehl, um an der Falkenhausenschule zu unterrichten. Er war Kantor der jüdischen Gemeinde und im Vorstand des jüdischen zentralen Vereins. Bereits 1933 kam er in so genannte "Schutzhaft" und verlor seinen Beruf. Am 22. Oktober 1940 wurden er und seine Frau mit anderen badischen Juden ins südfranzösische Lager Gurs deportiert, 1942 nach Auschwitz verschleppt und dort umgebracht.
Anneliese Waag, heute 89 Jahre alt, hatte als Drittklässlerin Lazarus Mannheimer als Klassenlehrer. Sie schreibt in Sütterlin-Schrift an die Tafel und erzählt den Kindern vom Schulleben damals, etwa, dass man Kinder damals schlagen durfte. Mannheimer sei als Klassenlehrer auch deshalb beliebt gewesen, weil er niemals schlug. Bewegend sind ihre Erinnerungen an die Novemberpogrome 1938. Sie erlebte auf dem Heimweg von der Schule, wie jüdische Mitbürger, darunter ihr früherer Lehrer, mit Schlägen und Beschimpfungen durch die Straßen getrieben wurden.
Der Stein für Lazarus Mannheimer war der erste von zwölf Stolpersteinen, die am Freitag in Kehl verlegt wurden.
STOLPERSTEINE
Seit 1995 verlegt der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine. Bis heute sind es über 30 000 in 650 deutschen Städten und Gemeinden sowie in 100 Städten im Ausland. In Offenburg wurden 119 Stolpersteine verlegt, die ersten 2004, auf Initiative der von Gerda-Maria Lütgen gegründeten Aktion "Stolpersteine für Offenburg". 116 befinden sich vor den letzten Wohnungen der Nazi-Opfer im Pflaster, drei liegen vor dem Rathaus, weil zwar die Namen, aber nicht der Adressen bekannt sind. Demnig selbst will mit seiner Aktion die Erinnerung an die Opfer dorthin zurückbringen, wo sie einst lebten. Weitere Gemeinden der Ortenau mit Stolpersteinen: Lahr, Ettenheim, Haslach im Kinzigtal, Gengenbach und jetzt auch in Kehl.
Autor: rob
Autor: Robert Ullmann


