Großkatze im Dreisamtal unterwegs

Ein Luchs erbeutet bei Kirchzarten ein Reh – und trägt jetzt einen Sender

Markus Donner

Von Markus Donner

So, 07. Januar 2018 um 09:21 Uhr

Kirchzarten

Viel war in jüngster Zeit vom Wolf die Rede, der sich den Schwarzwald zurückerobert. Dabei gibt es konkrete Hinweise, dass sich im Forstbezirk Kirchzarten bereits ein anderes Wildtier aufhält: der Luchs.

Erstmals im Mai des vergangenen Jahres von einem der Revierförster gesichtet, hat er vor dem Jahreswechsel wieder unzweifelhafte Spuren hinterlassen.

Hans-Ulrich Hayn, Leiter des Forstbezirks Kirchzarten, berichtet davon, dass es in der Woche vor Weihnachten eindeutige Indizien gegeben habe, die auf besagten Luchs hindeuten. Die Wildkatze hat nämlich ein Reh stibitzt, dass einer der Förster vor die Flinte bekommen hat. Auf der Suche nach dem erlegten Jungtier fand sich dann eine unerklärliche Blut- und Schleifspur, die sich dann im weiten Gelände verlor. Jetzt musste der Jagdhund ran – und der wurde auch rasch fündig. Im felsigen Gelände fand sich ein totes Reh. Da es noch "warm" gewesen sei, war zu vermuten, dass es unmittelbar davor noch lebte.

Merkwürdig nur: Das Kitz war "angefressen" und typische Tatzenabdrücke ließen keinen Zweifel zurück, dass sich hier ein Luchs einen Nahrungsvorrat gesichert haben muss.

Wie in solchen Fällen üblich, wurde die Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) über den Vorgang informiert. Drei von deren Mitarbeitern gelang es dann tatsächlich auch, den Luchs aufzuspüren, wie Hayn sagt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Wildkatze zu ihrer Beute zurückkehrt, sei sehr hoch. Jetzt, im Winter, verdirbt das Fleisch kaum, und der Luchs kann sich gut eine Woche daran sättigen. Eine Falle wurde aufgestellt, und so war es dann auch möglich, dem Tier einen Sender anzulegen, um dessen Aufenthaltsbereich orten zu können.

Bei dieser Arbeit fand sich dann in unmittelbarer Nähe noch ein totes Reh. Im Rückschluss muss es dann jenes Rotwild gewesen sein, das nicht vom Luchs, sondern vom Förster geschossen worden ist. Die Schussverletzung deutete darauf hin. Offensichtlich hat der Luchs kurz vor dem vom Förster geschossenen Tier ein anderes Reh erbeutet.

Denn wenn der Luchs mit seiner Pranke in den Körper seiner Beute eindringt, sei diese Verletzung bei flüchtiger Betrachtung von einem Einschuss kaum noch zu unterscheiden, weiß Hans-Ulrich Hayn. "Der Luchs hat sein Reh also nicht ,gestohlen’, wie ursprünglich vermutet, sondern sein Festessen zu Weihnachten auf ehrliche Weise verdient", gesteht der Forstbezirksleiter ein.

Wegen fehlender Weibchen keine Luchspopulation

Spuren des Luchses finden die Förster im Schwarzwald immer wieder. Die Tiere, allesamt männlich, stammen bisher alle aus der Schweiz, sind sich die Forstleute einig. Es wird vermutet, dass die Katzen entweder durch den Hochrhein geschwommen sind oder für den Grenzübertritt Brücken benutzen. Weibliche Luchse schaffen diese Strapazen offensichtlich nicht. Somit müssen sich die Luchse als "Junggesellen" alleine ohne Partnerin zurechtfinden, obschon sie diese zur Paarungszeit durchaus suchen würden. Eine Luchspopulation im Schwarzwald ist daher ausgeschlossen.

Micha Herdtfelder, Wildökologe bei der FVA in Freiburg, wundert das Auftauchen des Luchses im Südschwarzwald nicht. "Wir haben immer wieder mal Fährten und Fotofallenbilder dokumentiert." Isabel Kling vom zuständigen Landwirtschaftsministerium in Stuttgart bestätigt den Luchs im Schwarzwald, ohne konkrete Angaben zu Kirchzarten machen zu können.

Jedenfalls haben die Forstfachleute den Luchs immer wieder auf dem Radar. Über die Herkunft gibt ihnen die Fleckenzeichnung des Fells Auskunft. Das sei wie ein genetischer Fingerabdruck, bestätigen Hayn und Herdtfelder übereinstimmend. Beim Abgleichen der Bilder ließen sich dann Übereinstimmungen feststellen, die den Luchs identifizieren. Die Wildkatze sei insgesamt unproblematisch, es lägen keine Hinweise auf getötete Haustiere vor. Offensichtlich reicht ihm das Wildvorkommen im Schwarzwald aus.