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22. Februar 2014

Gedenken an Widerstandskämpfer

Reinhold Hämmerle und Robert Krais vom deutsch-israelischen Arbeitskreis nehmen an Veranstaltung in Südfrankreich teil.

  1. Foto: Michael Haberer

  2. An der Gedenkstätte in Eygalayes in Südfrankreich wird Reinhold Hämmerle (links) heute im Namen der Stadt Kenzingen ein Trauerbouquet niederlegen. In Eygalayes wurden vor 70 Jahren Widerstandkämpfer hingerichtet, unter ihnen Alfred Epstein aus Kenzingen. Foto: Michael haberer/ Privat

  3. Foto: Michael Haberer

KENZINGEN. Heute um 15 Uhr wird im südfranzösischen Eygalayes der Exekution von 35 französischen Widerstandskämpfern vor 70 Jahren gedacht. Unter ihnen war auch Alfred Epstein, Jude aus Kenzingen. An der Gedenkfeier nimmt erstmals eine Gruppe aus Deutschland teil. Reinhold Hämmerle (Herbolzheim) und Robert Krais (Ettenheim) vom deutsch-israelischen Arbeitskreis am südlichen Oberrhein sind mit anderen zur Gedenkfeier gereist.

Hämmerle legt im Namen der Stadt Kenzingen ein Trauerbouquet nieder und wird auch einige Gedenkworte von Bürgermeister Matthias Guderjan verlesen.

Was sich am 22. Februar 1944 in Izon-la-Bruisse, einer rund 1300 Meter hoch gelegenen, verlassenen Siedlung im bergigen Südfrankreich abspielte, weiß man, weil einer der Résistance-Kämpfer davongekommen ist und die Geschichte erzählen konnte. Wie der Überraschungsangriff der Deutschen gelingen konnte, beruht auf Schlussfolgerungen, nachdem Beobachtungen der Einheimischen zusammengetragen worden waren.

In Izon-la-Bruisse nahe dem Dorf Eygalayes, etwas 30 Kilometer westlich der Herbolzheimer Partnerstadt Sisteron, hatte sich die Résistance-Gruppe Maquis Ventoux eingerichtet. Dieser Gruppe gehörte Alfred Epstein an.

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Epstein schloss sich einer Résistance-Gruppe an

Epstein wurde im Juni 1901 als Ältestes von sechs Kindern einer gutsituierten jüdischen Familie in Kenzingen geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg zog er nach Frankfurt, wo er später als technischer Leiter in der Tuchfabrik Adler arbeitete. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 übersiedelte er mit dem Tuchfabrik Adler nach Luxemburg. Nach dem Einmarsch der Deutschen floh er mit seiner schwangeren Frau ins unbesetzte Frankreich und versuchte, über Portugal nach Brasilien zu kommen. Dies misslang. Da Epstein inzwischen von der Gestapo gesucht wurde, tauchte er unter. Zu diesem Zeitpunkt waren zwei seiner Brüder und seine Eltern aus Kenzingen nach Südamerika und seine Schwester nach England geflohen.

Epstein schloss sich einer vom Kriegsveteran Philippe Beyner und dem Rechtsanwalt Maxime Fischer 1942 in der Gegend des Mont Ventoux gegründeten Résistance-Gruppe an. Die Gruppe Maquis Ventoux (übersetzt Ventoux-Unterholz) war für Aufklärung, aber auch für Sabotage zuständig. Am 12. Februar fuhren nachts zwölf Maquisarden nach Sisteron und jagten den Transformator einer Fabrik in die Luft. Die gewarnten und versammelten Zwangsarbeiter und ihre Familie sangen nach der Detonation die Marseillaise.

Einige Einheiten des Maquis Ventoux hatten sich am 21. Februar in den Gebäuden des verlassenen und weit abgelegen Bergdörfchen Izon-la-Bruisse einquartiert und freuten sich auf das Fastnachtsessen am nächsten Tag. Eine Sau sollte geschlachtet werden. Neben den Deutschen war der Hunger der größte Feind der Widerstandskämpfer. Am Morgen des ersehnten Festschmauses wurde die Gruppe von einer deutschen Kommandogruppe überrascht. Wie es heißt, war ihr Versteck von zwei Résistance-Kämpfern für 400 000 Francs an die Deutschen verraten worden. 20 deutsche Soldaten und 20 Angehörige des Regiments Brandenburg – zum guten Teil französische, für den Partisanenkrieg geschulte Söldner – überwanden die Wachen und nach einer Stunde Feuergefecht gab der Maquis Ventoux auf.

Die Widerständler wurden zum Bauernhof Lambert bei Eygalayes gebracht, wo sie an der Hinterwand des Gebäudes in Vierergruppen erschossen wurden. Zwei Mitgliedern gelang es, über das verschneite Vorland davonzulaufen. Einer ging im Kugelhagel zu Boden. Pascal Perrin hatte Glück und konnte später vom Schicksal des Maquis Ventoux erzählen.

An Alfred Epstein erinnert eine Stele

Bei Eygalayes wurde später eine Gedenkstätte zu Ehren der Getöteten eingerichtet. An den Kenzinger Alfred Epstein erinnert eine Stele. Sein Grab ist in Avignon. 1998 wurde Epstein als jüdischer Widerstandskämpfer in Yad Vachem bei Jerusalem eingetragen. Im Vorfeld der Feiern zu 750 Jahre Stadt Kenzingen im Jahr 1999 nahm der Deutsch-Israelische Arbeitskreis Kontakt mit Irene Epstein-de Cou, Tochter von Alfred Epstein, auf. Sie kam auch zur Jubiläumsfeier in Kenzingen und nahm 2004 an einem Gedenk-Symposium für die Widerstandskämpfer in Herbolzheim teil. Nachdem sich eine AG des Gymnasiums seit 2006 intensiv mit den Nazi-Verbrechen und den Schicksalen der jüdischen Kenzinger beschäftigt hatte, wurde auch für Alfred Epstein ein Stolperstein in Kenzingen verlegt.

Nun haben sich Reinhold Hämmerle und Robert Krais, die sich seit Langem mit den Lebensgeschichten der vom NS-Terror Verfolgten im Nördlichen Breisgau beschäftigen, wie auch der Gewerkschafter Hans-Peter Goergen mit dem Motorradclub Kuhle Wampe zusammengetan und eine Reise zur Gedenkfeier nach Eygalayes organisiert. Dort wollen sie mit ihrer Trauergeste deutlich machen, dass auch Deutsche am internationalen Gedenken an Widerstandskämpfer und jüdische Opfer teilnehmen.

Autor: Michael Haberer