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30. März 2011 19:23 Uhr

Christoph Hochhäuslers Drama "Unter dir die Stadt"

Hinter verspiegelten Fassaden

Christoph Hochhäuslers Filmdrama "Unter dir die Stadt" präsentiert sich als kühles, packendes Kopfkino aus der Welt der Finanzdistrikte. Der Regisseur leuchtet durch glänzende Fassaden in eine Endzeit des Kapitalismus.

  1. Der Kapitalistenkönig und die Spielerin: Robert Hunger-Bühler, Nicolette Krebitz Foto: Piffl

Der Himmel überm Taunus. Der gläserne Lift, der in einem Bürogebäude im Frankfurter Finanzdistrikt hochfährt bis in den 27. Stock. Wer hier oben residiert, hat die Fäden in der Hand und den Kontakt zur Erde verloren. "Unter dir die Stadt" heißt der preisgekrönte dritte Spielfilm des 39-jährigen Münchner Regisseurs Christoph Hochhäusler, und er hat den eigenwilligen Stil der Erstlingswerke ("Milchwald", 2003, "Falscher Bekenner", 2005) noch weitergetrieben: die formale Brillanz, das Erzählen in Auslassungen, den distanzierten, fremden Blick aus langer Kameraeinstellung, die inszenierten Bilder. Wer nun aber neue deutsche Ödnis befürchtet, der sei versichert: Dieses kühle Kopfkino, musikalisch kongenial untermalt (Benedikt Schiefer), ist in seiner Rätselhaftigkeit packend wie ein Thriller.

Es geht um die Begegnung zwischen einem König und einer Spielerin. Sie, Svenja (Nicolette Krebitz), wird eingeführt mit einer beiläufigen Szene auf der Straße: Sie sieht eine Frau, die die gleiche Bluse trägt wie sie, und folgt ihr in die Bäckerei, kauft dasselbe Gebäck, beißt hinein, als wolle sie kosten, wie es auch schmecken könnte, eine junge Frau in fliederfarbener Designerbluse zu sein. Es bleibt bei dem einen Biss. Svenja ist mit dem aufstrebenden Banker Oliver (Mark Waschke) verheiratet, nicht ganz unglücklich, wie eine frühe Bettszene andeutet. Sie hat mit ihm oft den Wohnort gewechselt, aber an den Bankiersgattinnenverhaltenskodex hält sie sich nicht: Zur Vernissage kommt sie in kurzen Jeans und legt ihre Zigarette provozierend auf einer Plastik ab.

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Da sieht er sie: Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler), frisch gewählter Banker des Jahres, will diese Frau haben. Der unabhängige Geist den unabhängigen Körper. Jagdinstinkt, Besitzgier? Vielleicht, er hat die Etagen ja längst hinter sich, in der das Mehren des eigenen Geldes noch reizen könnte. Im Gegensatz zu Oliver, der sein neues Sofa das tollste findet, das er je hatte. Und Svenja? Will nicht nur Sofas. Sie erprobt Rollen, streunt durch die Stadt, geht mit gefälschter Biografie zum Bewerbungsgespräch. Und als sie Rolands Mätresse wird, will sie die Spielregeln setzen: "Das alles bedeutet nichts."

Dieses Nichts sollte man ernst nehmen. Hochhäusler, der sich in seiner Filmtheorie vehement gegen wohlfeile Psychologisierung ausspricht, verweigert sie auch hier. Er will seine Figuren nicht verstehen noch verständlich machen, er schaut ihnen nur zu bei ihrem Spiel, das ein weniger kühler Blick mit Liebe verwechseln könnte. Er liefert weder Charaktere, mit denen man hoffen und leiden könnte, noch schlüssige Erklärungsmodelle des Kapitalismus. Wer die sucht, sieht sich zurückgeworfen wie die Kamera (Bernhard Keller), die an den Glasfassaden der Bankentürme entlangtastet: Wenn die spiegelnde Fläche den Blick freigibt, erschließt sich kein Ganzes.

Lügner sind sie ja alle beide

In den Momentaufnahmen freilich gewährt Hochhäusler viele und vielschichtige Einblicke in die Welt der Finanzdistrikte, angefangen bei den strengen Hierarchien um die Gleichheit simulierenden runden Tische. Den Geschichten auch, die dort kursieren und Finanzprodukten die gewünschte Biografie andichten: Fiktion, die Wirtschaftspolitik macht. Und nicht zuletzt in der Art, wie die Banker sich mit Neuer Musik und Gegenwartskunst umgeben, als wäre Kultur für sie der Mehrwert des Lebens.

Robert Hunger-Bühler, der Theatermann, der vor Jahren auch in Freiburg spielte, gibt den Großbanker Cordes ganz formidabel als Mann ohne Gefühl. Wie David aus der biblischen Geschichte, der Betseba begehrt und ihren Mann an die Front schickt, lässt Cordes, um bei Svenja freies Feld zu haben, Oliver nach Indonesien versetzen, wo eben ein Mitarbeiter ermordet wurde. Dessen Kinderfoto steckt er ein und gibt es als seines aus: erfundenes Leben, um Svenja zu manipulieren. Lügner sind sie aber beide. Spielt sie ihm ihre Drogenvergangenheit nur vor?

Ganz oben geht die Sehnsucht ja nicht in den 28. Stock, sondern nach ganz unten: Cordes lässt sich in seiner Kapitalistenkönigkluft in regelmäßigen Abständen zu einem heruntergekommenen Keller fahren, wo er einem Fixer beim Drücken zusieht. Der Höhenflieger im abstrakten Raum berauscht sich am Absturz im Konkreten. Da ist eine Lust am Untergang, und sei es nur der schnelle kleine Tod mit Svenja auf dem Teppichboden. Für sie will Cordes schließlich seine ohnehin ausgereizte Karriere aufgeben: Da wird er zur lächerlichen, zur traurigen Figur.

Hochhäusler leuchtet durch glänzende Fassaden in eine Endzeit des Kapitalismus. Bis hinein ins offene, beunruhigende Schlussbild: Sind da schon Bankentürme am Einstürzen?
– "Unter dir die Stadt" (Regie: Christoph Hochhäusler) läuft in Freiburg in der Harmonie.

Autor: Gabriele Schoder